»Ich werde von Jahr zu Jahr besser«

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Regelmäßiges Training braucht Wolfgang Strasser nicht nur, um neue Sprünge zu üben. Ohne Surfen kann er sich sein Leben nicht mehr vorstellen. (Foto: privat)

Für Wolfgang Strasser ist das Surfen eine Art Schmerztherapie. In seiner Jugend litt er an Lymphknotentuberkulose, hatte einen Tumor im Sprunggelenk. 2000 musste ihm das Gelenk 19 mal künstlich gebrochen werden, bis heute hat er Schmerzen. Doch wenn der 47-Jährige aus Übersee auf seinem Surfbrett steht, spielt das für ihn keine Rolle mehr.


»Das Surfen ist für mich wie eine Sucht«, sagt der Wassersportlehrer. »Nach jedem Training bin ich erschöpft, aber es kommt sofort die Gier nach dem nächsten. Das Surfen gibt mir viel Kraft, Energie und Selbstbewusstsein.« Dafür steht Wolfgang Strasser auch im Winter so oft es geht auf dem Brett. Während Urlauber bei Temperaturen unter null Grad und Schnee dick eingepackt über die Fraueninsel spazieren, nutzt der Freestyle-Surfer den eisigen Wind auf dem Chiemsee. »Am Anfang fühlt es sich so an, als würden die Hände abgesägt«, beschreibt er die Kälte. »Aber mit den ersten Sprüngen und dem Adrenalin geht das vorbei.«

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Abschrecken können ihn die Schmerzen sowieso nicht, schließlich hat der 47-Jährige ehrgeizige Ziele: Auf dem 13. Platz ist er bei einer Deutschen Meisterschaft schon gelandet, unter die besten Zehn will er bei der nächsten German-Freestyle-Tour kommen. »Bei uns gibt es aber kein Konkurrenzdenken, keinen Neidfaktor«, betont Wolfgang Strasser. »Jeder freut sich für den anderen.«

Außerdem will er dieses Jahr zwei bis drei neue Manöver lernen. »Ich trainiere gerade einen Sprung, den ich dann als erster Surfer in meinem Alter kann«, verrät der 1,85 Meter große Strasser. Rund 50 Manöver hat sich der 47-Jährige beigebracht, seit ihn vor acht Jahren das Freestyle-Fieber gepackt hat. Mit den neuen, schwierigeren Manövern will sich der Sportler um die Teilnahme an der Europameisterschaft bewerben. Mit seinen Sprüngen beeindruckt er nämlich nicht nur die Spaziergänger am Ufer des Chiemsees. In seinem Alter ist Wolfgang Strasser auch in der Freestyle-Szene eine echte Ausnahme .

»Bei den Wettbewerben sind die meisten Fahrer zwischen 18 und Mitte 20«, erzählt der Surfer, der sein Hobby längst zum Beruf gemacht hat. Verstecken muss er sich vor der Konkurrenz nicht: »Ich werde von Jahr zu Jahr besser, weltweit gibt es in meinem Alter vielleicht fünf Fahrer auf meinem Niveau«, sagt er selbstbewusst.

Dafür müssen die Abläufe bei den Manövern in Fleisch und Blut übergehen. Deshalb ist das ständige Training so wichtig. Doch gerade am Chiemsee herrschen nicht immer optimale Windbedingungen. »In Bayern ist Windsurfen Motorsport«, meint Wolfgang Strasser. »Man muss vor allem viel rumfahren.«

Manchmal steht er deshalb um 3 Uhr nachts auf, schaut sich Wettervorhersagen und Bilder von Webcams an den Seen in Österreich und Bayern an. »Wenn das Wetter passt, fahre ich los und hoffe, dass es dann drei oder vier Stunden Wind gibt«, erzählt der 47-Jährige.

Beim Training auf Sardinien oder Sizilien gibt es aber genauso wenig eine Garantie für guten Wind, wie Wolfgang Strasser vergangenes Jahr erfahren hat. Ein Leben ohne das Surfen kann sich der Vater einer 17-jährigen Tochter, die genauso surft wie Ehefrau Carola, inzwischen trotzdem gar nicht mehr vorstellen: »Das ist wie eine Droge für mich«, gibt Wolfgang Strasser zu. »Wenn es mal zehn Tage keinen Wind gibt, werde ich launisch und schlafe schlecht.« Jonas Müller

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