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»Man muss immer noch selber treten«

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Noch immer gehen Vater und Sohn gemeinsam auf Radtouren: Robert Glaßl (links) und Daniel Bichlmann waren auf unserem Bild gerade rund um Teisendorf unterwegs. (Foto: Brenninger)

Vom Woll-Trikot zum atmungsaktiven und bequemen Raddress, vom schweren Drahtesel zum ultraleichten Rennrad: Der Radsport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm verändert – aber eines ist dann doch gleich geblieben. »Man muss immer noch selber treten«, sagt Daniel Bichlmann und lacht.


Der 31 Jahre alte Radprofi aus Siegsdorf, der mittlerweile mit seiner Freundin in Salzburg wohnt, sitzt neben seinem Vater Robert Glaßl. Der Haslacher ist ebenfalls ein begeisterter und überaus erfolgreicher Radsportler, der im Amateurbereich viele Titel bei nationalen und internationalen Rennen abgeräumt und unzählige Erfolge gefeiert hat. »Früher musste man beim Schalten richtig viel Gefühl haben«, erzählt der 63-jährige Glaßl. »Und natürlich gab's viel öfters Defekte am Rad.« Der Komfort sei mittlerweile natürlich richtig hoch, ergänzt Bichlmann.

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Auch das Training hat sich verändert

Und auch das Training hat sich massiv verändert. »Früher ist man einfach gefahren – ohne irgendwelche Trainingspläne. Und die Profis mussten auch alles können«, sagt Glaßl, der beim RSV Traunstein aktiv ist. Das ist heute anders. Mittlerweile haben sich die Profis auf die Strecken spezialisiert. Alles ist genau abgestimmt – sogar das Essen vor den Rennen genau kalkuliert und auf die Bedürfnisse des Sportlers abgestimmt. Der Radsport sei viel mehr, als nur in die Pedale zu treten, sagt Bichlmann. »Unser Sport ist vielfältig. Man braucht eine Strategie, eine Technik und auch viel Können und Wissen.« Der 31-Jährige ergänzt: »Am besten ist es, man lernt es von klein auf.«

Und genau das hat Bichlmann auch gemacht. Schon früh ist er mit seinem Papa und dessen Gruppe unterwegs gewesen. »Das war die harte Schule«, erinnert sich Bichlmann zurück, der auch nach wie vor Mitglied im RSV Traunstein ist. »Und es war auch nicht immer lustig«, ergänzt er. »Das Problem ist, Robert kennt keinen Genuss, da wird nie gemütlich gefahren.« Für Glaßl ist gerade das Fahren in der Gruppe »das A und O«. Alleine verliere man schnell die Lust, findet er. »In der Gruppe ist einfach der Trainingseffekt ein anderer. Wenn man in der Gruppe fährt, dann plagt man sich den Berg schon etwas anders hoch und dann wird man auch fitter«, ist er überzeugt.

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Schon früh begleitete Daniel Bichlmann seinen Papa auf die Rennen – hier sind die beiden im Jahr 1990 im Rahmen eines Kriteriums in Karlsfeld bei München zu sehen.

Gerade diese Einheiten haben Daniel Bichlmann zum Radprofi gemacht. »Ich bin wirklich sehr stolz auf Daniel«, lacht sein Vater. Aktuell fährt Bichlmann für das saarländische Team Bike Aid und hatte dort einen vielversprechenden Saisonstart, bis auch der gesamte Radsport aufgrund der Coronavirus-Krise jäh gestoppt wurde. Seitdem ist Bichlmann im Wartestand.

Er ist vor allem froh darum, dass er als Kaminkehrer ein zweites Standbein hat und jetzt gerade auch arbeiten gehen kann. »Mein weiterer Saisonverlauf steht nach wie vor in den Sternen«, erzählt Daniel Bichlmann. Er hofft, dass es im August weitergehen wird. Momentan sei die Situation schon sehr perspektivlos, seufzt er.

