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»Dem Fußball ist es egal, wer gegen ihn tritt«

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DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch (rechts) nahm am Samstag auf der Tribüne des Kirchanschöringer Stadions neben Bürgermeister Hans-Jörg Birner Platz. Unserer Sportredaktion stand er zu verschiedenen Themen Rede und Antwort. (Foto: Butzhammer)

Dass Dr. Rainer Koch in der »Spiegel-Affäre« (Vergabe der WM 2006) eine »lückenlose Aufklärung« fordert, darüber haben wir bereits in unserer Montagausgabe berichtet. Der 56-jährige DFB-Vizepräsident und BFV-Chef aus Poing im Landkreis Ebersberg hat sich im Rahmen seines Besuchs der Bayernliga-Partie SV Kirchanschöring gegen SV Erlbach am vergangenen Wochenende aber auch weiteren Themen gewidmet – teils öffentlich, teils im Gespräch mit unserer Sportredaktion. Dr. Koch über...


...die drei bayerischen Bundesligisten:

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«Soviel vorneweg: Wir sind – auch welt- oder europaweit gesehen – im Spitzenfußball in Bayern gut aufgestellt. Wir haben immer wieder Top-Fußballer aus Bayern, die auch in der Nationalmannschaft eine gute Rolle spielen. Wir haben mit dem FC Bayern ganz sicher eine der drei oder vier Top-Mannschaften Europas bei uns zu Hause. Man kann nicht viel Wett-Einsatz gewinnen, wenn man behauptet, dass Bayern wieder Deutscher Meister wird. Auch in der Champions League wird die Mannschaft wieder eine gute Rolle spielen.

Wir haben mit dem FC Ingolstadt einen Aufsteiger, der sensationell gestartet ist. Mich persönlich überrascht das nicht, doch der kontinuierliche Aufbau über viele Jahre hinweg wurde von vielen gar nicht wahrgenommen. Es ist eben kein Werksclub, sondern ein Verein, der mit Audi einen guten Sponsor hat und sich über Jahre gut aufgestellt hat. Ich begleite die Ingolstädter seit gut zehn Jahren, seit der Fusion, damals haben wir von Verbandsseite schon mitgeholfen. Das ist eine ganz tolle Entwicklung, und ich bin überzeugt, dass in diesem Jahr ein ordentlicher Platz im Mittelfeld rauskommen wird.

Beim FC Augsburg gibt es heuer das Problem, das alle mittleren Vereine haben, wenn sie plötzlich eine so überragende Bundesliga-Saison spielen, mit der sie sich für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren. Der FCA tut sich jetzt sehr schwer, mit der Doppelbelastung umzugehen. Zum Teil hatten die Augsburger auch unglückliche Ergebnisse. Ich war selbst beim ersten Europa-League-Spiel in Bilbao dabei – das hätte auch anders ausgehen können. Das werden jetzt harte Monate – trotzdem bin ich guter Dinge.«

...das Zweitliga-Kellerkind TSV 1860 München (das 0:1-Ergebnis der Montags-Partie gegen Karlsruhe lag ihm noch nicht vor):

»Man muss sehen, was der Trainerwechsel bewirkt, inwieweit Benno Möhlmann in der Lage ist, jetzt auch für Punkte zu sorgen. Denn die alte Weisheit gilt halt auch für die »Löwen«: Nur mit Unentschieden kannst du den Abstieg nicht vermeiden. Die Frage, ob der Klassenerhalt noch drin ist, kann ich ganz klar mit ,Ja’ beantworten. Denn im Moment gibt’s ja noch nichts zu retten, da geht es erst einmal darum, ein Spiel zu gewinnen. Wenn die Sechziger zwei Begegnungen hintereinander gewinnen, kommen sechs Punkte dazu – dann schaut die Welt schon wieder ganz anders aus.«

...den extremen Flüchtlingszustrom und die hilfsbereiten Clubs:

»Ich bin richtig stolz darauf, wie wir, also der BFV und die Vereine in Bayern, mit der Flüchtlingsproblematik umgehen. Es ist das Thema Nummer eins, das uns derzeit bundesweit beschäftigt. Dem Fußball ist es völlig egal, wer gegen ihn tritt.«

...die Abstiegs-Regelung der Bayernliga mit einem Direktabsteiger und vier Relegations-Teilnehmern, die zum Beispiel auch der momentan auf einem Nichtabstiegsplatz rangierende SV Kirchanschöring so akzeptieren muss:

»Fünf Vereine kann es erwischen, aber nur einen muss es erwischen. Ich kämpfe leidenschaftlich dafür, dass die Spannung bis zum Schluss einer Saison erhalten bleibt – wir brauchen die Relegation. Und ich betone: Kein zusätzlicher Verein wird in Abstiegsgefahr gebracht, wenn man die Regelung mit der früheren vergleicht. Dass die Trainer nicht einverstanden sind, kann ich trotzdem verstehen.«

...die Möglichkeit von Dorfvereinen wie dem SV Kirchanschöring, im höherklassigen Amateurfußball mitzumischen, auch wenn Stadtclubs medial wohl besser inszeniert werden könnten:

»Medial gesehen ist wichtig, dass Regionalliga- und Bayernliga-Fußball überall in Bayern stattfindet. Sportpolitisch ist wichtig, dass in diesen Ligen nur Vereine spielen, die es sich auch wirtschaftlich leisten können. Und was mir ganz wichtig ist – und deshalb haben wir ja vor ein paar Jahren die Ligenreform vorgenommen und die Bayernliga zweigleisig und die Landesliga fünfgleisig gemacht: Wir sind jetzt so aufgestellt, dass die oberen Amateurligen von allen Vereinen bespielt werden können. Wahrscheinlich, da muss man realistisch sein, ist die Bayernliga für Kirchanschöring die Champions League - auch wenn der Abteilungsleiter das vielleicht anders sieht.

Ich freue mich jedenfalls, dass wir diese Liga jetzt so aufgestellt haben, dass sich auch ein Verein aus einer 3000-Einwohner-Gemeinde wirtschaftlich darin aufhalten kann. Deswegen bin ich sehr froh über diese Entwicklung. Es gibt in Bayern übrigens nur 25 Mannschaften, die höherklassig spielen als Kirchanschöring – und das bei etwa 4000 bis 5000 Vereinen.«

...den überraschenden Tod von BFV-Vizepräsident Horst Winkler aus Rosenheim:

»Ich habe einen wahren Freund verloren. Ein wunderbarer aufrechter Mensch, ein großartiger Streiter für soziale Werte, ein Kämpfer für den Amateurfußball. Danke, Horst!« cs