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»Irgendwann werden wir es hoffentlich zumindest verstehen«

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Sie versuchen, das Schicksal gemeinsam zu meistern: Nikolai und sein Vater Jürgen Sommer. (Foto: S. Huber)

Der 11. Mai in diesem Jahr war für Nikolai Sommer aus Kirchanschöring ein Tag wie viele in seinem Leben als alpiner Skirennfahrer. Der 16-Jährige war mit seiner Gruppe im Trainingslager im Tiroler Kaunertal. Allerdings hat dieser Tag sein Leben auf den Kopf gestellt. Nach einem fatalen Trainingssturz ist Nikolai Sommer querschnittsgelähmt.


»Der Tag hat ganz normal begonnen, Frühstück, aufwärmen und einfahren«, erinnert sich der bald 17-Jährige fünf Monate nach dem Unfall. Nikolai sollte auf einer Wellenbahn eine Art Vorläufer für die jungen Sportler der Gruppe machen und ihnen zeigen, wie die Wellen »geschluckt« werden.

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»Ich bin viel zu schnell reingefahren. Die erste Welle habe ich gerade noch geschafft, bei der zweiten hat es mich ausgehoben und bin im Gegenhang auf dem Rücken gelandet«, erzählt er. »Ich habe gleich gemerkt, dass es schlimm um mich steht. Ich habe die Füße nicht mehr bewegen können und nichts mehr gespürt. Nur die Wirbelsäule hat mir etwas wehgetan.«

Danach hatte das für den TSV Waging startende Skitalent einen Filmriss. »So fünf Minuten fehlen mir. Erst als die ersten Retter sich um mich gekümmert haben, habe ich wieder alles mitbekommen.« Später im Hubschrauber stellte ihn der Notarzt auf dem Weg zur Uni-Klinik Innsbruck ruhig.

Seinen Vater Jürgen Sommer fällt es auch jetzt noch schwer, über das Geschehene zu sprechen. Er war mit dem Auto unterwegs, als sein Handy klingelte. Auf dem Display eine Nummer aus Österreich, am Telefon Professor Schmid von der Uni-Klinik Innsbruck. »Er hat mir vom Sturz vom Nikolai berichtet. Da ist eine Welt zusammengebrochen, es ist furchtbar.« An ein Weiterfahren war nicht mehr zu denken. Der Geschäftsführer seines Arbeitgebers (Firma Max Aicher) kam. Jürgen Sommer machte sich sofort mit seiner Frau Andrea auf den Weg nach Innsbruck.

Besuch von Neureuther am Krankenbett

Dort hatte Nikolai mittlerweile seine Vermutung bestätigt bekommen. »Ich bin dann gleich operiert worden. Der Arzt hat von einer starken Quetschung gesprochen. Das Rückenmark ist nicht ganz durch, das war in Anbetracht der Lage eine erste gute Diagnose«, erzählt er. Die ersten Tage in der Klinik verbrachte Nikolai Sommer in einem Einzelzimmer. »Das war gut, um alles zu verarbeiten«, erinnert er sich.

Erst in der Unfallklinik in Murnau kam er in ein Mehrbettzimmer. Dort lernte er eine Reihe von »Gleichgesinnten« kennen. »Die haben mir sehr geholfen und auch meine Fragen beantwortet.«

Gefreut hat sich Nikolai über den großen Zuspruch seitens der Eltern, seiner Freundin und allen Freunden. Auch bekannte Wintersportler haben geholfen. Paralympicssieger Martin Braxenthaler, Langläufer Tobi Angerer, Biathlet Andi Birnbacher und Skifahrer Felix Neureuther. Dieser besuchte ihn sogar zweimal in Murnau und hält weiter Kontakt zu ihm.

Seit Anfang Oktober ist Nikolai Sommer wieder daheim in Kirchanschöring. Dort wird das Haus der Sommers behindertengerecht umgebaut. Dank seiner großen Fortschritte in Murnau war keine weitere Reha notwendig. Nach dem Muskelabbau holte er dank Krafttraining und Physiotherapie vieles wieder auf. Glücklicherweise ist der Oberkörper von der Lähmung nicht betroffen.

Nun heißt es für Nikolai Sommer, an die Zukunft zu denken. Die Mitglieder der Skiabteilung und der Vorstand des TSV Waging, Beppo Hofmann, sind derzeit dabei, den Dachstuhl zu errichten. Auch ein Fahrstuhl wird eingebaut. Das »Projekt Nikolai Sommer« hat bisher 130 000 Euro gebracht.

»Wir brauchen jeden Cent, um Nikolai eine Mobilität zu ermöglichen«, erklärt Beppo Hofmann. In Kürze will der junge Sportler seinen Führerschein machen und im Sportinternat Berchtesgaden die Schule mit dem Abitur abschließen.

Er ist sich sicher, dass er auch einen geeigneten Beruf finden wird. Nach dem Unfall hatte er oft Träume, in denen er gehen konnte. »Beim Aufwachen habe ich gemerkt, dass ich gelähmt bin. Mittlerweile ist es besser geworden. Ich träume jetzt, dass ich mit dem Rollstuhl unterwegs bin und was mache.«

»Zum Beispiel kann ich ausschlafen«

Den kommenden Winter sieht er gelassen. Als eines der hoffnungsvollen Nachwuchstalente im DSV muss er nun zuschauen, wie seine Kollegen auf die Pisten gehen. »Es ist ein komisches Gefühl. Aber ich habe mehr Zeit für was anderes, zum Beispiel kann ich ausschlafen«, sagt er schmunzelnd.

Jürgen Sommer ist in diesen Tagen dankbar für die Hilfe. Ob von Firmen, seinem Arbeitgeber, dem Deutschen Skiverband und vielen anderen Helfern. Auch bekamen die Sommers psychologische Unterstützung.

»Wir haben geglaubt, wir müssen vor Niko den Starken spielen. Aber wir dürfen auch Gefühle zeigen. Am meisten geholfen hat er uns aber damit, wie er mit seinem Schicksal umgegangen ist. Wir sind sehr stolz auf unseren Sohn.«

Trotzdem ist bei Jürgen Sommer die Normalität noch lange nicht in Sicht. »Es gibt nur schlaflose Nächte, an einen erholsamen Schlaf ist seit dem Unfall nicht zu denken. Ich sehe Jugendliche beim Sport, die laufen können. Das kann mein Niko nicht mehr. Irgendwann wird hoffe ich der Tag kommen, dass wir es zumindest verstehen«, sagt Jürgen Sommer unter Tränen. SHu