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Wolfgang Strasser aus Erlstätt surft seit über 40 Jahren für sein Leben gerne und hat als Profi-Sportler sein Hobby zum Beruf gemacht.
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Selten spielt das Wetter am Chiemsee mit und man kann auf dem See surfen. Das ist meistens im Winter so – vor allem an den Tagen, bevor es schneit.

»Es macht einfach glücklich« – Seit über 40 Jahren ist Wolfgang Strasser Profisurfer

Wolfgang Strasser aus Erlstätt steht über 190 Tage im Jahr auf seinem Surfboard: Der 55-Jährige liebt es, wenn ihm der Wind übers Gesicht streicht, ihm das Wasser bis zu den Schultern spritzt und er eins mit der Natur wird. Das Windsurfen ist für ihn wie eine Sucht – und eine Art Selbsttherapie. Der Extremsportler kämpft seit seiner Jugend gegen den Knochenkrebs.


Das Surfen gibt ihm immer wieder Kraft – eine beeindruckende Geschichte:

Wie im Rausch tanzt Wolfgang Strasser mit Board und Segel über das Wasser. Der Wind drückt ihn voran, reißt sein Board hoch und wirbelt ihn in der Luft. Es wirkt so spielerisch, wenn der Profi-Sportler über das Wasser rast. Doch es steckt viel Kraft, Ausdauer und vor allem Technik dahinter. Als Jugendlicher hat Wolfgang Strasser mit dem Windsurfen begonnen. Damals nahm ihn ein Onkel mit an den Gardasee – er entdeckte den Sport für sich, und diese Faszination hat ihn seitdem nie wieder losgelassen. Heute ist dem Erlstätter das Getümmel auf dem Garda-see zu groß und er bevorzugt lieber kleinere oberitalienischen Seen wie den Lago di Santa Croce in Venetien. »Dort ist viel weniger los und der See ist nicht so überlaufen«, erzählt er.

Italien steht auch in diesem Jahr auf seiner Reiseliste. Denn das Surfen ist keine Sportart, die man unbedingt bei uns vor der Haustür machen kann. »Dazu braucht es viel mehr Wind«, erklärt Strasser dazu. Immer im Januar legt der Profisurfer seine Reiseroute für das Jahr fest – wegen der Corona-Pandemie weiß er derzeit aber nie, ob auch alle seine Planungen klappen. Zudem fallen seine Reisen jetzt immer etwas »unspektakulärer« aus, als noch vor ein paar Jahren, als er nach Brasilien, aber auch Südafrika gereist war. Doch der Surfer bevorzugt mittlerweile lieber europäische Buchten, die er mit seinem kleinen Camping-Bus abklappern kann.

Im Frühjahr geht es für den 55-Jährigen – falls Corona es zulässt – nach Italien, unter anderem nach Sizilien, und im Mai nach Norditalien zu einem der vielen oberitalienischen Seen. Ab Mitte Juni reist der Erlstätter wie jedes Jahr für drei Monate nach Griechenland, wo er übrigens insgesamt 16 Jahre gelebt hat. Und das auch alles wieder mit seinem Bus: Über das Festland – selten mit der Fähre – geht es für den Surfer über den Balkan zuerst nach Athen. Von dort reist er mit der Fähre auf die Inseln – dorthin, wo ihn der Wind gerade hintreibt. Seine Ziele liegen aber immer fernab von Touristenstopps. Der Sportler liebt die Ruhe auf dem Wasser und sucht immer Neues – fernab »von diesem Mainstream«, wie er erzählt. Im Herbst steht dann sein letztes Reiseziel in diesem Jahr an: Es geht nach Kroatien.

Bei seinen Reisen, die er sich übrigens mit Beiträgen in Surfmagazinen finanziert, ist der Erlstätter selten alleine: Seine Frau begleitet ihn, so gut sie es eben mit ihren Beruf verbinden kann. Sie fliegt dann meistens nach und trifft ihn unterwegs.

Über die Wintermonate bricht für Strasser dann immer eine etwas ruhigere Zeit ohne Reisen an. Aber spätestens nach wenigen Tagen zuhause zieht es den Erlstätter wieder hinaus aufs Wasser. »Das Surfen geht bei uns in der Region, aber nicht jeden Tag«, erzählt er. Am Chiemsee zum Beispiel brauche es, damit er als Freestyle-Surfer trainieren kann, immer mindestens Windstärke 5, das seien etwa 35 km/h – und solche Verhältnisse gebe es vor allem in den Monaten November bis Januar immer dann, wenn es in den nächsten Tagen schneien soll. Dann kämpft Strasser aber nicht nur mit dem Wind, sondern auch mit eisigen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Das macht das Surfen besonders anstrengend und Strasser verliert etwa pro Surfsession, die etwa drei Stunden dauert, rund ein bis zwei Kilo Gewicht.

Herrschen in der Region schlechte Surf-Bedingungen, nimmt Strasser auch etwas weitere Strecken auf sich wie etwa zum Kochelsee – er war aber auch schon an Nord- und Ostsee. Ansonsten hält sich der Profi mit Mountainbiken oder Langlaufen fit. Aber das alles kommt dem Surfen nicht gleich.

Das Windsurfen gebe ihm ein gutes Gefühl. »Es macht einfach glücklich. Und wenn es der Seele gut geht, dann geht es auch dem Körper gut«, ist er überzeugt – und das ist für Strasser besonders wichtig. Seit über 40 Jahren ist der Profisportler an Knochenkrebs erkrankt. Er hat bereits 56 Operationen hinter sich und im Jugendalter lagen seine Überlebenschancen bei gerade mal fünf Jahren. Doch der 55-Jährige hat sich nicht von dieser Diagnose abschrecken lassen, mit dem Surfen begonnen und einfach sein Ding gemacht.

Er ist davon überzeugt, dass der Sport ihm hilft, seine Krankheit erträglicher zu machen. Das Windsurfen hält ihn fit, macht ihn stärker – körperlich und geistig. Das half ihm bei Chemotherapien oder nach Operationen, wieder auf die Beine zu kommen. »Auch wenn man krank ist, kann man alles schaffen. Man muss an sich arbeiten und sich nicht hängen lassen«, ist Wolfgang Strasser überzeugt.

Sein Gesundheitsrezept zeigt bei ihm Wirkung: Seit rund drei Jahren sind seine Tumore nicht mehr gewachsen. Zwar weiß er, dass sie immer wieder zurückkommen können, aber das schüchtert den 55-Jährigen nicht ein. Wolfgang Strasser hat sich mit seiner Krankheit arrangiert und das Beste daraus gemacht – inspirierend.

aha

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