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Recherchen zur ARD-Dokumenation »Milliardenspiel Amateurfußball« deckten eine Schwarzgeld-Kultur bis hinab in die Kreisligen auf. Unsere Redaktion hat dazu heimische Fußball-Funktionäre befragt. (Foto: A. Hauser)

Eine Kiste Bier für einen Sieg

Bisher scheint die Welt des Amateurfußballs noch in Ordnung zu sein. Doch auch an der Basis des deutschen Fußballs soll es zum Teil nur um eines gehen: um Geldgeschäfte in Milliardenhöhe. ARD-Recherchen für die Dokumentation »Milliardenspiel Amateurfußball – Wenn das Geld im Umschlag kommt« haben nun erstmals das riesige Ausmaß einer Schwarzgeld-Kultur im Amateurfußball bis hinab in die Kreisligen aufgedeckt. Laut dem Bericht sollen dabei pro Saison deutschlandweit über eine Milliarde Euro fließen – und davon 500 Millionen Euro Schwarzgeld. Wie kann das gehen und gibt es das auch bei uns in der Region?


Belmin Bikic ist 23 Jahre alt. Er ist derzeit Stürmer beim FC Stadthagen (Kreisliga) in Niedersachsen und hat bereits mit 16 Jahren für Geld gespielt. Er ist einer der 10 000 aktiven Fußballer und Fußballerinnen, die die ARD-Reporter im Zuge ihrer Recherchen befragt haben. Während kaum eine der weiblichen Teilnehmerinnen angab, Geld fürs Fußballspielen erhalten zu haben, kreuzten 60,2 Prozent von den über 8000 männlichen Befragten an, schon einmal oder öfter für Geld gespielt zu haben – und darunter waren auch Spieler aus Bezirks- und Kreisliga.

Das Problem daran: Laut der DFB-Spielordnung dürfen Amateurfußballer nicht mehr als 250 Euro pro Monat an Aufwandsentschädigung erhalten. Überschreiten die Zahlungen diese Grenze, muss ein Amateurvertrag abgeschlossen werden. Damit werden aber Steuern und Sozialabgaben fällig – und das möchten wohl die meisten Vereine umgehen. In der Saison 2020/21 kamen auf mehr als 700 000 Amateurspieler nach Angaben der 21 Landesverbände des DFB gerade mal rund 8500 Amateurverträge. Und das sind viel zu wenige – hinsichtlich der hohen Geldbeträge, die Spieler – laut den auf Basis der Umfragedaten hochgerechneten Zahlen – erhalten haben. Bei uns in der Region waren sich die Befragten einig: Den Spielern in Umschlägen regelmäßig oder einmalig Geld zu zahlen, stand für – zumindest für die von unserer Sportredaktion befragten Funktionäre – nicht zur Debatte.

»Bei uns kommt das überhaupt nicht in Frage«, stellt Moritz Bauregger, Abteilungsleiter beim Kreisligist TSV Teisendorf, klar. Keiner der »Rothosen« bekomme Geld und »davon sei auch noch nie die Rede gewesen«, betont Bauregger. Auch Manuel Sternhuber, Abteilungsleiter beim Kreisligisten TSV Waging, erklärt: »Ich kann mir durchaus vorstellen, dass bei anderen Vereinen einiges hintenrum passiert. Bei uns ist jedoch klar geregelt, dass keiner was bekommt.« Auch Prämien gebe es im Verein keine, »außer eine Kiste Bier vom Kiosk-Team für einen Sieg«, sagt Sternhuber mit einem Schmunzeln. In beiden Vereinen spielen hauptsächlich Einheimische vom Ort – »sie spielen doch wegen der Freude zum Fußball«, ist Bauregger überzeugt.

»Wir haben 70 Spieler, wo soll ich anfangen, wo soll ich aufhören?«, sagt Abteilungsleiter Hans Geiger vom TSV Siegsdorf. Keiner der Spieler beim, erst im Sommer in die Bezirksliga aufgestiegenen, Verein erhalte Geld – und auch keiner der Spieler, für die der TSV zu Beginn der Saison eine Ablösesumme zahlen musste, ergänzt Geiger. Das Geld, das dem Verein durch Sponsoren in die Kasse fließt, brauche der TSV hauptsächlich, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten, und ein kleiner Teil davon gehe in die Jugendarbeit, sagt der Abteilungsleiter. Als Verein seien solche illegale Zahlungen an Spieler auch eine heikle Sache, betont Geiger weiter. Dadurch sei der Verein nicht mehr gemeinnützig und könne so seine Existenz verlieren.

Im ländlichen Bereich liegen die Aufwandsentschädigungen noch bei »normalen« Summen und überschreiten nicht die Grenze von 250 Euro, zeigt sich Peter Mallmann, Pressesprecher des SB Chiemgau Traunstein, überzeugt. Ganz anders, vermutet er, ist es wohl in Metropolen wie München. »Dort wird sicher mehr gezahlt.«

Beim SBC bekämen viele Spieler Aufwandsentschädigungen in Form von Benzingeld. Ob es zusätzlich Prämien- oder regelmäßige Zahlungen gibt und ob und wie viele Spieler einen Amateurvertrag haben, darüber gab der Pressesprecher keine Auskunft. »Das ist nichts für die Öffentlichkeit«, erklärt Mallmann. Und er ergänzt: »Fußball spielt man zwecks der Gaudi und nicht, um damit Geld zu verdienen.«

Eine ähnliche Antwort gab es aus Kirchanschöring. Offiziell Stellung zu unserer Anfrage wollte aber keiner der Funktionäre des Bayernligisten beziehen.

aha

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