weather-image
30°

Katar – ein Wintermärchen?

0.0
0.0
Bildtext einblenden
13. Juli 2014: Zahllose Fans bejubeln bei sommerlichen Temperaturen den Finalsieg der Deutschen Nationalmannschaft – Bilder, die im Dezember schwer vorstellbar erscheinen. (Foto: Artes)

Absurde Szenen könnten sich aller Voraussicht nach im Winter 2022 abspielen. Fans, die bei Minusgraden und mit Glühweinbechern in den Händen mit ihren Nationalmannschaften mitfiebern, wären bei den Christkindlmärkten ein denkbares Szenario. Schuld ist die voraussichtliche Verlegung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in den Winter. Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt kommen Interessensgruppen zu Wort, die unter dieser Terminierung leiden.


Während die großen Fanmeilen ohnehin schon resignieren, stellt das Turnier im Winter beispielsweise auch für die Biergärten-Wirte ein handfestes Problem dar. Durften diese sich bei den vorigen Turnieren über hohe Besucher- und Umsatzzahlen freuen, ist damit bei der WM 2022 nicht zu rechnen.

Anzeige

Andreas Mätze, Pächter des Wochinger Brauhaus in Traunstein, sieht die Entscheidung äußerst kritisch: »Im Gegensatz zum normalen Public Viewing im Biergarten sind das locker 70 Prozent Umsatzeinbußen. Die Steigerung des Bierkonsums pro Kopf 2014 war ja auch durch die WM verursacht.«

»Möglichst viel nach innen verlegen«

Im November und Dezember sei es außerdem für ein Zelt wahrscheinlich schon zu kalt. Eine Alternative zum Fußball im Biergarten ist für ihn deswegen, »möglichst viel nach innen zu verlegen.« An die Verkaufszahlen einer regulären WM in den Sommermonaten sei aber auch auf diese Weise nicht anzuknüpfen, ist er sich sicher.

Ob die voraussichtliche Entscheidung des Weltverbandes auch für die Amateurfußballer Konsequenzen hat, beurteilt BFV-Gruppenjugendleiter Stefan Fritzenwenger: »Eine Auswirkung auf die Amateurvereine ist nicht abzusehen. Der Spielbetrieb ist ja normalerweise zwischen dem 10. und 15. November beendet.« Auch während der letzten Großturniere hätten die Amateure ja teils noch gespielt. Es gebe auch keine Regularien, die das verbieten würden.

An sich empfindet Fritzenwenger die Ansetzung im Winter nicht als dramatisch: »Bei den Temperaturen gibt es kaum Alternativen. Die Vergabe selber halte ich aber für einen absoluten Witz. Das hat man sich jetzt selbst zuzuschreiben. Immerhin wird es jetzt so gemacht, dass der Wintersport nicht auch noch drunter leiden muss.«

Auch der ehemalige DFB-Sport- und BFV-Verbandssportrichter Helmut Schreckenbauer steht dem Turnier skeptisch gegenüber. »Ich kann auch schlecht eine Beachvolleyball-WM nach Grönland legen. Das ist organisatorisch ein Mammutaufwand und der Fußball ist da der große Verlierer. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das keine Auswirkungen auf die Verbands- und Regionalligen hat.«

Insgesamt sei Katar »von der Struktur und vom Klima her einfach nicht geeignet.« Des Weiteren sei es für die Fans auf der ganzen Welt ein Ding der Unmöglichkeit, dass die Großveranstaltung mit der Vorweihnachtszeit zusammenfällt. Allerdings »ist es schwer vorstellbar, dass es da im Sommer irgendwie funktionieren würde.«

Auf die drohende Kollision des Turniers mit der Weihnachtszeit angesprochen, entgegnet der Traunsteiner Dekan Georg Lindl: »Ich glaube, das ist von Haus aus eine ganz korrupte Angelegenheit. Mir ist das jetzt aber wurscht, ich bin da ganz emotionslos. Ich fände es nur schade, wenn man einfach alles dem Kommerz opfert und halte Sepp Blatter ja für einen durch und durch korrupten Typen. Damit stehe ich wohl auch bei Weitem nicht alleine da.«

Allgemein sieht sich Lindl als »Anhänger des traditionellen Fußballs«, wie er in Europa und Amerika verwurzelt ist. Ob die WM dann in einem Wüstenstaat sein müsse, sei zu bezweifeln.

»Von der stillen Zeit längst verabschiedet«

Auch klimatisch habe die Ansetzung ihre Besonderheiten: »Das Schöne in Deutschland war ja auch das Public Viewing. Beim Christkindlmarkt mit Glühwein in der Hand stelle ich mir das etwas grotesk vor.« Trotz allem zieht Lindl ein nüchternes Fazit: »Sind wir ehrlich: Vom Konzept der stillen Zeit haben wir uns schon längst verabschiedet, aber das toppt alles Bisherige schon nochmal.« mf