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»Im Training fehlt oft die notwendige Härte«

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Tobias Reiter, Trainer am Stützpunkt Ruhpolding, sieht im Nachwuchsbereich der Biathleten Nachholbedarf. Foto: Ernst Wukits

Die Lieblingssportart der Deutschen im Winter ist Biathlon – doch gerade in dieser Sportart gibt es aktuell Sorgen. Es fehlt der Nachwuchs. War man lange Zeit im internationalen Vergleich die Nummer eins, haben Deutschland mittlerweile viele Nationen überholt. An was liegt das? Diese Frage konkret beantworten kann niemand, zumindest aber gibt es einige Erklärungen und Ansätze, um dieses Problem zu lösen.


»Das alles ist nicht so einfach. In Deutschland ist momentan alles in eine andere Richtung gegangen. Die Sportler möchten Leistung zeigen, allerdings fehlt oft die letzte Konsequenz. Wir haben das Gesamtsystem aus dem Fokus verloren«, analysiert Tobias Reiter, Trainer am Stützpunkt Ruhpolding, die Situation. Nach seiner sportlichen Karriere hat Reiter fast sämtliche Stationen im Trainerbereich durchlaufen.

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»Zuletzt haben die Erfolge von Neuner und Dahlmeier vieles übertüncht«, fügt er hinzu. Er fordert, im unteren Bereich konsequent einiges umzusetzen. »Im Training fehlt oft die notwendige Härte«, gibt er zu bedenken.

Hoffnung macht ihm die Arbeit des sportlichen Leiters im Biathlon, Bernd Eisenbichler. Dieser hat das Problem bei seinem Amtsantritt im Deutschen Skiverband (DSV) erkannt und bereits Maßnahmen eingeleitet. Die Junioren bräuchten etwas zulange, um sich bei den Senioren zur Weltspitze zu entwickeln. »Das machen andere Nationen schneller«, sagte er im Interview mit dem Sportinformationsdienst.

Als erste Maßnahme ist der Perspektivkader verjüngt worden. Im zweitklassigen IBU-Cup sollen künftig vermehrt 20- bis 24-Jährige eingesetzt werden, umso international wieder konkurrenzfähiger zu werden. »Manchmal muss man den angenehmen Weg verlassen. Viele gehen zu dem Trainer, der sympathisch ist und bei dem es viel Spaß macht. Schon die 16- bis18-Jährigen müssen top ausgebildet werden. Das geht nur mit erfahrenen Trainern. Wir brauchen zulange, um in den Weltcup zu kommen«, erklärt Reiter, der sich als ehemaliger Disziplintrainer der Damen einen Namen gemacht hat. »Wir müssen junge Athleten auch mal durchziehen, das ist schwer. Oft wird auch vieles schöngeredet.« Reiter vermisst den sportlichen Druck auf das A-Team, dazu kommt, dass es auch keinen Druck von unten auf das B-Team gibt. »Wir haben ordentliche Athleten, die Talent haben, und wir brauchen mehr Trainer«, sagt er.

Ähnlich sieht es Florian Graf, der am Stützpunkt im Jugendbereich für 26 Sportler zuständig ist. »Hier in diesem Bereich muss die grundlegende Arbeit gemacht werden. Sowohl läuferisch als auch im Schießen geht es hier in Richtung Spitzensport. Wenn du letztendlich einen aus dieser Gruppe ganz nach oben bringst, ist das fast wie ein Sechser im Lotto«, beschreibt Graf die Lage.

In die Gruppe des ehemaligen Spitzenathleten kommen auch Talente aus dem Schülerbereich. Hier ist die Umstellung enorm, vor allem was der Wechsel vom Luftgewehr zum Kleinkaliber betrifft. Graf will seinen Sportlern auch beibringen, dass Biathlonsport keine Wohlfühloase ist. Es gibt am Ende nur ein Ziel – und das heißt Weltcup.

