Mit KTM zur »Krönung« in der »Königsklasse«?

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Solche Erfolge wollen sie in Zukunft noch öfter feiern: Manfred »Tex« Geißler (links) und Brad Binder nach dem Sieg in Brünn.

Es geht nach vorn: Der ehemalige Motorradrennfahrer Manfred »Tex« Geißler (Pittenhart) kommt in der Motorrad-Weltmeisterschaft mit dem KTM-Werksteam der Weltspitze immer näher – und das in der »Königsklasse« MotoGP.


Der Toppilot des Teams, Pol Espargaro, wurde heuer sogar WM-Fünfter mit 135 Punkten – mit nur vier Zählern Rückstand auf Rang drei. Und der von Geißler mit dem Data-Recording betreute Neuling Brad Binder (Südafrika) erkämpfte in seinem ersten Jahr in der Moto-GP-Klasse mit beachtlichen 87 Punkten den elften Gesamtplatz – und feierte sogar einen Rennsieg!

Geißler ist schon seit Ende 2015 im KTM-Werksteam tätig. Das Projekt des österreichischen Teams hatte bereits früher im Jahr 2015 praktisch auf »einem weißen Blatt Papier« begonnen – inzwischen jedoch hat das Team schon an der Geschichte der Klasse »mitgeschrieben«.

Mike Leitner – ehemals Chefmechaniker von Dani Pedrosa (Honda) baute als Manager des GP-Teams die Mannschaft auf. »Er hat eine gute Truppe zusammengestellt, mit vielen erfahrenen Mechanikern«, lobt Geißler. Obwohl KTM das einzige Team ist, das mit einem Stahlrohrrahmen fährt und mit Federelementen von WP Suspension unterwegs ist, »fährt KTM in allen Serien, die sie angepackt haben, vorne mit. Das ist schon eine Genugtuung.«

Auch für den Gesamt-Motorsportchef von KTM, Pit Beirer: Der ehemalige Motocross- und Offroadpilot »ist mit ganzem Herzen motorsport-begeistert.« »2016 waren wir praktisch nur zum Testen, 2017 waren wir im Training mit gut drei Sekunden Rückstand an letzter Stelle«, erinnert sich der 49-Jährige.

Doch es ging »relativ zügig voran.« Zumal KTM als Neuling auch etwas mehr Tests absolvieren und mehr Motoren pro Fahrer pro Saison (sieben statt sonst fünf) einsetzen durfte als die Konkurrenz. »In den letzten vier Jahren mussten wir ja auch immer zwei Schritte nach vorn machen, um aufzuholen – schließlich macht auch die Konkurrenz immer wieder einen Schritt nach vorn.«

Schon 2019 hatte Espargaro für Aufsehen gesorgt. »Aber dieses Jahr war der Hammer«, freut sich Geißler. »Wir hatten ein neues Konzept beim Rahmen, und schon bei den Tests waren wir gut dabei.« Beim Saisonauftakt in Jerez (Spanien) hatte Brad Binder zwar zunächst ins Kiesbett gemusst und war als Letzter auf die Strecke zurückgekehrt, »aber dann ist er Rundenzeiten wie die Spitze gefahren.«

Der Höhepunkt war das dritte Saisonrennen in Brünn (Tschechien), als sich Binder sogar den Sieg holte. Insgesamt sei es eine Saison »mit Höhen und Tiefen« für Binder gewesen, bilanziert Geißler. »Er hatte vier Ausfälle, manchmal wollte er einfach zu viel.« Doch der Südafrikaner ist ja auch noch ein Lernender – so wie das Team trotz aller Fortschritte immer noch.

Ganz neu für alle Teams war der Umgang mit der Corona-Pandemie. Nach den ersten Tests in Katar waren Teams und Fahrer monatelang daheim – was für Geißler jedoch auch mehr Zeit für die Familie bedeutete.

Aber eben auch die »Unsicherheit, »ob es überhaupt weitergehen könnte. Da muss ich ein großes Lob an die Dorna aussprechen, dass dank ihres Konzepts wieder Veranstaltungen möglich waren«, lobt er den WM-Vermarkter. So gab es auch nur einzelne positive Fälle im Fahrerfeld, »in unserem Team gar keinen. Wir haben uns gut an die Regeln gehalten, sind in der Blase gereist.« Am Veranstaltungsort ging es sowieso nur vom Hotel an die Rennstrecke und vorn dort wieder ins Hotel.

