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Die »Krönung der Brettspiele«

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Für Michael Sandner (vorne) ist Schach die »Krönung der Brettspiele« und ein Hobby für Jung und Alt. Das Jugendtalent Josef Ott (rechts), spielt deshalb in der nächsten Saison das Brett 1 in der Erwachsenenmannschaft der SG Turm Traunstein/Traunreut.

Die Schachgemeinsaft (SG) Turm Traunstein/Traunreut hat aus dem ersten Lockdown gelernt und nach den erneuten Einschränkungen im November schnell reagiert: Die Vereinsmitglieder treffen sich jetzt im Internet. »Die älteren Mitglieder haben noch ein paar Berührungsängste«, erklärt Vorstand Michael Sandner. »Für die Jüngeren ist das aber schon ganz normal.« So werde nun auch das Kindertraining, das normalerweise in zwei Gruppen stattfindet, in einer Online-Gruppe fortgeführt.

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Außerdem bietet das Internet den Schachspielern nicht nur die Möglichkeit, sich wie bei einem Vereinsabend auszutauschen, sondern auf der Schach-Plattform auch vereinsinterne Turniere auszutragen. »Das ist natürlich nicht das Gleiche wie im Verein«, meint der 50-jährige Vorstand. »Es hat schon eine Weile gedauert, bis das so angenommen wurde und es gibt einige Mitglieder, die das Angebot gar nicht nutzen und lieber warten, bis es wieder losgeht. Wir hoffen, dass wir bis dahin alle bei der Stange halten können.« Klar ist für den Vereinsvorstand nämlich auch: »Das Online-Schach kann das Live-Schach nicht ersetzen. Wir hören damit wieder auf, wenn der Lockdown vorbei ist.«

Schachgemeinschaft legt Wert auf die Jugendarbeit

Doch vorerst treffen sich die Mitglieder – der Verein hat über 100, etwa 30 von ihnen sind aktiv – im Internet statt im Traunsteiner Jacklturm. Die Schachgemeinschaft legt dabei weiterhin viel Wert auf ihre Jugendarbeit: Einen großen Anteil der Mitglieder »von über 50 Prozent« macht laut Michael Sandner die Jugend aus. Beim Schach sei ein früher Einstieg möglich. Deshalb bietet die Schachgemeinschaft auch regelmäßig Schach im Ferienprogramm an. »Das wird ganz gut angenommen«, weiß Michael Sandner. So kommen immer wieder neue Mitglieder dazu. »Einige spielen nur beim Ferienschach, aber manche bleiben auch über Jahre im Club.«

Wer sich für einen Einstieg im Verein entscheidet und dort regelmäßig spielt, sei nach etwa einem halben bis einem Jahr »reif für Turniere«, sagt der Vorstand. »Es gibt aber auch Einige, die gar keine Turniere spielen wollen.« Für die Vereinsmitglieder gebe es auch bei der Schachgemeinschaft Gegner in verschiedenen Spielstärken. Die individuelle Spielstärke zeigt die Deutsche Wertungszahl (DWZ) an – je höher die Zahl, desto besser der Spieler.

Wer bei Turnieren antreten will, kann mit den drei SG-Mannschaften am Ligabetrieb teilnehmen: Die Erste Mannschaft spielt in der Bezirksliga, die Zweite Mannschaft in der B-Klasse Süd. Zudem gibt es noch eine Jugendmannschaft, die in der U-16-Kreisliga aktiv ist.

»Männer und Frauen spielen beim Schach in der gleichen Liga, genauso alle Altersklassen«, betont Michael Sandner. Nur für die Jugend gebe es eine eigene Mannschaft – »da spielen dann auch Achtjährige mit«.

Alle Duelle – es gibt Heim- und Auswärtsspiele – werden parallel ausgetragen, die Reihenfolge der normalerweise acht Spieler pro Mannschaft legt jeder Verein fest. Die Mitglieder an Position eins – zumeist die besten Spieler des Vereins – treten dann gegeneinander an. So lasse sich der Spieltag »an einem Tag abwickeln«, erklärt Michael Sandner.

Die Bezirksliga-Mannschaft der Schachgemeinschaft muss dafür auch mal bis nach Ingolstadt reisen. Dann sitzen die Spieler – meist werden die Wettkämpfe in einem Wirtshaus ausgetragen – Brett an Brett und kämpfen um den Sieg. »Das bringt auch eine gewisse Dynamik«, sagt Michael Sandner. »Man kann die anderen Partien verfolgen und weiß so, ob man in der eigenen mehr riskieren muss.«

Vor dem direkten Duell bereiten sich die Spieler auch auf ihre Gegner vor. »Im Internet findet man die Partien der Gegner und kann sich Strategien überlegen«, sagt Michael Sandner. Zudem könne man vor Turnieren die eigenen Eröffnungsvarianten noch mal durchgehen.

