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Harte Kritik aus Unterwössen am »Gipfel des Betrugs«

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Auch vor den Fernsehkameras souverän: Professor Helmut Digel (rechts) nahm in Unterwössen zum Dopingskandal in der russischen Leichtathletik Stellung. (Foto: Flug)

Das gibt es wohl selten: Das »Aktuelle Sportstudio« des ZDF berichtete diesmal im Rahmen des Leichtathletik-Dopingskandals auch aus Unterwössen. Dort nämlich führte der Sender ein Interview mit Professor Helmut Digel. Das Gesprächsthema war kein angenehmes, weil es auch um Kontrollversagen ging. Der zweimalige Sportfunktionär des Jahres war erst im August des Jahres aus dem Council des Internationalen Leichtathletikverbands (IAAF) ausgeschieden.


Dieses Council hat nun den Ausschluss der Sportler aus der russischen Leichtathletik-Föderation von allen internationalen Wettbewerben beschlossen. Zugrunde liegt ein 300 Seiten starker Bericht über einen umfassenden Dopingskandal. Ein Übertragungswagen mit großer Satellitenantenne sandte die Bilder aus dem Unterwössner Wohnzimmer nach Mainz.

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Keine einfache psychologische Situation bei einem schwierigen Thema, denn Professor Digel saß allein auf einem Stuhl in der Mitte seines Wohnzimmers, umgeben von Technik und Lichtstrahlern. Er sah sich einem dreiköpfigen Aufnahmeteam und deren Kamera gegenüber.

Digel meisterte das Interview souverän. Auf Fragen des Moderators Jochen Breyer vertrat der Sportsoziologe die Auffassung, dass die WADA, die World Anti-Doping Agency, aufgerufen ist, die Aufhebung der Sperre an Bedingungen zu knüpfen. Ein unabhängiges Gremium müsse prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Aufhebung gegeben sei.

»Zunächst muss der Staat seine Lektion lernen«

»In einem System, in dem der Staat gemeinsame Sache mit Betrügern macht, muss zunächst der Staat seine Lektion lernen. Wir brauchen unabhängige Sportorganisationen, ein unabhängiges olympisches Komitee in Russland.« Digel weiter: »Hier muss das IOC ebenso Farbe bekennen wie die IAAF, auch wenn das schmerzhaft ist und die Sportwettkämpfe entwertet werden. Der russische Sportler als Bestandteil des Systems muss das akzeptieren.«

Der Hoffnung des russischen Sportministers, die Aufhebung der Sperre noch vor den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro zu erreichen, erteilte Digel eine klare Absage: »Dieser Skandal ist in jeder Hinsicht einmalig, er hat eine Vertrauenskrise in der Leichtathletik hervorgerufen, die es so in der 100-jährigen Geschichte der Leichtathletik noch nicht gegeben hat. Wenn Funktionäre gemeinsame Sache mit Betrügern machen, dann ist das gesamte Anti-Dopingsystem infrage gestellt. Das ist ein Skandal, den wir vorher im Hochleistungssport noch nie gehabt haben.«

Moderator Breyer fragte konkret, wie es möglich war, dass das Council und Digel in seiner jahrelangen Mitgliedschaft von all diesen Machenschaften nichts mitbekommen habe. Digels Antwort: »Wir müssen erkennen, dass der verantwortliche Direktor der Anti-Dopingabteilung gemeinsame Sache mit den Betrügern gemacht hat. Das habe ich mir nie vorstellen können, dass dies überhaupt möglich ist. Das ist der Gipfel dessen, was überhaupt an Betrug stattfinden kann. Das ging und geht über meine Vorstellungskraft. Mit so etwas habe ich nie gerechnet. Ich muss mir selbst Vorwürfe machen. Man kann mir Naivität unterstellen. Ich muss das akzeptieren.«

Hohe Auszeichnungen als Sportfunktionär

Digel steht in dem Ruf eines Vordenkers, Nachdenkers, Querdenkers. Der 71-jährige Sportsoziologe hat als Professor an der Universität Tübingen gelehrt. Er lebt in Unterwössen im Ruhestand, publiziert aber weiterhin. Vom aktiven Handballspieler führte ihn seine Karriere in das Amt des Präsidenten des Deutschen Leichtathletikverbands. Digel ist Ehrenmitglied des ehemaligen Olympischen Komitees und wurde zweimal als deutscher Sportfunktionär des Jahres ausgezeichnet. lukk

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