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Alle hören aufs Wort – außer es kommt Besuch

Chilli, Bugger, Pike, Pepper und Fun hören aufs Wort. Außer Besuch ist da, ein Gast, ein Unbekannter. Dann siegt die Neugierde schlagartig über den Gehorsam und alles, aber wirklich alles am Fremden ist für die treuen und neugierigen Hunde interessanter als die Anweisungen von Andi Birkel, ihrem Musher. Der Weißbacher ist Schlittenhundeführer, seit 1997 bestreitet er Rennen – in den vergangenen drei Jahren gelang es keinem seiner Landsmänner, ihn zu besiegen. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft im schweizerischen Kandersteg »galoppierte« er mit seinen Sprintern – alles reinrassige nordische Siberian Huskies – auf einen guten sechsten Rang und war wieder mit Abstand der Beste aus dem schwarz-rot-goldenen Lager.

Mit seinen beiden Leithunden Chilli (links) und Epo: Andi Birkel bei der Schlittenhunde-WM in der Schweiz in Aktion. Der Weißbacher wurde guter Sechster. (Foto: Erwin Heckl)

Nicht ganz sein Wunschresultat, das wäre ein Top-Fünf-Platz gewesen. »Aber ich kann damit durchaus zufrieden sein«, lacht der knapp 50-Jährige mittlerweile. Zunächst hatte es ihn schon gewurmt, aber schließlich hatte er mit Shirley diesmal seine einzige Husky-Dame dabei, mittlerweile bereits acht Jahre alt. Ab sofort wird Spirit ihren Platz im Sechs-Hunde-Gespann von Andi Birkel einnehmen, er ist sechs Jahre jünger als die betagte Hündin, die ihren Job über so viele Jahre so bravourös erledigte.

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In der Saison 2014/2015 wird auch Pepper in die sportliche Rente geschickt. Die Hunde, die nicht mehr im Einsatz sind, bleiben bei Birkel: »Darauf lege ich allergrößten Wert, dass auch alle meine Hunde bei mir ihr Gnadenbrot bekommen. Ich betreue sie bis zum Schluss.« Bisher musste er sich von drei Tieren verabschieden, sie wurden über 17 Jahre alt. Akribisch hält der heimische Musher alles Wichtige über seine Huskies auch schriftlich fest.

2015 noch einmal aufs WM-Podium

Für Pepper rückt im kommenden Winter Nugget (dann 18 Monate jung) neu ins Stammrennteam: »Das wird eine richtig junge und fitte Truppe, wir werden sicher enorm stark sein«, freut sich der Weißbacher. Bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Österreich möchte der Vorstand des SSB (Schlittenhundesport Bayern) wieder richtig angreifen und noch einmal einen Podestplatz verbuchen. Einmal war er bereits Vize-Weltmeister, 2011.

Die unangefochtene Nummer eins im Schlittenhundesport ist seit einigen Jahren der Tscheche Stepan Krkoska, jetzt acht Jahre unbesiegt – sportlich ein absolutes Vorbild für Andi Birkel. Die Nationenwertung dominierten in der Schweiz die Polen vor den Deutschen und den Franzosen. Hierzulande ist der gebürtige Bad Reichenhaller das Maß der Dinge, war bereits dreimal Deutscher Meister, und ist es auch aktuell. Bei der Weltmeisterschaft fehlten Birkel nach drei Läufen an drei Tagen – jeweils 13,5 Kilometer lang – nur rund 50 Sekunden auf Wunschplatz fünf. 32 Teilnehmer aus 14 Nationen waren in der Sechs-Hunde-Klasse B 1 gestartet. Andi Birkel mit seinen beiden Leithunden Chilli und Epo, den »Teamdogs« Dawson und Fun in der Mitte und den »Wheelern« Shirley und Pepper hinten.

»Ich bin der beste Wachser«

Über 1000 Musher gibt es in Deutschland. Andi Birkel muss sich Jahr für Jahr in Qualifikationsrennen fürs Nationalteam, in dem nur drei bis vier Gespanne starten dürfen, durchsetzen. Das gelingt ihm seit drei Winter-Halbjahren perfekt. Unterstützt wird er dabei von seiner Lebensgefährtin Sabine Steinbacher, die selbst mit einem Zweier-Gespann der Leidenschaft Schlittenhunde-Sport nachgeht. Mit einem Dutzend Hunden haben sie ein kleines, aber echtes Rudel, keine enge Zwei-Zwinger-Lösung wie bei vielen anderen. Unter den weltbesten Teams gibt es Musher mit bis zu 40 Tieren. Mit 90 Kilo, bei einer Körpergröße von 1,94 Meter, ist Andi Birkel einer der Schwersten in der Szene: »Dafür bin ich der beste Kufen-Wachser«. Damit holt er seinen Gewichtsnachteil wieder rein.

In aller Munde, gerade nach den Olympischen Spielen: Das Thema Doping. »Leider gibt es das auch bei uns. Es kommen immer wieder Leute, die die Hunde schlecht behandeln oder ihnen irgendein Zeug spritzen.« Um das zu verhindern beziehungsweise zu ahnden, werden bei den großen Meisterschaften Dopingtests vorgenommen, außerdem schauen bei allen Rennen Tierschutzbeauftragte vorbei.

Magerer Winter für Birkel noch kein Problem

In diesem »mageren« Winter konnten die Musher hierzulande erst drei Rennen bestreiten, normal sind acht bis zehn Wettbewerbe pro Saison. Andi Birkel war heuer sogar der einzige (glückliche) Deutsche, der überhaupt auf Schnee trainieren konnte. Dann mit neun Hunden, damit auch die anderen etwas entspannter laufen können und alle gleichmäßig belastet werden – auch die Tiere »auf der Ersatzbank«.

Birkels Mannschaftskollegen aus dem schwarz-rot-goldenen Musherlager mussten heuer ausnahmslos mit ihren vierrädrigen Trainingswagen üben. Für Andi Birkel ist die aktuelle Schneearmut also noch kein Problem: »Aber wenn es so weitergeht, sieht es für unseren Sport sicher nicht rosig aus.«

Übrigens: Die Hunde spüren enorm feinfühlig, ob gerade »nur« Bewegungsunterricht ist oder ein Wettkampf tobt. Die Atmosphäre bei einem Rennen ist freilich viel lauter, prickelnder und die Luft stets Brisanz-schwanger. »Und dann merkt man auch ganz genau, dass sie unbedingt zeigen wollen, was sie können«, berichtet Birkel aus seinen Erfahrungen. Schließlich kennen seine Vierbeiner auch ihr Haupttrainingsrevier auf einer Hochalm in- und auswendig.

Für den Deutschen Meister geht’s an diesem Wochenende mit seinem 130. Renneinsatz in Sportgastein weiter. »Dort möchte ich unbedingt gewinnen«, so das Aushängeschild vom SC Weißbach, von der kleinsten Schlittenhunde-Abteilung Deutschlands mit acht Aktiven. Der Wunsch, die ehrgeizigen Österreicher zu schlagen, ist groß. Überhaupt sollen noch viele Bewerbe dazukommen: »So lange ich fit bin, möchte ich das schon noch machen«, glänzen Andi Birkels Augen.

Chilli, Epo & Co. werden weiterhin auf ihn hören, nur auf ihn, auf »chee« (rechts), auf »haw« (links) oder auf »vorbei«, wenn ein fremder Hund den Lauf von der Seite stört. Sie werden ihn hören, ihren Andi, sofern kein »viel interessanterer« Besuch im Weißbacher »Heimathafen« auftaucht ... bit