»Es ist schwer vorstellbar, dass da noch mehr kommen wird«

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Gezeichnet von den Strapazen der Tour de Faso, aber überglücklich: Der Siegsdorfer Radprofi Daniel Bichlmann feierte im Herbst 2021 seinen bislang größten sportlichen Erfolg. Er sicherte sich in Westafrika das Gelbe Trikot.

Die Trophäe steht prominent auf dem Kaminsockel, das Gelbe Trikot hängt gleich im Eingangsbereich seiner Wohnung: Als Gastfahrer für das Schweizer Team Kibag-Obor-CKT ist Daniel Bichlmann im November bei der Tour de Faso in Westafrika der ganz große Wurf gelungen. »Das war mein Karriere-Highlight schlechthin«, blickt der Radprofi stolz zurück. »Es ist schwer vorstellbar, dass da noch mehr kommen wird.« 


Für Bichlmann war das Jahr 2021 aber auch aus einem anderen Grund noch sehr aufregend: Nach vielen erfolgreichen Jahren für das Team Bike Aid nahm er sportlich eine neue Herausforderung an und trägt nun das Trikot der Maloja Pushbikers. »Sie haben mir sehr viel Vertrauen entgegengebracht«, ist Bichlmann, der auch nach wie vor Mitglied seines Heimatvereins RSV Traunstein ist, voll des Lobes über sein neues Team.

»Ich durfte wieder viel Neues erleben«

»Insgesamt war es ein spannendes Jahr für mich«, sagt Bichlmann, der bei den Pushbikers auch als Roadkapitän agiert. »Ich durfte wieder viel Neues erleben«, sagt er. »Es war eine extrem gute Entscheidung.« Auch wenn die ganz großen Erfolge mit den Pushbikers im vergangenen Jahr noch ausblieben. »Die Infrastruktur bei den Pushbikers ist schon sensationell. Sportlich gesehen war 2021 aber eher noch ein Aufbaujahr«, erzählt er.

Für Bichlmann hatte es dennoch einen ganz speziellen Glanzpunkt. Der Zufall führte dabei Regie, dass der erfahrene Radprofi in Faso am Start gestanden ist. Mit Dominik Merseburg kontaktierte ihn Wochen vor dem Rennen ein befreundeter Radfahrer. Er erinnerte sich daran, dass Bichlmann schon einmal vor Jahren bei dieser Rundfahrt gestartet war und wollte wissen, ob es das Rennen wert sei, all die Strapazen auf sich zu nehmen.

Bichlmann musste nicht lange überlegen. Er wies Merseburg zwar darauf hin, dass es unter Umständen mit der Verpflegung und den Unterkünften in Westafrika nicht immer ganz so leicht sei. »Aber am Ende habe ich ihm gesagt: 'Ich würde es auf jedenfalls machen'.« Weil beim Schweizer Team dann ein weiterer Fahrer kurzfristig passen musste, kam Daniel Bichlmann plötzlich selber ins Spiel – und er sagte spontan für die Rundfahrt zu, nachdem ihm die Puskbikers die Freigabe dafür sofort erteilt hatten.

Was dem Siegsdorfer, der jetzt in Salzburg wohnt, dabei zugutekam, war die Tatsache, dass er mit den Pushbikers im Herbst mehrere Rundfahrten bestritten hatte. »Ich hatte damit eine super-geile Vorbereitung auf Faso«, sagt er. Zumindest den überwiegenden Teil. Denn seine letzten Trainingseinheiten musste er in Deutschland bereits im Schnee absolvieren. »Und Intervalle im Schnee fahren, ist jetzt nicht so toll«, lacht er. Doch den großen Temperatur-Unterschied – von einstelligen Minusgraden in Deutschland zu zweistelligen Plusgraden in Westafrika – steckte Bichlmann perfekt weg.

Bei der zehntägigen Rundfahrt übernahm der Gastfahrer des Schweizer Teams schließlich auf der siebten Etappe die Gesamtführung – und die gab er bis zum Schluss nicht mehr ab. »Nur bei der letzten Etappe gab's nochmals einen Großangriff auf uns«, berichtet er. »Körperlich ging's bei mir deshalb dann bis zur völligen Erschöpfung.«

Doch Bichlmann teilte sich das Rennen perfekt ein und fuhr strategisch. »Ich habe bewusst einige Fahrer ziehen lassen, bei denen ich gewusst habe, dass sie mir nicht mehr gefährlich werden können.« Er wollte auf jeden Fall auch direkte Duelle vermeiden, um einen Sturz unter allen Umständen verhindern zu können – auch dieser Plan ging auf. »Im Endeffekt habe ich noch ein paar Sekunden verloren, aber mein Gesamtsieg war nie wirklich gefährdet«, berichtet er stolz.