Aktuell hat der ehrgeizige Profi auch das Training eingestellt. »Ich fahre zwar gerade viel mit dem Rad, weil es mir Spaß macht, aber das ist kein richtiges Training«, sagt er. Wenn es absehbar ist, dass wieder Rennen stattfinden werden, legt Bichlmann aber wieder los – denn er ist nach wie vor sehr ehrgeizig und heiß auf den Neustart. »Ich komme ja auch nicht von Null. Das heißt, ich bin relativ schnell wieder fit«, ist er überzeugt. Klar ist: »Ohne die Rennen fehlt mir etwas.«

Und dabei geht es Bichlmann in erster Linie nicht nur darum, dass er jetzt ja als Radprofi auch kein Geld verdienen kann. »Wirtschaftlich gesehen ist das natürlich gerade eine Vollkatastrophe, aber ich habe im Peloton einfach auch einen großen Freundeskreis, und den sehe ich jetzt ja auch nicht. Das geht mir richtig ab.« Auch aus einem anderen Grund nervt ihn die Zwangspause. »Ich habe nicht mehr so viele Saisonen als Profi vor mir«, sagt er. »Es wäre natürlich extrem bitter, wenn man mit so einem Jahr seine Karriere beendet müsste.«

Wie es im Radsport weitergehen wird, kann momentan niemand voraussagen. Viel wird bei den Profis davon abhängen, ob die auf August verschobene Tour de France stattfinden kann. »Wenn die Tour starten wird, dann kommt der Radsport wohl mit einem blauen Auge davon«, glaubt Robert Glaßl. »Wenn nicht, dann wird es ganz massiv werden.« Das sieht auch sein Sohn so. »Vor allem kleinere Teams werden es dann schwer haben«, sagt er. »Nur die Top-Leute brauchen sich sicher keine Sorgen machen. Sie werden auch in der neuen Saison ein Team haben.«

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Der Traunsteiner Radrennfahrer Robert Glaßl war einer der Fackelträger für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München. (Fotos: Glaßl)

Glaßl befürchtet auch, »dass durch die Krise im Amateurbereich nichts mehr so sein wird, wie es war«. Auch hier hänge alles in der Luft. »Vielleicht findet die Bayerische Meisterschaft noch im Oktober statt«, hofft er. Viele der kleineren Rennen, befürchtet er, wird es künftig gar nicht mehr geben. Dabei ging gerade im Amateursport der Daumen in den vergangenen Jahren schon immer weiter nach unten. »Früher hat es einfach mehr Aktive gegeben« erinnert sich Robert Glaßl zurück. »Da waren auch mal 120 Teilnehmer am Start und es waren oft samstags und sonntags Rennen. Jetzt sind oft gerade einmal 30 Teilnehmer am Start.« Und auch die Rennen selber wurden immer weniger. »Die Auflagen an die Veranstalter sind enorm«, sagt Glaßl, »das ist einfach ein wahnsinniger Aufwand und eine große Verantwortung.« Deshalb sei es durchaus verständlich, dass viele Veranstalter dieses Risiko nicht mehr eingehen wollen.

Zudem hat der Radsport auch ein Jugend-Problem, sind beide überzeugt. »Es gibt viele Kinder«, freut sich Robert Glaßl, fügt dann aber hinzu: »Aber die hören dann leider im Alter von 15/16 Jahren oft auf.« Der Breitensport sei zwar gerade im Radsport enorm, ergänzt Daniel Bichlmann. »Aber die wenigsten haben eben den Ansporn, Hochleistungssport zu betreiben«, glaubt er. »Man fährt einfach nur, solange es schön ist. Keiner will fahren, bis er umfällt.«

Noch immer wird gemeinsam trainiert

Und so hat sich die aktive Radsport-Szene in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geändert. Nur eines ist dann doch gleich geblieben: Vater und Sohn trainieren nämlich auch heute noch ab und an zusammen. Es sei sehr schön, dass man ein gemeinsames Hobby habe, sagt Robert Glaßl. »Und deswegen können wir eben auch viel Zeit miteinander verbringen.« Freilich sind mittlerweile die Karten neu gemischt. »Daniel ist jetzt geringfügig stärker«, schmunzelt Robert Glaßl. Der aber prompt ein dickes Lob von seinem Sohn bekommt. »Für sein Alter ist er unvorstellbar stark.«

Auch das schätzt Glaßl übrigens so sehr an seinem geliebten Sport. »Es verbindet Generationen hinweg miteinander und man kann zusammen seine Gaudi haben.« Zuletzt war das aber aufgrund der Krise alles nicht möglich. Auch beim RSV Traunstein konnten zuletzt aufgrund der Corona-Einschränkungen keine gemeinsamen Ausfahrten stattfinden. »Wir haben aber Glück gehabt, dass wir zumindest allein raus durften«, sagt Robert Glaßl, der sich darauf freut, »wenn wir wieder in einer großen Gruppe fahren dürfen«. Und zwar im atmungsaktiven Radtrikot und mit schnellen Rennrädern! SB

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