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Trainer Klinsmann beendet »Himmelfahrtskommando« bei Hertha

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Jürgen Klinsmann
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Jürgen Klinsmann spricht auf der dpa-Chefredaktionskonferenz. Foto: Kay Nietfeld/dpa Foto: dpa

Nach nur elf Wochen als Trainer bei Hertha BSC stürzt Jürgen Klinsmann die Berliner ins Chaos. Sein plötzlicher Rücktritt trifft den Club trotz eines tobenden Machtkampfs völlig unvorbereitet. Nicht nur die Suche nach einem Nachfolger wird spannend.


Berlin (dpa) - Im schwarzen Sakko schwärmte Jürgen Klinsmann noch am Montagabend in einem Szene-Lokal über seine Ziele mit Hertha BSC - nur 14 Stunden später stürzte er die Berliner ins ganz große Chaos.

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Mit seinem Rücktritt als Chefcoach nach nur elf Wochen via Facebook schockierte der frühere Bundestrainer den Fußball-Bundesligisten und steht aufgrund des völlig überraschenden Entschlusses in der Kritik.

»Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente«, erklärte der einstige Bundestrainer am Dienstag um 10.10 Uhr schriftlich in dem sozialen Netzwerk. »Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden.« Nun wolle er sich auf seine Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückziehen.

Für Hertha heißt es nun: Big City Chaos statt der selbsterklärten Vision vom Big City Club. Klinsmanns Rücktrittserklärung weist auf tiefe Gräben im Kampf um Kompetenzen und Macht mit der Vereinsführung um Präsident Werner Gegenbauer und Geschäftsführer Michael Preetz hin. »Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer - nach dem englischen Modell - die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers. Das gibt der Position wesentlich mehr Power«, sagte der 55-Jährige der »Bild«-Zeitung. »Wir haben in den vergangenen Tagen deutliche Reaktionen und Anzeichen bekommen, dass sich die angesprochene Situation nicht verbessert, sondern eher noch verschlechtert.« Bei Hertha ist Preetz für Transfers zuständig.

Klinsmann unterrichtete die geschockten Spieler wie auch den Manager erst kurz vor dem Training am Dienstagvormittag über seinen Rücktritt. »Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen«, sagte Geschäftsführer Preetz.

Klinsmann bekam nach seinem Amtsantritt am 27. November viele Wünsche erfüllt: Der Trainingsstart im Winter wurde vorverlegt, das Vorbereitungscamp in den USA verkürzt. Mit dem Geld von Investor Lars Windhorst ging es auf große Rekord-Einkaufstour, für 80 Millionen Euro wurden vier neue Spieler unter Vertrag genommen. Immer mehr wurde allerdings offenbar, dass es zwei Denkrichtungen im Club gab. Preetz schloss sich zwar den visionären Hoffnungen einer baldigen Zukunft in Europapokal und später Champions League an, betonte aber, dass es auch seine Aufgabe sei, mal »auf der Bremse« zu stehen.

Sein früherer Mitspieler Lothar Matthäus sieht das Trainer-Image von Klinsmann nun als beschädigt an. »Wenn man nach zehn Wochen hinschmeißt, ist der Namen Klinsmann bei manchen Vereinen sicher eine Schublade tiefer gerutscht«, sagte der Rekordnationalspieler bei Sky. Dass es keine gemeinsame Erklärung mit dem Verein gegeben habe, sei »ein Indiz dafür, dass jemand eher auf sich selbst achtet und nicht auf die Gepflogenheiten, die in einem Bundesligaverein vonnöten sind«, kritisierte der frühere Manager Heribert Bruchhagen.

Noch am Montagabend hatte Klinsmann zuerst den Fans in einem Videochat die schwierige sportliche Lage beim Tabellen-14. erklärt und später bei der Chefredaktionskonferenz der Deutschen Presse-Agentur eine knappe Stunde lang Fragen beantwortet. Im Restaurant »The Reed« versprach Klinsmann mindestens Platz 15, also den sicheren Klassenverbleib, am Saisonende und warb für ein neues Stadion von Hertha.