Im Ziel war die Freude Bichlmanns riesig. Allerdings hatte er erst einmal vor allem eines: »Großen Durst.« Denn seine Rivalen schafften es, dass ihm seine Betreuer an den Verpflegungsstellen keine neuen Trinkflaschen reichen konnten. »Die sind einfach jedes Mal auf meine Betreuer zugefahren, die mussten dann wegspringen und ich war wieder eine Runde auf dem Rundkurs ohne Wasser unterwegs.« Doch Bichlmann hatte sich schnell von den Strapazen erholt und der Gesamtsieger wurde dann von einer Zeremonie zur nächsten gereicht. »Dort ist die Rundfahrt das Sportevent schlechthin und es waren auch jeden Tag Unmengen von Zuschauern vor Ort.« Selbst der König schaute vorbei und gratulierte dem Sieger.

In Faso dauerte es erst einmal, bis Bichlmann seinen Erfolg so richtig realisieren konnte. Als es in Richtung Flughafen ging, wurde ihm sein Husarenstück aber dann so richtig bewusst. »Die Trophäe hat nämlich nicht in den Koffer gepasst«, lacht er. Zehn Kilo schwer und einen halben Meter groß ist der Pokal, der nun eben auf Bichlmanns Kaminsockel Platz gefunden hat. Wie er den Pokal heimgebracht hat? »Ganz einfach: Er ging als Handgepäck durch.« Und so machten nur ein paar andere Reisende am Flughafen große Augen, ob des ungewöhnlichen Handgepäckstück.

Für Daniel Bichlmann ist dieser Erfolg die Krönung seiner langen Karriere. »Das wird für immer bleiben«, betont er und dankt seinen Mitstreitern: »Es war eine coole Teamleistung. Es haben aber auch Glück und Erfahrung eine Rolle gespielt.« Eine Wiederholung eines so großartigen Erfolgs hält Bichlmann, der sich sonst im Team eher als Helfer sieht, nahezu für ausgeschlossen. »Es ist ja auch sehr unwahrscheinlich, dass man zweimal mit denselben Zahlen im Lotto gewinnt.«

Auch deshalb machte er sich nach seinem großen Triumph ernsthafte Gedanken darüber, wie es weitergehen wird. »Ich war körperlich und mental ausgebrannt«, gibt er zu. »Doch jetzt habe ich wieder Bock aufs Radfahren und freue mich auf die neue Saison.«

Pushbikers rüsten für 2022 auf

Für 2022 haben die Pushbikers kräftig aufgerüstet und eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt. Viele Fahrer mussten ihren Hut nehmen, Bichlmanns Vertrag aber wurde um ein weiteres Jahr verlängert. »Hoffentlich wird es sportlich ein erfolgreiches Jahr für uns«, blickt der Sportler voraus.

Für ihn selber wird sich in Zukunft übrigens auch einiges ändern. Er wird nämlich ab sofort auch Vollzeit als Kaminkehrer – sein zweites Standbein – arbeiten. »Das hat sich so ergeben«, erzählt er. Damit wird sich auch sein Saisonstart verschieben. Er wird noch nicht im März bei den ersten Rundfahrten seines Teams dabei sein, sondern erst in den Sommermonaten richtig loslegen.

»So lange es geht, will ich auf jeden Fall noch professionell Radfahren«, sagt er. Ein kleines Fazit seiner bisherigen Karriere zieht er dennoch schon jetzt. »Ich habe alles mitgemacht, bin auf jedem Kontinent Rennen gefahren, ich bin sehr zufrieden, wie es bisher gelaufen ist.« Und in Westafrika krönte er seine bisherige Laufbahn: Das Gelbe Trikot und die Trophäe erinnern ihn jedenfalls »jeden Tag« an seinen großen Triumph: den Gesamtsieg bei der Tour de Faso.

SB

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