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»Das war eine fantastische Zeit«

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Es war ein Abschied nach Maß, der für den Traunsteiner Langläufer Tobias Angerer nicht besser hätte ausfallen sollen. Im Ziel warteten die Kinder mit Frau Romy, die Teamkameraden und die Trainer. Auf der Tribüne am Holmenkollen verfolgte Norwegens König Harald V. das Karriereende des Ausnahmekönners vom SC Vachendorf.


»Der hatte keine Krone, aber dafür ganz weiße Haare und eine rote Jacke an«, schilderte Angerers kleine Tochter Karlotta sichtlich beeindruckt die Szenerie.

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Jetzt, ein paar Tage später, spürt der bald 37-Jährige eine gewisse Müdigkeit. »Die Anspannung ist weg. Ich habe vorher auch nicht gewusst, wie das ist, sein letztes Rennen zu bestreiten«, schildert der zweimalige Gesamtweltcupsieger seine Gefühle vor seinem 300. und letzten Weltcuprennen. »Gott sei Dank habe ich es genießen können«, sagt er zufrieden – und das, obwohl der 50-Kilometer-Wettbewerb das härteste Rennen im Langlaufzirkus ist.

»Bin entschädigt worden«

Vor allem die Krankheit während der Olympischen Spiele in Sotschi beraubte ihn der notwendigen Form, um in Oslo in der Spitzengruppe mitzuhalten. »Es war mir aber ein Bedürfnis, genau im Mekka des Nordischen Sports mein letztes Rennen zu laufen. Ich bin dann auch dafür entschädigt worden, dass ich mir das angetan habe«, meint er schmunzelnd.

Trotzdem war das Rennen in Oslo für Angerer kein normaler Wettkampf. Viele Gedanken schossen ihm Tage vorher durch den Kopf, wie es wohl sein werde auf den letzten Runden. Mit Wehmut habe er viele Gespräche mit Teamkollegen, Trainern, Funktionären und Journalisten geführt. Jeder habe ihn darauf angesprochen. »Da ist mir die Bedeutung schon klar geworden«, gibt er zu.

Dem Traunsteiner gelang es schließlich aber doch, relativ locker in sein persönliches Finale zu gehen. Erst als alles vorbei war, wurden die Emotionen frei. »Die ganze Karriere geht einem noch einmal durch den Kopf«, sagt er.

Glück mit den Trainern

Das bedeutet: Die Anfänge auf der Loipe hinter dem Elternhaus in Traunstorf. Die ersten Erfolge im Schülercup bis zu den Olympischen Medaillen. Auch ein erstes Interview 1993, als er noch der kleine Tobi war und eines von vielen Talenten. »Ich habe mir vieles hart erarbeiten müssen. Habe aber davon profitiert, weil ich immer konsequent gearbeitet habe. Man hat mein Talent gesehen und ich hatte Glück, die richtigen Trainer zu haben«, erinnert sich der vom Tobi zum Tobias gereifte Sportler. Georg Zipfel und sein väterlicher Freund Karl Zellner waren seine wichtigsten Trainer.

Angesprochen auf den Zieleinlauf am Holmenkollen wirkt Angerer sehr nachdenklich. Er habe von den Überraschungen mit seinen Kindern und der extra für ihn und Jens Filbrich angefertigten Sänfte nichts gewusst. Da seien ihm zunächst noch die Anfeuerungen der Zehntausende von Norwegern in den Ohren geklungen.

Glückwünsche und Hochachtung erfuhr Angerer aber auch von seinen Konkurrenten, mit denen er sich über 20 Jahre in der Loipe herumgeschlagen hatte. »Das zeigt die Wertschätzung der Konkurrenz und auch von mir gegenüber. Respekt steht an vorderster Stelle, so bin ich.«

2002 bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City schaffte der damals 24-Jährige den internationalen Durchbruch gleich mit einer Medaille. Er gehörte damals zu den »Jungen Wilden«, die mit einer neuen Art zu Langlaufen überraschten. Zum Beispiel mit dem berühmten Ausfallschritt auf der Ziellinie. »Das war eine fantastische Zeit und der Erfolg bei Olympia hat mir das nötige Selbstvertrauen gegeben, um meinen weiteren Weg zu bestreiten.«

Das perfekte Rennen

Als perfektes Rennen seiner Laufbahn sieht er die 15 Kilometer bei der WM 2007 in Sapporo mit der Bronzemedaille. Mit einer hohen Startnummer unterwegs, setzte plötzlich starker Schneefall ein, sodass die Läufer mit niedrigen Nummern klar im Vorteil waren. So auch der damalige Sieger, Biathlet Lars Berger. »Viele haben gesagt, du bist der wahre Weltmeister, ich war in diesem Rennen in einer unglaublichen Verfassung«, meint er und fügt ganz schnell bescheiden hinzu: »Mei, Langlaufen ist halt eine Freiluftsportart.«

Auf die Frage, ob irgendein Erfolg in seiner Sammlung fehlt, hat er ebenfalls eine für ihn typische Antwort. »Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Ich bin dankbar für alles.« Auch auf die Olympischen Spiele in Sotschi blickt er ohne Groll zurück – und das, obwohl er krankheitsbedingt vorzeitig abreisen musste. »Für ganz vorne hat es nicht mehr gereicht, das muss ich akzeptieren. Wichtig war, dass ich mein Bestes gegeben habe.«

Gute Talente folgen nach

Um die Zukunft des deutschen Langlaufsports ist ihm nach dem Generationenwechsel nicht bange. Hannes Dotzler, Tim Tscharnke, Thomas Bing und Florian Notz sowie der Traunsteiner Jonas Dobler – der am Holmenkollen ebenfalls schon die 50 km lief und auf Rang 57 ins Ziel kam – seien Sportler, die ihren Weg machen würden.

Zu seiner Zukunft sagt Angerer, dass er sich zuerst darauf freue, mehr Zeit für die Familie zu haben. Im Herbst will er an der FH Erding ein Sportstudium beginnen. Den praktischen Teil absolviert er bei seiner langjährigen Agentur von Ralph Scheitenberger. Möglicherweise will er auch ein Auge auf den Langlaufnachwuchs im Chiemgau werfen.

Da kann er sich ganz nebenbei um Töchterchen Karlotta kümmern. »Drei Pokale und sieben Medaillen habe ich schon«, meint sie stolz. Da könnte es durchaus sein, dass es später einmal mit dem König von Norwegen und einem Besuch in dessen Loge was wird. Dem ohne Krone und mit den weißen Haaren am Holmenkollen. SHu.