Wie Klinsmann nach seinem Rückzug vom Spielfeldrand nun seine Funktion als Aufpasser von Preetz & Co. im Dienste von Geldgeber Windhorst ausüben wird, bleibt ebenso spannend wie die Frage, wer sein Nachfolger wird. Zumindest in der Partie beim Schlusslicht SC Paderborn am Samstag wird nach Vereinsangaben voraussichtlich sein Assistent Alexander Nouri verantwortlich sein. Niko Kovac steht nach dpa-Informationen nicht zur Verfügung.

Ende November hatte Klinsmann vom gescheiterten Ante Covic übernommen. Die Berliner zeigten defensiv orientierten Fußball und stabilisierten sich ein wenig. Wie zu Klinsmanns Amtsantritt steckt Hertha weiter im Abstiegskampf, besitzt aber zumindest sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Im DFB-Pokal-Achtelfinale scheiterten die Berliner vergangene Woche allerdings beim FC Schalke 04 und verloren auch in der Liga nach schwacher Leistung mit 1:3 gegen den FSV Mainz 05.

Seine sportliche Bilanz mit Hertha sieht der 55-Jährige dennoch positiv. »Ich habe ein Himmelfahrtskommando übernommen und habe nur in einem Spiel schlechter abgeschnitten als gehofft«, sagte Klinsmann. »Dem Trainerteam ist gelungen, die Mannschaft zu stabilisieren und von der Abstiegszone wegzubringen. Ich bin sicher, die Jungs schaffen den Klassenerhalt. Und zwar souverän.« Mehr als zwei Trainer in einer Saison hatte Hertha zuletzt in der Spielzeit 2011/12 - am Ende stand der Abstieg mit Chefcoach Otto Rehhagel.

Klinsmanns Spieler zeigten sich ebenso wie die Fans beim Training geschockt. »Es ist alles zu frisch«, sagte Nationalspieler Niklas Stark beim Gang in die Kabine. »Es sind seltsame Nachrichten, wir sind alle durcheinander«, sagte Mittelfeldspieler Marko Grujic. Vor der Einheit, die der bisherige Co-Trainer Nouri leitete, habe Klinsmann sein Team über die Entscheidung informiert. »Wir dachten, es geht um die Analyse des letzten Spiels. Und dann hat er es uns gesagt, dass er nicht länger Trainer ist«, sagte Grujic.

Pikanterweise sagte Investor Windhorst, als dessen Abgesandter Klinsmann im Aufsichtsgremium sitzt, zunächst der »Bild«, dass er am Montag von dem Entschluss erfahren habe - und damit deutlich vor den Club-Verantwortlichen. Später korrigierte er sich der Zeitung zufolge und datierte die Information auf Dienstagmorgen. Er werde Berlin zunächst verlassen, aber weiter als sportlicher Berater der Firma Tennor von Windhorst tätig sein und auch seinen Posten als Aufsichtsratsmitglied ausfüllen, sagte Klinsmann. »Es geht um die Zukunft von Hertha BSC und Berlin.«

Über die Zusammenarbeit mit Windhorst hatte Klinsmann erst am Vortag noch geschwärmt. »Ich habe ihn im Oktober zehn Minuten getroffen auf dem Ku'damm in einer Bank auf dem Weg zum Tegeler Flughafen, wir kannten uns vorher nicht. Er hat mir gesagt: Ich brauche dich an meiner Seite, weil ich mich im Fußball nicht auskenne. Du sagst mir, ob ich es richtig oder falsch mache«, erzählte Klinsmann. Mit seinem Rücktritt als Trainer hat Klinsmann nun Windhorst und die Hertha in die nächste Notlage gestürzt.

Facebook-Eintrag auf Klinsmann-Seite

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