Somit wurde doch noch eine ordnungsgemäße WM ab Mitte Juli möglich. Auf ein Doppel-Rennen in Jerez (Spanien) folgten vier Triple-Events: Dabei wurde an je drei aufeinanderfolgenden Wochenenden gefahren, wobei immer eine Rennstrecke doppelt dran war. Mit Vor- und Nachteilen: »Man musste nichts abbauen oder neu aufbauen und konnte die Maschine noch verbessern. Aber dafür war alles noch viel enger, da kommt jeder näher an sein Limit.«

Vor dem nächsten Triple war eine Woche frei. Sowohl vor dem Heimweg als auch vor der Abfahrt war jeweils ein Corona-Test nötig. Bei Geißler waren es 16 Tests, »irgendwann gewöhnt man sich an das Staberl in der Nase«, meint er.

Und wie läuft die Arbeit an der Rennstrecke ab? Geißler arbeitet vorwiegend am Computer. Er muss »das Motorrad überwachen und die Sensoren kalibrieren.«. Es gibt weitere Techniker, etwa den Motorentechniker, den »Benzin-Mann« und den »Strategie-Mann«. Geißler wertet die Daten mit seinen Kollegen aus, »bastelt« aus allen Informationen etwas zusammen. Das »schickt« er ans Motorrad, dokumentiert es aber auch, sodass die Ingenieure an der Strecke und im Werk die Daten sehen können. Auch mit Pol Espargaros Data-Recordern wurden Daten ausgetauscht, »ebenso wie mit unserem KTM-Kundenteam.« Schließlich will sich der Hersteller ja insgesamt verbessern. »So kann man auch an einer neuen Strecke zunächst in verschiedene Richtungen arbeiten und dann sehen, was am besten passt.«

Zeit gibt es an der Strecke allerdings nicht im Überfluss. Nach den ersten zwei Freien Trainings (je 45 Minuten) sollte das Grundgerüst stehen. Denn im dritten Freien Training geht es darum, sich mit einem Rang unter den Top Ten einen Platz im »Quali 2« zu sichern, in dem die ersten zwölf Startplätze ausgefahren werden. Die restlichen zwei Plätze erhalten die zwei Erstplatzierten des Quali 1. »Das ist nicht üppig, um wilde Sachen auszuprobieren, auch wenn man bei zwei Motorrädern schon etwas machen kann.«

Im Rennen kann Geißler die Maschine auf der Strecke nicht beeinflussen. Der Fahrer selbst kann während der Fahrt die Traktionskontrolle und das Powermanagement (vor allem bei nachlassenden Reifen nötig) selbst verstellen.

»Ich kann Brad zwar kurze Nachrichten aufs Display schicken, aber das mag er eh nicht so.« Denn der Körper des Fahrers ist fast permanent in alle Richtungen in Bewegung, »da ist er sowieso ganz schön gefordert.« Viele Infos werden daher mit der traditionellen Boxentafel weitergegeben.

Geißler selbst kann aus seiner Erfahrung als Pilot nur in begrenztem Umfang helfen. »Ich bin in der 125-ccm-Klasse gefahren, mit einem Zweitakter mit gut 50 PS. In der Moto-GP ist es ein Viertakter mit ca 270 bis 280 PS und 1000 ccm«, verdeutlicht der 49-Jährige die gewaltigen Unterschiede. Aber: »Ich kann ihm anhand der Daten zeigen, ob er das Motorrad aus der Kurve richtig aufrichtet.« Ein weiterer Vorteil: »Manchmal denkt man mit der Erfahrung nicht so kompliziert wie die Ingenieure.«

Derzeit geht es für Teams und Piloten etwas ruhiger zur Sache. »Ich habe jetzt Zeit, die Daten auszuwerten.« Die ersten Tests sind für Ende Februar geplant, voraussichtlich werden sie statt in Sepang (Malaysia) in Europa stattfinden. Ende März oder Anfang April soll das erste Rennen stattfinden.

Dann hoffen Geißler und Binder, dass es in der WM noch weiter nach vorn geht. Denn irgendwann hofft man bei KTM auf die »Krönung« in der »Königsklasse«: den WM-Titel. who

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