»Wir brauchen mehr hauptamtliche Trainer«

Zuletzt hat das Franziska Preuß geschafft. Sie wurde bei der Teilnahme am Biathlon-Camp von Fritz Fischer entdeckt, als sie dort einen Gutschein zum Training einlöste. Auf dem Weg zum erfolgreichen Sportler spielt der Förderverein Biathlon-Idee eine wichtige Rolle. Er unterstützt zwischen 50 und 70 junge Sportler, denn Biathlon ist eine teure Sportart. »Unser Problem liegt am wenigsten am Sportler. Wir brauchen mehr hauptamtliche Trainer im Nachwuchsbereich. Das heißt, da muss mehr Geld fließen. Der Nachwuchs braucht die maximale Förderung«, fordert Graf.

Gefordert sind in diesem Bereich aber nicht nur die sportlichen Fähigkeiten der Trainer. Die Jugendlichen sind in einem schwierigen Alter und brauchen auch jemanden, mit dem sie reden können. »Ich muss da natürlich ein offenes Ohr als Bezugsperson haben«, sagt Graf. Auch er hofft, dass die Maßnahmen von Bernd Eisenbichler greifen werden. »Leider sehe ich die Zukunft kritisch. Das alles dauert und dann werden auch noch die Auswirkungen von Corona spürbar werden.«

Eines der hoffnungsvollsten Talente im heimischen Biathlon war Dominic Reiter vom SC Ruhpolding. Seine Erfolge ziehen sich vom Schülercup über dem Deutschlandpokal bis hin zum Gesamtsieg beim IBU-Juniorcup. Außerdem konnte sich der heute 25-Jährige für die Teilnahme an der Junioren-Weltmeisterschaft und Europameisterschaft qualifizieren. Bei der JWM gewann er Silber mit der Staffel. Alles war auf eine erfolgreiche Karriere angelegt, sogar ein großer Sponsor hatte ihn bereits ins Boot geholt.

Im Sommer 2020 beendete er allerdings überraschend seine Karriere. »Es waren gesundheitliche Gründe. Alles hat sich so eineinhalb Jahre hingezogen mit Höhen und Tiefen. Man hat ein körperliches Burnout festgestellt. Ich bin immer schnell erschöpft und ermüdet gewesen. Mein Körper ist aus dem Gleichgewicht gekommen. An Hochleistungssport war nicht mehr zu denken«, beschreibt er seine Situation. »Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Ich wollte vielleicht auch zu viel. Ich hatte das Gefühl, übertrainiert zu sein. Die Trainer haben mich darauf aufmerksam gemacht.«

Trotzdem möchte Dominic Reiter keinen Tag seiner sportlichen Karriere missen. »Es war eine schöne Zeit und ich habe sehr viel über mich selbst gelernt. Ich bin aber auch zufrieden, wie es jetzt ist. Ich renne jetzt halt ohne Startnummer rum«, meint er lachend.

Ähnlich ist es auch Theresa Straßberger ergangen. Die heute 24-Jährige wechselt von ihrem Heimatort Au in der Hallertau zunächst wegen des Biathlons nach Oberwiesenthal und später nach Oberhof. Schließlich landete sie am Stützpunkt Ruhpolding und einer erfolgreichen Karriere im Biathlon schien nichts mehr im Weg zu stehen. 2017 hatte sie das große Ziel, sich für die Junioren-WM zu qualifizieren. Doch daraus wurde nichts. Bauchschmerzen führten zunächst zu einer Zwangspause. »Ich habe mich immer träge und schlapp gefühlt und die Ärzte haben keine Diagnose feststellen können«, erinnert sie sich. Schließlich wurde eine Stoffwechselerkrankung, von ihrer Schilddrüse ausgehend, diagnostiziert. Damit musste sie schweren Herzens den Traum der Biathlon-Karriere aufgeben. »Leider hat es sehr lange gedauert, die Erkrankung zu erkennen und zu behandeln.« Nach der Entscheidung hat Theresa Straßberger einige Zeit gebraucht, um alles zu verarbeiten. »Ich habe bis vor einem Jahr kein Biathlon im Fernsehen geschaut. Jetzt sehe ich alles mit dem Blick zurück entspannt. Ich hatte mal kurz überlegt, wieder anzufangen, es ist aber gut, so wie es ist«, sagt sie.

