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Entscheidung zwischen Tradition und Kommerz

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Ringer kämpften in den vergangenen Monaten nicht nur auf der Matte. Auch die Frage nach dem Olympiaverbleib der olympischen Gründungssportart schweißte Aktive und Fans zusammen. In rund einer Woche fällt nun die endgültige Entscheidung, ob Ringen auch im Jahr 2020 noch bei den Spielen vertreten sein wird. (Foto: Wittenzellner)

Der Aufschrei in der Ringer-Welt war groß, als Anfang des Jahres die olympische Gründungssportart Ringen bei einer Präsentation vor dem Internationalen Olympischen Komitee schlichtweg durchgefallen war.


Seither droht das »Aus« für die olympische Gründungsdisziplin, die schon in der Antike fester Bestandteil des Länderwettbewerbs war. Aktive und Ringerfans schüttelten gleichermaßen den Kopf angesichts einer IOC-Entscheidung, die viele als einen Kniefall vor modernen Trendsportarten wie Rollschuhsport oder bei uns relativ unbekannten asiatischen Kampfsportarten ansahen.

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Legendäre Duelle

»Skandalös« sagte beispielsweise Franz Wiesholler aus Chieming, selbst dreißig Jahre lang aktiver Ringer und Deutscher Meister, der den fairen Kampf »Mann gegen Mann« schon 1948 beim TV Traunstein begann und später über den AC Bad Reichenhall nach Witten kam. Er erinnert sich noch an seine Kämpfe gegen den legendären »Kran von Schifferstadt«, Wilfried Dietrich, der 1972 in München mit seinem Olympischen Schultersieg gegen den 195 kg schweren US-Koloss Chris Taylor in die Geschichte einging.

Gerade für langjährige Ringerfreunde und Fachleute war die Entscheidung nicht nachvollziehbar. »Wo, wenn nicht beim Ringen, werden denn die Olympischen Ideale wie Fairness, Ausdauer, Zielstrebigkeit für die Jugend der Welt gelebt?«, fragt sich Ralf-Peter Lehmann, Abteilungsleiter des SC Anger.

Manche gewannen der Situation sogar etwas Gutes ab: »Durch die Situation rund um den beabsichtigten Ausschluss unserer Sportart aus dem olympischen Programm ist eine weltweite Diskussion in Gang gebracht worden, die das Ringen wieder in alle Munde gebracht hat«, machte der Abteilungsleiter der Burghauser Ringer, Jürgen Löblein aus der Not eine Tugend. Insgesamt saß der Schock aber tief, sah man doch viele Nachwuchsringer ihrer Ziele beraubt.

Gleichzeitig war klar, dass mit einem endgültigen Olympia-Aus der Ringsport auch finanziell vor ganz schweren Zeiten stehen würde. Andere, wie beispielsweise der Traunsteiner Abteilungsleiter Hartmut Hille, organisierten einen Informationsstand in der Stadtmitte, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen.

120 000 Unterschriften

Der Deutsche Ringer-Bund reagierte schnell und startete eine bundesweite Kampagne, bei der man in persönlichen Gesprächen, auf Marktplätzen oder sonstigen Aktionen viel Sympathie erfahren hatte. Unterschriftenaktionen zeigten, dass der Ringsport gerade in Deutschland – und hier besonders auch im südostbayerischen Raum – viel tiefer in der Bevölkerung verwurzelt ist, als zuvor bekannt war. 120 000 Unterschriften für einen Verbleib des Ringsports bei den Spielen wurden erst vor einigen Wochen dem Deutschen Olympischen Sportbund übergeben.

Auch international wurde reagiert: Der offensichtlich recht blauäugig in die IOC-Entscheidung gegangene internationale Ringerpräsident Raphael Martinetti trat zurück, eine neue, reformorientierte Führungsmannschaft wurde gewählt. Auch wurde das Regelwerk komplett überarbeitet.

Teilerfolg im Mai

»Inzwischen haben wir einen ersten Teilerfolg in Sankt Petersburg errungen: Ringen ist weiterhin im Rennen. Und das sogar sehr gut«, freute sich der Deutsche Ringer-Präsident Manfred Werner nach der ersten positiven Ausscheidung um den Verbleib des Ringsports bei Olympia Ende Mai. Hier konnte sich Ringen erfolgreich gegen sieben andere Sportarten durchsetzen. Die »Shortlist« des IOC sieht nunmehr noch drei Sportarten vor, die für den verbleibenden Platz bei Olympia in Frage kommen: Ringen, Squash und Baseball/ Softball.

Enorm wichtig für Ringen war das deutliche Eintreten des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der einer der Wegbereiter der »Pro-Ringen-Entscheidung« in Sankt Petersburg war, die auch im amerikanischen Präsidenten Barack Obama und in vielen namhaften Politikern in Deutschland gewichtige Fürsprecher fand.

Beckenbauer setzt sich ein

Auch Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler oder Judo-Goldmedaillengewinner Ole Bischof stellten sich auf die Seite der Ringer. Als wichtig erwies sich auch der Einsatz der Fußballlegende Franz Beckenbauer für den Traditionssport: »Ringen muss olympisch bleiben«, hatte er gesagt. Kürzlich hatte er in einem Interview nachgelegt und gesagt, dass die größte Herausforderung für Olympia darin bestehe, dass der »Ur-Sport Ringen« olympisch bleibe. Er sei schon als Kind jede Woche in München beim Ringen gewesen, aufgrund seiner schmächtigen Statur sei er dann doch Fußballer geworden. Die große Sympathiewelle für die Ringerkollegen verstärkte auch die frischgebackene Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll bei einem Besuch in Traunstein vor wenigen Wochen: »Ringen ist eine der Ursprungssportarten von Olympia. Wenn jetzt Speerwurf aus dem olympischen Programm genommen würde, wäre ich genauso betroffen. Ringen gehört zu den Olympischen Spielen einfach dazu.«

Bach, Tokio – und Ringen?

Am Wochenende 7./8. September werden nun die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees in Buenos Aires entscheiden, ob der Ringsport auch für das Jahr 2020 und darüber hinaus in das olympische Programm aufgenommen wird, oder ob einer der beiden Konkurrenten das Rennen machen wird. Die 104 IOC-Mitglieder werden im Anschluss an die jeweiligen Sportpräsentationen in geheimer Abstimmung zur Wahl schreiten.

Geht es nach den Londoner Buchmachern, dann gibt es für die großen anstehenden Entscheidungen der Vollversammlung drei klare Favoriten: Thomas Bach wird der Nachfolger des scheidenden IOC Präsident Jacques Rogge, Tokio wird Gastgeber der Olympischen Spiele 2020 und Ringen verbleibt im olympischen Programm auch über das Jahr 2016 hinaus. awi