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»Eine schöne, aber auch arbeitsreiche Zeit«

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Er war heuer letztmals Pressechef des Biathlon-Weltcups in Ruhpolding: Martin Haßlberger. (Foto: Vierlinger)

Der 65-Jährige gab Ende 2012 sein Amt als Tourismusdirektor ab, für den Weltcup 2013 in der Chiemgau-Arena aber steht er aber noch zur Verfügung. Es ist sein insgesamt 29. Weltcup in Ruhpolding, hinzu kamen vier Weltmeisterschaften.


»Am Anfang war ich vor allem mit der Zeitnahme und anderen sportlichen Belangen beschäftigt, habe im Wettkampf-Büro geholfen und mich um Quartiere gekümmert. Seit 1991 bin ich als Pressechef dabei«, berichtet er.

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Er erlebte noch die Zeiten mit, als die ersten internationalen Biathlon-Wettkämpfe der »Reichenhaller Jäger« in Wildenmoos stattgefunden hatten.

Auch als der Biathlonsport in der jetzigen Wettkampfstätte am Zirmberg angekommen war, »haben wir damals alles selbst gemacht. Vermarktung und Sponsoring war eher noch regional.« Im Stadion waren Start/Ziel und der Schießstand noch voneinander getrennt, und bei der 1. Weltmeisterschaft 1979 (mit 83 Teilnehmern aus 23 Nationen) »haben wir für die Wettbewerbe unter der Woche noch viele Schulkinder ins Stadion gebracht, damit mehr Stimmung war.« Hier verzeichnete man an drei Wettkampftagen rund 4000 Zuschauer. Auch bei der WM im Jahre 1985 durften noch Schulklassen kostenlos ins Stadion, »aber dann wurde es mit den Karten enger«, so Haßlberger. Hier pilgerten an vier Tagen immerhin schon 30000 Zuschauer ins Stadion.

Das heutige Ricco-Groß-Haus war damals das Hauptgebäude, »es waren vielleicht zehn Fotografen und 30 schreibende Journalisten da.« Für die Fotografen hatte man – weil es dort Wasser für das Entwickeln der Filme gab – die Duschen im Hauptgebäude zu Dunkelkammern umgerüstet, indem man die Fenster zugehängt hatte.

Schwierig gestaltete sich das Verhältnis zur damaligen DDR. 1985 gab es erstmals Live-Übertragungen im Fernsehen, und als der Ruhpoldinger Herbert Fritzenwenger im Ziel erschöpft zusammenbrach, richtete sich die Kamera längere Zeit auf ihn. Im Hintergrund lief aber kurz darauf der damalige Sieger aus der DDR ins Ziel – da es damals nur eine Kamera gab, war er nicht live zu sehen. »Das war sehr kompliziert, da hieß es, das Fernsehen habe das absichtlich gemacht«, erinnert sich Haßlberger.

Von den Anfängen der Weltcups in Ruhpolding ab 1980 bis in die 90er Jahre hinein »hätte ich theoretisch noch jeden Zuschauer per Hand begrüßen können.« Denn die Wettkämpfe waren nicht so attraktiv wie jetzt. Es gab lediglich Einzellauf, Sprint und die schon immer spektakulären Staffeln.

Dass inzwischen Massenstart- und Verfolgungs-Wettbewerbe den Sport wesentlich interessanter gemacht haben, »daran haben wir auch in Ruhpolding einen großen Anteil. Bei uns sind viele Test-Wettkämpfe veranstaltet worden«, betont Haßlberger, »wir waren immer für Neuerungen offen.«

Wichtig war aber auch, dass sich die Biathleten aus dem Verband der Modernen Fünfkämpfer lösten und die IBU als eigenständigen Verband gründeten. Entscheidend war der Umstieg beim Schießen von Großkaliber auf Kleinkaliber. »Davor war das alles noch sehr militärisch.«

Hilfreich waren die Erfolge von Lokalmatadoren wie Peter Angerer, Ernst Reiter, Herbert Fritzenwenger und Walter Pichler. Und nach der deutschen Wiedervereinigung waren die deutschen Athleten überhaupt ganz vorn dabei, auch die heutigen Bundestrainer Fritz Fischer (Ruhpolding) und Mark Kirchner trugen zur Popularität des Sports bei. »Ab Mitte der 90er Jahre hat dann der große Zuschauerboom bei den Weltcups eingesetzt.«

Die Rennen sollten zunächst auf einen Weltcup pro Land begrenzt werden – doch die traditionsreichen deutschen Standorte Oberhof und Ruhpolding arbeiteten hier zusammen, und sind heute – neben Antholz – »alle drei aus dem Programm nicht mehr wegzudenken. Schließlich ist in Oberhof und in Ruhpolding das Interesse bei Zuschauern und Medien weitaus am größten«, betont er.

