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»Das Kegeln in Traunstein stirbt aus«

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Von so einer modernen Anlage wie beim SV Mehring kann Dieter Mährle (kleines Foto), Vorstand des Traunsteiner Post-SV, nur träumen. Die Traunsteiner Sportkegler haben die Hoffnung auf eigene Kegelbahnen längst aufgegeben.

Ein geselliger Abend auf der Kegelbahn – vor 30 Jahren gehörte das für viele Deutsche zum festen Freizeitprogramm. Wer mit Kollegen oder Freunden kegeln wollte, musste sich oft Wochen im Voraus um die Reservierung der Bahnen kümmern.


Inzwischen hat sich die Lage grundsätzlich geändert. »Wartezeiten gibt es heute kaum noch«, sagt der Präsident des Deutschen Kegler- und Bowlingbundes, Uwe Oldenburg. Die Zahl der Kegler sei stark zurückgegangen.

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Wobei Margot Petzel, Präsidentin des Bayerischen Sportkegler- und Bowlingverbands (BSKV), klar zwischen Sport- und Gesellschaftskegeln unterscheidet: »Die Sportkegler tragen ihre Wettkämpfe nicht in verrauchten Gaststätten aus, viele Vereine haben moderne Anlagen und sind top aufgestellt.« Mit dem »Gasthaus-Touch« habe der Kegelsport schon lange zu kämpfen. »Dabei ist er technisch anspruchsvoll«, betont Margot Petzel. Konditions- oder Konzentrationsmängel können sich die Sportkegler bei ihren Wettkämpfen nicht leisten. »Deshalb herrscht Rauch- und Alkoholverbot.«

Die Mitgliederzahl geht jedes Jahr zurück

Wie schlecht es aber um die einst so beliebte Sportart steht, zeigen die Zahlen des Spitzenverbands für Kegeln und Bowling: »Wir waren in den 1980er Jahren mal fast 200 000 Mitglieder und haben jetzt noch 80 000 Mitglieder«, bilanziert der 68 Jahre alte Oldenburg. »Wir verlieren jedes Jahr zwischen drei und fünf Prozent.« Auch in Bayern hat sich die Mitgliederzahl in den vergangenen 20 bis 25 Jahren halbiert, von etwa 35 000 Mitglieder auf inzwischen rund 17 000.

Der Freizeitforscher Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen erklärt die Entwicklung mit dem Ende eines Trends: »Es hat auch etwas mit Zeitgeist zu tun«, sagt der Professor. In den 70er Jahren sei Kegeln eine beliebte Möglichkeit gewesen, Sport und Geselligkeit zu verbinden. Inzwischen seien die Gaststätten mit Kegelbahnen aber alt geworden, Globalisierung und Digitalisierung hätten die Welt und die Ansprüche der Menschen verändert.

Das sieht auch Margot Petzel so: »Jugendliche haben heute andere Interessen, niemand will sich an feste Trainingszeiten oder einen Verein binden. Aber damit haben auch andere Sportarten zu kämpfen.« Allerdings gibt die BSKV-Präsidentin zu, dass der Kegelsport »sicher ein bisschen überaltert« ist. Der Altersdurchschnitt liege bei den Mitgliedern bei 46 Jahren.

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Zwar gebe es in vielen Vereinen eine »hervorragende Jugendarbeit«, aber diese verlange eben auch viel Eigeninitiative. »Manche Vereine bejammern den Mitgliederrückgang, tun aber nichts dagegen«, weiß Margot Petzel. Zudem gibt es nicht nur beim Nachwuchs Probleme: »Was uns fehlt, sind auch die Erwachsenen zwischen 30 und 40, die im Beruf und mit jungen Familien eingespannt sind.«

Dieter Mährle, Vorstand des Traunsteiner Post-Sportvereins, hat aber noch ganz andere Sorgen: Für eine aktivere Jugendarbeit der Kegelabteilung im Post-SV fehlt dem Verein vor allem eine eigene Anlage. »Vereine mit neuen, hellen und schönen Bahnen haben auch Nachwuchs«, weiß Dieter Mährle. Er ist auch Vorsitzender im Sportkeglerkreis Chiemgau – der Kreis erstreckt sich von Miesbach bis nach Marktl über ganz Südostoberbayern – und kennt deshalb viele Vereine und ihre Anlagen. Ohne »gescheite Bahn« hätten die Vereine kaum eine Chance auf neue Mitglieder – interessierte Kegler sind beim Post-SV aber jederzeit willkommen. Für eine Anlage mit vier Bahnen, wie sie für Wettkämpfe nötig ist, müssten rund 90 000 Euro investiert werden.

Der Traunsteiner Verein sei allerdings nicht so ausgestattet, dass er selbst eine Bahn bauen könnte – und die Hoffnung, dass der Post-SV eine eigene Anlage bekommt, hat Dieter Mährle längst aufgegeben. »Wir kämpfen seit 30 Jahren um Unterstützung. Aber inzwischen haben wir resigniert.« Der Verein trägt seine Wettkämpfe in Ruhpolding aus. Dabei würde aus Dieter Mährles Sicht eine Kegelbahn in Traunstein den Freizeitwert in der Stadt steigern und auch von vielen Hobbykeglern genutzt: »Ich weiß, dass das Interesse groß ist.«

Doch das alleine genügt eben nicht. Der bayerische Verband versucht bereits, sich auf die sinkenden Mitgliederzahlen einzustellen: »Unsere Strukturen sind auf viele Mitglieder ausgelegt. Jetzt müssen wir schauen, wie wir diese Strukturen anpassen«, erklärt Margot Petzel. Für sie steht nämlich fest: »Der Abwärtstrend wird anhalten. Wir müssen mit den Gegebenheiten zurechtkommen und uns überlegen, wie der Verband von morgen aussehen soll.«

Der Präsident des Deutschen Kegler- und Bowlingbundes sieht genau darin das Problem. »Wir sind ein sehr konservativer Sport. Veränderungsprozesse sind im Kegelsport relativ schlecht durchzusetzen«, sagt Oldenburg. Mit Blick auf die vielen älteren Kegler, die alles so lassen wollen, wie es schon immer war, sagt er: »Der Kegelsport ist in meinen Augen ein wenig zu sehr auf Tradition ausgelegt. Man sollte auch mal ein bisschen an die Zukunft denken.«

»Viele Funktionäre wollen keine Veränderungen«

Diese Erfahrung hat auch Margot Petzel schon gemacht. »Viele Funktionäre wollen keine Veränderungen«, erzählt sie. »Man kann einen Sportverband aber nicht mehr führen wie vor 50 Jahren. Vielen fehlt das Verständnis für das große Ganze.« Chancen, den Mitgliederschwund zu stoppen, sieht sie durchaus. »Wir brauchen attraktive Angebote, ordentliche Anlagen und gute Trainer, gerade für die Anfänger.« Da sieht die BSKV-Präsidentin den Kegelsport auf einem guten Weg. »Wir wollen natürlich verhindern, dass wir irgendwann aussterben.«

Genau das ist laut Dieter Mährle in Traunstein kaum noch zu verhindern. Ohne eigene Bahn sieht er keine Zukunft für den Kegelsport im Post-SV: »So lange wir uns noch bewegen können, machen wir weiter«, sagt er und lacht. Das Durchschnittsalter bei den Sportkeglern im Post-SV beträgt 50 Jahre. »Aber klar ist: Das Kegeln in Traunstein stirbt aus.« jom/dpa