Sie kommt immer wieder mal in den Chiemgau zum Langlaufen. Aktuell studiert sie in Regensburg Humanmedizin und will nach dem Studium gerne als Teamärztin in den Leistungssport zurückkehren. »Ich würde gerne meine Erfahrungen in diesem Bereich weitergeben. Ich glaube, man könnte vielen Sportler in ihrer Karriere durch eine bessere Diagnostik und medizinischen Betreuung helfen«, ist sie sich sicher.

Eine die erst am Anfang ihrer sportlichen Karriere steht, ist Julia Kink vom WSV Aschau. Die 17-Jährige hat im norwegischen Lillehammer einen der begehrten Plätze an der dortigen Sportschule bekommen. Dort kommt das Talent in den Genuss, mit den besten Biathleten Norwegens in ihrer Altersklasse zu trainieren. »Norwegen ist die Langlauf-Nation Nummer 1 und ich kann hier Schule und Sport perfekt kombinieren«, sagt Kink, die drei Jahre in Lillehammer bleiben will. »Wir haben immer viel Spaß im Training. Wir werden auch ziemlich individuell betreut. Ich schreibe jede Woche meinen Trainingsplan selbst, wobei ein grober Rahmen mit fixen Tagen vorgesehen ist. Dieser wird mit den Trainern besprochen und man bekommt Verbesserungsvorschläge. Dadurch habe ich sehr viel schon gelernt.« Generell würden die Norweger mehr Umfänge im Grundlagenbereich trainieren und sie versuchen durch Variation, Trainingsreize zu setzen, beobachtet die junge Sportlerin. »Auffällig ist, dass in meinem Alter komplett auf Krafttraining mit Gewichten verzichtet wird. Bauch, Arme und Rückentraining erfolgt ausschließlich durch Stabilisationstraining oder mit Slings. Beinkraft wird überwiegend durch Sprungtraining und Treppenläufe geschult«, so Kink weiter.

In Norwegen steht quasi eine ganze Nation auf den Langlaufbrettern. Die Konkurrenz ist enorm. Auch etablierte Biathleten wie Johannes Thingnes Bö spüren die nachrückenden jungen Sportler, die ihnen im Nacken sitzen.

Das Erfolgsgeheimnisder Schweden

Neben den Norwegern haben sich immer mehr die Schweden als Spitzennation im Biathlon entwickelt. Großen Anteil daran hat der Ruhpoldinger Wolfgang Pichler. Das Trainer-Urgestein hat 2015 talentierte Sportler im ganzen Land gesucht. Auch bei den Langläufern. »Wir wollten ein konkurrenzfähiges Team zur Heim-Weltmeisterschaft 2019 aufbauen. Die Erfolge haben sich aber schon ein Jahr zuvor bei Olympia eingestellt«, freut sich Pichler.

Aus dieser Sichtung gingen zum Beispiel die Öberg-Schwestern hervor. Wolfgang Pichler verlangte von den Sportlern, ihren Wohnsitz nach Östersund zu verlegen. Die etablierten Stars sortierte der Ruhpoldinger alle aus. »Du musst knallhart sein«, erklärt der 66-Jährige. Er holte sich für alle Bereiche einen eigenen Trainer. Sein Nachfolger Johannes Lukas profitiert von dem, was Pichler in Schweden aufgebaut hat.

Über das deutsche Team äußert sich die Trainer-Ikone zurückhaltend. »In Ruhpolding zum Beispiel haben die Sportler beste Voraussetzungen. Sie sind als Behördensportler bei Bundeswehr, Polizei und Zoll gut abgesichert. Trotzdem müssen die Strukturen geändert werden, da hat Bernd Eisenbichler eine schwierige Aufgabe. Auf alle Fälle braucht es eine Linie und hartes Training.« SHu

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