Den Termin hatten sich die Ruhpoldinger bewusst ausgesucht: Im »Januar-Loch« nach den Weihnachtsferien tat sich früher touristisch wenig. Dank der Wettkämpfe hatte man hier bald eine Woche lang gute Übernachtungszahlen. Inzwischen »spürt die ganze Region den Weltcup, denn wir könnten die Leute nicht alle in Ruhpolding unterbringen.«

Die Anforderungen haben sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. »Früher waren wir fünf bis sechs Leute, die die ganzen Planungen gemacht haben, erst kurz vor den Wettkämpfen haben wir viele Helfer gebraucht. Heute ist das Organisations-Komitee viel größer.«

Seit 1972 war Martin Haßlberger bei der Gemeinde angestellt und wurde dann Sportreferent. Beim damaligen Tourismuschef Alf Gall – der auch Organisationspläne für die Wettkämpfe erstellte – war er Assistent und wurde so mit eingebunden. 1990 wurde Haßlberger als Galls Nachfolger schließlich Tourismusdirektor. Er sieht den Zusammenhang von Tourismus und Sport als großen Vorteil: »Wer nur die Belange des Sports sieht, erkennt zu wenig die Wünsche der Zuschauer.« In Ruhpolding ist der Tourismus die Nummer 1, und so wichtig der Biathlon-Weltcup für das Image des Ortes ist: »Wir haben 365 Tage im Jahr für den Tourismus, aber Biathlon dauert nur sieben Tage. Das heißt: Man darf die anderen Sachen nicht vernachlässigen. Die Fans sollen mitbekommen, dass wir mehr zu bieten haben als nur Biathlon«, betont er.

Der damalige Bürgermeister Franz Schneider »hat dafür gesorgt, dass Biathlon nach Ruhpolding kam – und das gegen große Widerstände.« Viele in der Gemeinde hätten lieber Skisprung-Wettbewerbe ausgerichtet, »aber er hat erkannt, dass da die Konkurrenz durch Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Reit im Winkl zu stark war«, lobt Haßlberger die Weitsicht Schneiders.

Eines seiner schönsten Erlebnisse fiel noch in die Zeit des »Kalten Krieges«. Nach einem Biathlon-Kongress in Ruhpolding machten sich alle Teilnehmer auf die Heimreise – nur der russische Delegierte Nowikow und der Amerikaner Bill Spencer hatten erst für den folgenden Tag die Möglichkeit zum Rückflug. Da aber in Ruhpolding alle Übernachtungsstätten ausgebucht waren, »haben wir die bei meiner Mutter untergebracht. Die hatte nur zwei Doppelzimmer zu vermieten.« Weil es ausgeschlossen war, dass Nowikow sich ein Zimmer mit seiner Dolmetscherin teilen dürfte, musste er es sich mit dem US-Delegierten teilen. »Wir sind dann gemütlich zusammengesessen, und es ging sehr freundschaftlich zu.« Doch es gab auch Rückschläge: Als ein Weltcup vom Golfkrieg überschattet wurde, gab es keine TV-Übertragung – und damit fielen wichtige Sponsorengelder weg, deren Zahlung an die Übertragung geknüpft war. Und selbst die grandiose WM 2012 in der neuen Chiemgau-Arena war überschattet. »Es gab vom ersten Tag an eine schwere Drohung gegen Magdalena Neuner. Wir haben das zwar so weit wie möglich unter der Decke gehalten, aber das hat bei ihr schon an den Nerven gezehrt. Sie hat ja auch gemerkt, dass plötzlich dauernd Personenschützer um sie herum waren.« Insgesamt »war es eine schöne, aber auch arbeitsreiche Zeit«, blickt Haßlberger zurück. Ganz verloren geht er dem Biathlon sicher nicht. Seine Erfahrung wird auch beim Weltcup 2014 gefragt sein, in welcher Form er sich dann engagiert, ist noch offen. who