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Anni Friesinger: »In erster Linie bin ich Mutter«

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Gut gelaunt: die ehemalige Eisschnellläuferin Anni Friesinger in ihrer Wohnung in Salzburg. (Foto: S. Huber)

Dreimal Olympiagold, 16-malige Weltmeisterin und 59 Weltcupsiege – beeindruckende Zahlen sind das in der sportlichen Vita von Anni Friesinger-Postma. Vor knapp vier Jahren beendete die Inzellerin ihre einmalige Eisschnelllauf-Karriere.


Heute lebt die mittlerweile 37-Jährige abwechselnd in Salzburg und in Holland. Dort bewirtschaftet ihr Mann Ids Postma einen Bauernhof mit rund 600 Stück Vieh. Das Paar hat zwei Kinder. Josephine ist drei Jahre alt, Nesthäkchen Elisabeth ist im Juni auf die Welt gekommen. »In erster Linie bin ich Mutter«, sagt Anni Friesinger-Postma beim Termin in ihrer Salzburger Wohnung, wenige Minuten vom Schloss Mirabell entfernt.

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Gemütlich hat sie sich eingerichtet, schließlich ist Salzburg ihr Lebensmittelpunkt. »Ich liebe die Berge und Süddeutschland und Österreich ist auch mein Arbeitsgebiet.« Immer noch ist das ehemalige Aushängeschild des Eisschnelllaufsports eine begehrte Werbepartnerin. Kürzlich wurde sie das Gesicht des Baby-Nahrungsmittelherstellers Hipp. Daneben engagiert sie sich für soziale Projekte wie den »Bunten Kreis« oder die »AIDS-Hilfe«. »Ich bin viel unterwegs zu Terminen und natürlich auch immer zwischen Salzburg und Holland auf der Achse. Ids und ich waren nie länger als sechs Wochen zusammen, aber auch nie länger als drei Wochen getrennt«, erzählt sie. Da trifft es sich ganz gut, dass die Mama von Anni Friesinger auch in Salzburg wohnt und sich um Josephine und Elisabeth kümmern kann.

Ihre sportliche Karriere musste sie kurz vor der Weltmeisterschaft in der heimischen Max-Aicher-Arena 2011 beenden. Eine Knieverletzung verhinderte ihren letzten Auftritt auf der großen Bühne. »Ich wollte nicht im hinteren Feld herumlaufen, sondern gewinnen. Der Abschied dort wäre perfekt gewesen und der Kreis hätte sich geschlossen.« Damit blieb ihr das ganz große Finale verwehrt.

Wohl auch deswegen, weil der Verband einen offiziellen Abschied im Rahmen der WM nicht wollte. »Das war mit Sicherheit eine Retourkutsche der DESG. Leider ist da auch von Vereinsseite nichts unternommen wurden. Da ist vieles komisch gelaufen.«

Mittlerweile hat sie sich damit arrangiert. Wichtig sind ihr viel mehr die großen Erfolge in ihrer Karriere. Ganz oben rangiert dabei der Olympiasieg über 1500 Meter in Salt Lake City 2002. »Jeder Erfolg hat seine Vorgeschichte. Die ersten beiden Starts haben quasi mit Blech geendet. Da war der Druck schon ganz groß, schließlich war ich als Favoritin angereist. Dann der Sieg mit Weltrekord, das war schon unvergesslich.«

Toll waren auch die drei Goldmedaillen bei der Einzelstrecken-WM 2003 in Berlin. »Ich hatte vorher eine Knieoperation und dann das«, erinnert sie sich. Die größte Enttäuschung für Anni Friesinger-Postma war 2006 nach Olympia in Turin. Nicht sportlich, sondern menschlich. »Das war die Trennung von meinem langjährigen Trainer Markus Eicher. Wir waren solange zusammen und dann der Bruch, das war sehr schade, aber damals unvermeidlich. Es ging einfach nicht mehr.« Mittlerweile sind sie aber wieder im Kontakt. »Die Zeit heilt die Wunden«, sagt sie.

Unvergessen ist die Szene des Halbfinal-Teamrennens bei Olympia 2010. »Das war ein schrecklicher Moment. Das Eis war nicht gut und sehr brüchig. In der letzten Kurve habe ich angefangen zu straucheln und bin dann gestürzt.« Doch Anni Friesinger wäre nicht Anni Friesinger, wenn sie nicht gekämpft hätte – und so ruderte sie auf dem Bauch liegend über die Ziellinie und das deutsche Trio kam ins Finale und dort zu Gold, allerdings ohne die Inzellerin.

Außendarstellung im Verband nicht gut

Auf die Frage wie sie denn reagieren würde, wenn ihre Töchter der Mama nacheifern wollen, meint sie schmunzelnd. »Gegen Sport habe ich nichts, es wäre schön. Es muss aber nicht unbedingt Eisschnelllaufen sein.« Bestes Beispiel sei ihre Schwester Agnes gewesen. Sie war sehr talentiert und wurde dann ständig mit der großen Schwester verglichen. »Auch meine Kinder könnten daran zerbrechen, es gibt noch andere Sportarten.«

Kritisch setzt sie sich mit dem Eisschnelllauf-Sport derzeit in Deutschland auseinander. Vor allem Verbandspräsident Gerd Heinze ist ihr ein Dorn im Auge. »Da muss sich was tun, die Außendarstellung der DESG ist stark verbesserungswürdig.« Auch aus diesem Grund lehnt sie es ab, Trainerin zu werden. »Mit diesem Umfeld auf keinen Fall – und als Mutter will ich nicht wieder 200 Tage im Jahr unterwegs sein.«

Trotzdem hat sie immer ein offenes Ohr, wenn Sportler bei ihr anrufen und um Rat fragen. Auch ihr Heimatstützpunkt Inzell liegt ihr nach wie vor am Herzen. Knapp vier Jahre nach ihrem Karriereende trägt sie ihr Herz wie gewohnt auf der Zunge. Geradlinig wie früher steht sie auch zum sogenannten »Zickenzoff« mit Claudia Pechstein.

»Ich habe damals den ersten Stein geworfen, aber ich hatte meine Gründe«, meint sie lachend. Heute ist sie entspannt, wenn sie immer noch überall erkannt wird. »Früher in Inzell war ich oft genervt davon. Da standen Leute im Garten und haben auch geklingelt. Wenn ich jetzt unterwegs bin und angesprochen werde, freue ich mich. Ich habe gelernt, damit anders umzugehen.« Während sie das sagt, meldet sich die kleine Elisabeth aus dem Kinderzimmer. »Ich muss mal schnell schauen«, sagt sie lächelnd und verschwindet so schnell wie seinerzeit auf den Kufen. SHu.