Die Ligawettkämpfe werden nicht online ausgetragen. »Da ist natürlich nicht überwachbar, ob jemand einen Schachcomputer nutzt«, sagt der SG-Vorstand. Dafür bietet das Internet den Schachspielern viele andere Möglichkeiten: »Es ist schon der Wahnsinn, was da gemacht wird«, berichtet Michael Sandner. So gebe es beispielsweise eine Ultrakurz-Variante, bei der die ganze Partie in 15 Sekunden gespielt wird. »Da muss man die Züge schnell erfassen«, sagt der SG-Vorstand und lacht. »Ich habe das probiert, aber dafür ist meine Maus zu langsam.«

Zudem verbreiten sich durch das Internet auch immer schneller weitere Varianten. »Wer im Internet Züge bei einem Schachspiel in Südamerika entdeckt, probiert das vielleicht auch mal in Traunstein aus«, sagt Michael Sandner. Auch von Vorbildern oder bei Turnieren wie der Weltmeisterschaft schauen sich die Spieler Züge ab. »Da schnappt man Ideen auf und was der Weltmeister spielt, wird auch in den Clubs ausprobiert.« So seien immer wieder unterschiedliche Varianten »in Mode«.

Für den Vereinsvorstand, der als Einzelspieler auch schon bei der Bayerischen Meisterschaft gespielt hat, ist dabei auch klar: »Die Profis denken tiefer und weiter, das macht den Unterschied. Es gibt sicher auch viele Leute, die nachmachen, wie Robert Lewandowski ein Tor schießt. Den Spielzug kann man sich abschauen, aber man wird deshalb nicht so schnell und so ballsicher.«

Für Michael Sandner ist Schach ein Hobby – eins, bei dem man so schnell nicht auslernt. »Wenn man regelmäßig spielt, kann man sein Niveau gut halten«, erklärt er. Dazulernen könne man mit neuen Varianten aber immer. Michael Sandner hat selbst an die 50 Schachbücher, die er immer wieder nutzt. »Die nehme ich auch mal mit auf eine Bahnfahrt und löse dann Taktikaufgaben.«

Der Vorteil beim Schach: Der Sport lässt sich bis ins hohe Alter spielen und »auch wenn man im Rollstuhl sitzt«, betont Michael Sandner. Allerdings sind dabei Konzentration und eine gewisse Fitness gefragt. »Gerade bei Turnieren über mehrere Tage muss man die Konzentration lange hochhalten. Je älter man wird, desto schwerer wird das.«

Das Interesse wird oft von den Eltern geweckt

Eine gewisse Veranlagung für Brett- und Strategiespiele sei sicher eine Voraussetzung für Schach, bei Kindern werde das Interesse oft durch Eltern oder Großeltern geweckt. So war das auch beim Vereinsvorstand: Mit sieben, acht Jahren habe er mit seinem Vater gespielt, in den Verein kam er aber erst spät mit 18 Jahren. Begeistert dabei ist er bis heute: »Schach ist die Krönung der Brettspiele«, sagt Michael Sandner. Manche Manöver seien »auch ein bisschen Kunst, sie haben eine gewisse Schönheit«. Zudem beeindrucken ihn die taktischen Möglichkeiten des Spiels: »Die Stellung siegt über das Material.«

Doch nicht nur deshalb gefällt Michael Sandner das Spiel. »Schach hat auch den Ruf, dass Spieler ihr geistiges Potenzial besser ausschöpfen können. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass sie in Mathe besser werden«, versichert der Vereinsvorstand, der im Rechnungswesen arbeitet.

Trotz allem sei Schach »nicht so medienwirksam«, bedauert der Vereinsvorsitzende. »Für Nicht-Schachspieler sind die Partien nicht so leicht zu verfolgen, dann wird es schnell langweilig.« Doch auch da sei der Sport auf einem guten Weg – und profitiert dabei ebenfalls vom Angebot im Internet mit eigenen Schachkanälen: »Es gibt da gute Ansätze«, meint Michael Sandner. »Mit den Kommentatoren werden die Partien für Zuschauer gut nachverfolgbar.« jom

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