Die Generation »Nichtschwimmer«: Die Warteliste ist lang

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Ausgestattet mit Schwimmnudel, Schwimmbrett und Schwimmkissen geht es für die ehrenamtlichen Helfer der DLRG und der Wasserwacht fast jede Woche in den Schwimmkurs. Ihr Ziel: Die lange Warteliste der Kinder abarbeiten, die wegen der Corona-Pandemie noch keinen Schwimmkurs besuchen konnten. (Foto: A. Hauser)

Die Beinbewegungen saßen schon, doch als die Arme dazugekommen wären, musste der Kurs im vergangenen Frühjahr abgebrochen werden. Nach fast eineinhalb Jahren Corona-Pause haben die Kinder nun den Schwimmkurs bei der Teisendorfer DLRG wieder aufgenommen. Am morgigen Sonntag ist es soweit: Dann halten sie ihre Urkunde und hoffentlich auch das Seepferdchen-Abzeichen in den Händen.


Besonders war ihr Schwimmkurs – und das nicht nur, weil sie beim längsten Schwimmkurs der Vereinsgeschichte dabei waren, sondern auch, weil sie zu den ersten Kindern gehörten, die nach der langen Corona-Pause an einem Kurs teilnehmen konnten. Denn: Die Nachfrage auf Kursplätze ist derzeit groß, DLRG und Wasserwacht sind deshalb im Dauereinsatz.

Jugendliche helfen ehrenamtlich mit

Seit 25 Jahren leitet August Hacker die Schwimmkurse im Ortsverband. Ihm zur Seite stehen eine Handvoll Jugendliche und junge Erwachsene, die ihn bei den Kursen im Schwimmbad des HPZ Piding oder im Badylon in Freilassing unterstützen – und das ehrenamtlich. An seine erste Schwimmkurssaison 1996 kann sich August Hacker noch gut erinnern: Damals fanden die Kurse noch im Lehrbecken im Freibad Neukirchen statt – 80 Kinder standen damals auf der Anmeldeliste. Ob es in diesem Jahr genauso viele Kinder sind, wird gerade noch an den Grundschulen im Gemeindegebiet Teisendorf ermittelt. Aktuell sind zwei Kurse angelaufen – ein Schwimmkurs, der schon vor Corona begonnen hatte, und einer mit Kindern, die im vergangenen Jahr angemeldet wurden, berichtet Hacker. Anfragen hat die DLRG genug. Aber: Die Anmeldung für die Kurse erfolgt vorerst ausschließlich über die Schulen der Gemeinde. Teilnehmen dürfen deshalb nur Kinder, die in Teisendorf wohnen und sechs Jahre alt sind.

»Wir als Ortsverband sind vor allem für Teisendorf zuständig. Bei uns ist so ein großer Bedarf, dass wir erst die ortsansässigen Kinder bei uns im Kurs aufnehmen«, erklärt Hacker. Sind dann noch Plätze frei, dürfen natürlich auch Kinder aus den umliegenden Gemeinden am Kurs teilnehmen.

Engagement ist eine Selbstverständlichkeit

August Hacker geht davon aus, dass noch bis in den späten Herbst hinein Schwimmkurse stattfinden werden. Denn nach den zwei derzeitigen Kursen, die Anfang August enden, ist im Anschluss ein dritter und für Ende September ein vierter Kurs geplant. In diesem und im nächsten Jahr werden es daher mehr Kurse als sonst.

Das ist für die Ehrenamtlichen der DLRG natürlich mit mehr zeitlichem Aufwand verbunden – ein Engagement, das August Hacker jedoch als Selbstverständlichkeit betrachtet. Denn das Schwimmen sei für den Ortsvorsitzenden nicht nur eine Freizeitaktivität, sondern überlebenswichtig. Kinder seien beispielsweise viel draußen unterwegs, da könne es schon mal vorkommen, dass sie in einen Weiher oder Bach fallen. Wenn sie dann nicht schwimmen können, hätten sie keine Chance, betont Hacker.

Er legt daher jedem Kind einen Kurs ans Herz. Denn nur dort lernen die Kinder von »Profis«, wie Schwimmen funktioniert. »Eltern zeigen den Kindern die Bewegungen oft falsch und was einmal gelernt ist, bekommt man dann schlecht wieder raus«, meint der DLRGler. Was Eltern aber tun können, um ihre Kinder auf einen Schwimmkurs vorzubereiten, sei die Wassergewöhnung. Viele Kinder haben so großen Respekt vor dem Wasser, dass die Schwimmtrainer die Kinder erst einmal an das Wasser heranführen müssen, bevor es an das Schwimmen geht. Für das Schwimmenlernen bleibt dann in dem insgesamt fünfwöchigem Kurs mit je zwei Kursstunden nur noch wenig Zeit. Wassergewöhnung funktioniere ganz einfach, erklärt Hacker. Kinder sollten sich zum Beispiel im Bad selbst Wasser ins Gesicht spritzen oder beim Duschen, den Kopf unter den Wasserstrahl halten.

