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»Es fehlen die kurzen Wege von der Schule zum Sport und umgekehrt«

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Er ist begeistert von der Max-Aicher-Arena, sieht aber bei den Rahmenbedingungen in Inzell noch Verbesserungsbedarf: Der neue DESG-Sportdirektor Robert Bartko. (Foto: Wukits)

»Neue Besen kehren gut«, das gilt auch für den Sport. Dies hofft man nach den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi – als es für die deutschen Eisschnellläufer eine richtige Bauchlandung gegeben hatte – auch bei den deutschen Kufenflitzern. Dabei war man hierzulande lange durch Erfolge von Anni Friesinger-Postma, Gunda Nieman-Stirnemann und Claudia Pechstein ziemlich verwöhnt. Richten soll es nun der neue Sportdirektor Robert Bartko. Der 39-Jährige weiß, wie sich der Erfolg anfühlt. Bei Olympia 2000 in Sydney gewann er als Bahnrad-Rennfahrer zwei Goldmedaillen. Derzeit ist Bartko beim Sommereis in Inzell vor Ort.


Herr Bartko, nach Olympia 2014 sind Sie Sportdirektor geworden, haben Sie den Schritt schon einmal bereut?

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Bartko: Nein, ich fühle dass es voran geht. Es ist keine Aufgabe, die von heute auf morgen zu bewältigen ist. Wir haben ein gutes Team und Spaß. Die Athleten sind mit Freude im Training. Was ich fühle ist positiv, aber es gibt noch viel zu tun.

Durch die Erfolge vergangener Zeiten war man in Deutschland im Eisschnelllaufen sehr gut aufgestellt. Wie steinig ist der Weg zu diesen Erfolgen zurück?

Bartko: Welcher Weg ist schon einfach? Wir hatten eine Phase, in der wir viele Top-Athleten gehabt haben. Die Namen brauche ich gar nicht alle aufzählen. Das ist jetzt unsere Herausforderung, gerade im Nachwuchs. Vorrangig müssen wir die jungen Talente finden, fördern und dann auch noch im System halten. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe, alleine kann ich das nicht schaffen. Ich würde es nicht ausschließen, dass wir damit wieder einmal erfolgreich sein werden.

Gibt es eine gemeinsame Strategie und Ausrichtung an allen Stützpunkten? Bisher machte es eher den Eindruck, da »kocht jeder sein eigenes Süppchen?«

Bartko: Wir haben im Juniorenbereich einen neuen Bundestrainer, der bis in den Landeskader verantwortlich ist. Der wirkt bis in diesen Bereich mit seiner Systematik und Methodik hinein. Es wird auf alle Fälle ein einheitliches Konzept. Bisher war es so, dass die verschiedenen Strukturen parallel gelaufen sind, um es vorsichtig zu formulieren. »Eigene Suppe kochen« klingt etwas zu hart.

Soll man denn die großen Namen von früher als Trainer holen?

Bartko: Wir sind immer noch im Umbruch, ein Generationenwechsel bei den Trainern steht bevor. Erfolgreiche und erfahrene Trainer werden in den Ruhestand gehen. Wir suchen daher auch ehemalige Sportler, die dann die Qualifikation mitbringen und die Leidenschaft für den Sport haben. Die uns unterstützen, um unsere Ziele zu erreichen. Wenn dann auch gewisse Namen dazu führen, die Kinder zu motivieren, kann uns das recht sein.

Schauen wir hier nach Inzell zum Sommereis, wie wichtig ist das im Hinblick auf die neue Saison?

Bartko: Das Sommereis hat sich mittlerweile international durchgesetzt und es ist sehr wichtig, auch zu dieser Jahreszeit Tuchfühlung mit dem Eis zu bekommen. Hier in Inzell können wir aber auch Grundlagen und Ausdauer trainieren. Ob mit dem Rad oder im Kraftraum. Trotzdem, nichts ist besser als auf dem Eis zu stehen.

Innenminister de Maiziere hat zuletzt Kritik an Inzell geübt, was das sportliche Konzept betrifft. Die Holländer würden hier auf höchstem Niveau trainieren und hier den Grundstein für ihre Erfolge legen. Können Sie das nachvollziehen?

Bartko: Ich werte das als stückweise Kritik an unserer Arbeit. Das wollen wir ja ändern. Wir wollen dem Minister sagen, das hat funktioniert. Dazu haben wir auch die Arena in Inzell im Boot. Was Inzell aber als Standort gegenüber den anderen beiden Standorten (Berlin/Erfurt) nicht hat, sind die Rahmenbedingungen. Es fehlt ein Internat und eine Eliteschule vor Ort. Es fehlen die kurzen Wege von der Schule zum Sport und umgekehrt. Die Vereinsarbeit von schulischer Ausbildung und Leistungssport ist hier nicht so gegeben. Das Einzugsgebiet ist ebenfalls überschaubar. Wichtig ist es, die Kinder so unterzubringen, um diese tolle Einrichtung hier perfekt zu nutzen.

Wir haben gerade über die Holländer gesprochen. Können wir uns von denen was abschauen, zum Beispiel was die Privatteams betrifft?

Bartko: Die Situation in Deutschland ist anders. Es gibt eine Vielfalt von populären Sportarten im Vergleich zu Holland. Da wir in vielen Bereichen erfolgreich sind, besteht ein großes öffentliches Interesse. Sponsoren wählen das Produkt sorgsam aus. Daher gibt es bei uns aktuell keinen Markt für Privatteams.

Sie selbst sind im Radsport aktiv gewesen, jetzt kam der Sprung zum Eisschnelllaufen. Die Gemeinsamkeit ist, dass beides Ausdauersportarten sind. Wie kommen Sie zurecht?

Bartko: Leistungssport funktioniert überall ähnlich. Es gibt klare Strukturen, klare Ziele und gute Rahmenbedingungen, die man haben muss. Das haben wir im Eisschnelllaufen und das müssen wir nutzen. Ich bin sehr ehrgeizig und leidenschaftlich in meiner Arbeit.

Hilft das, wenn man schon mal Olympiasieger geworden ist?

Bartko: Das müssen sie die Sportler fragen. Darauf kann man sich aber nicht ausruhen. Es ist schön, ich habe das genossen, es waren tolle Erfolge, die ich mir hart erarbeitet habe. Ich weiß nicht, ob das alles noch zählt.

Wenn wir uns 2018 nach Olympia wieder zum Interview treffen würden: Was würden Sie mir auf die Frage nach der deutschen Bilanz im Eisschnelllaufen gerne sagen?

Bartko: Dass ich mich über zwei Medaillen für uns freue und wir im Nachwuchsbereich eine solide Basis geschaffen haben. Medaillen sind wichtig, die geben uns die Ruhe, die wir brauchen. Viel wichtiger ist aber ein durchgängiger Leistungsaufbau im Nachwuchsbereich. Interview: Siegi Huber