Lebensretter der Vollgasbranche: Trauer um Sid Watkins

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Sid Watkins prüft 2002 bei einem F1-Piloten das so genannte «H.A.N.S.»-System, das er mitinitiierte. Foto: Oliver Multhaup Foto: dpa

London (dpa) - Die Formel 1 trauert um ihren langjährigen Chefmediziner. Sid Watkins ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Der Brite gilt als Wegbereiter vieler Sicherheitsmaßnahmen der modernen Formel 1. Seinen Freund Ayrton Senna aber konnte er nicht retten.


»Ein schwerer Verlust für die Formel 1, und nicht nur für sie«, sagte Rekordweltmeister Michael Schumacher am Donnerstag über den am Vorabend im Alter von 84 Jahren gestorbenen langjährigen Chefmediziner der Motorsport-Königsklasse. »Sein Einfluss hat das Sicherheitsdenken in der Formel 1 maßgeblich geprägt und dabei vielen Fahrern das Leben gerettet«, erklärte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug.

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Von 1978 bis 2004 war der Brite Watkins Streckenarzt der Formel 1 und Nothelfer für viele verunglückte Grand-Prix-Piloten - auch für Schumacher bei seinem Beinbruch in Silverstone 1999. Seinen engen Freund Ayrton Senna aber sah Watkins auf der Strecke sterben.

Imola im Frühjahr 1994: Beim Freitagstraining verunglückt Rubens Barrichello schwer und überlebt nur knapp, auch dank Watkins. Einen Tag später rast der Österreicher Roland Ratzenberger in eine Mauer und stirbt. Am Unfallort weint Senna an der Schulter von Watkins. In seinen Erinnerungen schreibt der Neurochirurg später, er habe den Brasilianer daraufhin zum sofortigen Rücktritt überreden wollen. »Was willst du noch beweisen?«, habe er zu Senna gesagt. »Hör auf und lass uns angeln gehen.«

Doch Senna antwortete: »Sid, es gibt bestimmte Dinge, über die wir keine Kontrolle haben. Ich kann nicht aufhören, ich muss weitermachen.« 24 Stunden später war der dreimalige Weltmeister tot. Alle Rettungsversuche von Rennarzt Watkins waren vergebens.

Erfahrungen wie diese trieben den gebürtigen Liverpooler zu immer neuen Initiativen für mehr Sicherheit. »Sid war auf jeden Fall der charismatischste und außergewöhnlichste Problemlöser, den ich je getroffen habe«, sagte sein Nachfolger Gary Hartstein. Gegen viele Widerstände setzte Watkins top-ausgestattete Streckenhospitäler durch, bestand auf einen ständig bereitstehenden Hubschrauber und machte sich für den erhöhten Schutz der Piloten in ihren Autos stark.

»Danke für alles, das Du für uns Fahrer getan hast«, twitterte Barrichello. »Eine traurige Nachricht«, schrieb Sennas Neffe Bruno, der heute für Williams in der Formel 1 startet. »Sid verband Kompetenz mit Herz, und für uns Fahrer war er immer da«, erklärte Schumacher. Die Fahrervereinigung GPDA sowie eine Reihe von Teams und Funktionären schlossen sich den Beileidsbekundungen an. »Wir werden ihm immer dankbar für das Erbe sein, dass er hinterlässt«, sagte Weltverbandspräsident Jean Todt.

Watkins, der Sohn eines Bergarbeiters, war 1978 von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone überredet worden, die Rolle des ständigen Rennarztes zu übernehmen. »Ohne ihn wäre nichts passiert. Er war immer auf Zack und knallhart«, erinnerte sich Watkins einmal an die Unterstützung durch Ecclestone.

Zunächst aber blieb der Tod ständiger Gast in der Formel 1. Unter dramatischen Umständen rettete Watkins 1982 Ferrari-Fahrer Didier Pironi auf dem Hockenheimring das Leben. 1995 in Adelaide setzte er bei Mika Häkkinen in höchster Not einen Luftröhrenschnitt. Doch Watkins unermüdliches Werben für mehr Sicherheit zeigte Wirkung. Seit Senna ist kein Formel-1-Fahrer mehr tödlich verunglückt. »Der Motorsport würde ohne Dich heute nicht das sein, was er ist«, meinte Ex-Weltmeister Jenson Button in seinem Nachruf auf Watkins.

BBC-Bericht, englisch

Watkins-Porträt, englisch