Im Landkreis Traunstein zeigt sich das gleiche Bild

Blickt man zu den Rettungsorganisationen im Nachbarlandkreis Traunstein, zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Schwimmkurse der DLRG und der Wasserwacht sind ausgebucht. Einen Platz im Schwimmkurs bekommt man nur mit viel Glück. Das weiß auch Thomas Hoffmann. Er ist Vorsitzender der Bayerischen Sportjugend beim Bayerischen Landessportverband im Kreis Traunstein. Er hat in Zusammenarbeit mit der DLRG und der BRK-Wasserwacht das Projekt »Schwimmen lernen in der Corona-Pandemie – aber wie oder überhaupt?« ins Leben gerufen mit dem Ziel, den Kindern im Landkreis Traunstein vermehrt Schwimmkurse im Sommer anzubieten. Denn wegen der Corona-Pandemie befürchtet der Verband, dass es bereits jetzt eine ganze Generation an Nichtschwimmern gibt.

Die Zahl der Nichtschwimmer steigt

Zwei Jahre, schätzt Hoffmann, dauert es, bis im Landkreis »der Stau« von Kindern, die noch keinen Schwimmkurs besucht haben, abgebaut ist. Nicht zu vergessen seien dabei die Sieben- bis Achtjährigen, die unmittelbar von den Einschränkungen im Schwimmbetrieb betroffen waren, betont der Kreisvorsitzende. Als Beispiel nennt er die Stadt Traunstein: Dort gebe es rund 600 Grundschüler, von denen knapp die Hälfte nicht schwimmen können und das mit steigender Tendenz. Denn im Herbst werden rund 100 Erstklässler und somit potenzielle Nichtschwimmer eingeschult, befürchtet der Traunreuter.

Gut findet der Vorsitzende die Aktion der Bayerischen Staatsregierung, das Seepferdchen Abzeichen zu fördern. Demnach sollen alle Vorschulkinder und Erstklässler des kommenden Schuljahres einen Gutschein über 50 Euro für einen Schwimmkurs erhalten. »Das ist ein Schritt in die richtige Richtung«, kommentiert Hoffmann die Aktion. Aber: Man hat das Ganze noch nicht zu Ende gedacht, findet der Traunreuter. Denn unklar ist immer noch, wer die Gutscheine austeilt und wie das Geld zu den Organisationen kommen soll. Auch werden dabei die älteren Schüler vergessen, die noch nicht die Möglichkeit hatten, einen Schwimmkurs zu besuchen.

Die Bayerische Sportjugend möchte durch ihre Allianz mit DLRG und Wasserwacht die Organisation der Schwimmkurse im Landkreis Traunstein unterstützen – zum Beispiel mit mehr Geldern für die Ausbildung von neuen Schwimmtrainern. Denn diese sind in manchen Verbänden knapp, berichtet Hoffmann. Auch hat der Verband erreicht, dass die Kommunen auf das Eintrittsgeld für die Schwimmbäder und Strandbäder zumindest für die Kursteilnehmer verzichten. Ziel sei es, in jedem Schwimmbad oder See Kurse für Kinder anzubieten, sagt Hoffmann. Ins Boot geholt hat er dafür unter anderem bereits die DLRG aus Ruhpolding und den Ortsverband Traunstein-Siegsdorf sowie die Wasserwachten Tengling-Törring, Trostberg, Traunreut und Chieming.

45 Kinder lernten Schwimmen

Bei der Wasserwacht Tengling-Törring zum Beispiel fanden bereits die ersten vier Schwimmkurse unter der Leitung von Johann Wichtlhuber und Cordula Dumberger statt. Rund 45 Frühschwimmerinnen und Frühschwimmer vermittelten die Trainer die ersten Schwimmzüge. »Etwa die Hälfte der Teilnehmer erreichte am Ende des Kurses das Seepferdchen«, berichtet Wichtlhuber.

Auch bei den Schwimmkursen der Wasserwacht Tengling-Törring sei die Nachfrage nach freien Plätzen zurzeit groß, sodass bereits drei neue Kurse mit insgesamt 34 Kinder begonnen haben. Ein Kurs sei danach noch geplant, da immer noch rund 18 Kinder auf der Warteliste stehen, erzählt Wichtlhuber. Neue Anmeldungen werden allerdings nicht mehr entgegengenommen. »Irgendwann reicht es dann auch mal«, gibt der Schwimmlehrer zu. Denn: Sind es in normalen Jahren an die vier bis fünf Schwimmkurse, waren es in diesem Jahr fast doppelt so viele. Wichtlhuber ist über den ganzen Sommer hinweg mit den Kursen beschäftigt. »Das ist auch immer ziemlich viel zu organisieren«, erklärt er.

aha

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