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Brawn: Nachwuchstestsperre ist harte, aber faire Strafe

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Teamchef
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Ross Brawn wird weiter mit Mercedes im Kampf um die Weltmeisterschaft Druck machen. Foto: Jens Büttner Foto: dpa

Silverstone (dpa) - Die quälende Reifentest-Affäre hat laut Teamchef Ross Brawn den Mannschaftsgeist bei Mercedes gestärkt. «Die Art, wie das Team zusammengekommen ist, war sehr ermutigend», sagte der 58 Jahre alte Brite in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa vor dem Formel-1-Rennen in Silverstone.


Der Silberpfeil-Rennstall war vom Weltverband FIA wegen des umstrittenen Privattests verwarnt und für den Nachwuchstest Mitte Juli gesperrt worden. Das Verpassen des Tests werde Mercedes vermutlich ein bis zwei Zehntelsekunden auf die Konkurrenz kosten, erklärte Brawn.

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Die Testaffäre um Mercedes und Pirelli war zuletzt das Thema in der Formel 1. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Brawn:«Es war eine angespannte Zeit, ziemlich stressig. Es war anstrengend, aber in einer seltsamen Art und Weise auch ein Beweis für den Geist dieses Teams. Alle haben zusammengearbeitet, dass alle Fakten und Argumente auf die korrekte Weise vor das Tribunal kamen.»

Wie bewerten Sie inzwischen das Urteil des Weltverbands?

Brawn:«Wenn man alle Faktoren in Betracht zieht, könnte man sagen, dass die Strafe hart war. Wir glauben nicht, dass wir einen Vorteil durch den Test hatten, wir haben es im guten Glauben getan und um der Formel 1 und speziell dem Reifenhersteller zu helfen. Das Tribunal hat entschieden, dass es dennoch einen ungeplanten Nutzen durch den Test gibt, und das wollten sie verdeutlichen. Die Sperre für den Nachwuchstest ist eine harte, aber faire Strafe. Und die akzeptieren wir.»

Wie sehen Sie die Kritik aus den Reihen der Konkurrenz?

Brawn:«Der Nachwuchstest ist von einigen Leuten heruntergespielt worden. Alle Teams haben ein riesiges Programm in diesen drei Tagen, und wir hatten das auch vor. Wir wollten 35 verschiedene technische Programme bei diesem Test absolvieren. Jetzt müssen wir andere Wege dafür finden. Trotzdem: Das Tribunal hat angemessen gehandelt. Keiner kann diesen Prozess kritisieren. Es war unabhängig, mit qualifizierten Leuten besetzt, die die Fakten geprüft haben. Wir können darauf vertrauen, dass dieses Tribunal auch in Zukunft jeden Fall fair verhandeln wird.»

Welche Nachwirkungen wird die Sperre für den Nachwuchstest auf den weiteren Verlauf Ihrer Saison haben?

Brawn:«In diesen drei Tagen des Silverstone-Tests werden wir unser Auto nicht schneller machen. Wenn wir da sein würden, dann kann ich garantieren, dass wir das Auto schneller machen würden. Ich weiß nicht, um wie viel. Aber ich wäre enttäuscht, wenn wir uns bei so einem Test nicht um ein oder zwei Zehntel verbessern würden. All die Dinge müssen wir nun bei den Freitagstrainings probieren - oder wir können sie gar nicht erledigen. Das wird Wirkung auf das Team haben.»

Inwiefern hat sich durch diese Affäre die Stimmung Mercedes gegenüber im Fahrerlager geändert?

Brawn:«Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Für mich ist die Stimmung im Team am wichtigsten. Und die Wahrnehmung von Mercedes als Rennstall und als Marke. Das Tribunal hat geurteilt, dass wir in gutem Glauben gehandelt und diesen Test nicht ohne Erlaubnis gefahren haben. Das ist das Wichtigste für mich. Die Leute können die Schlüsse ziehen, die sie wollen. Ich kümmere mich nicht übermäßig um die Meinung anderer Teams.»

Ihr Pilot Lewis Hamilton meint, die Sache habe das Team eher stärker gemacht. Wie sehen Sie das?

Brawn:«Ja, ich glaube schon. Widrige Situationen bringen ein Team enger zusammen, wenn es schon vorher ein starkes Team ist. Wenn es eine schwache Mannschaft ist, dann können solche Dinge Schäden hinterlassen. Die Art, wie das Team zusammengekommen ist, war sehr ermutigend. Wir haben für das Verfahren eine kleine Gruppe zusammengestellt und versucht, sie von unserer normalen Arbeit abzuschotten, damit wir das Auto weiterentwickeln konnten. Diese kleine Gruppe hatte unser aller Vertrauen. So muss es sein. Ganz sicher hat das unser Team enger zueinander gebracht.»

Zum Sportlichen: Wie bewerten Sie Ihre bisherige Saisonleistung?

Brawn:«Es sieht sehr gut aus. Wir haben 134 Punkte in sieben Rennen geholt. Das ist fast so viel wie im ganzen letzten Jahr. Das ist definitiv ein großer Schritt vorwärts und hat den Abwärtstrend gestoppt. Letztes Jahr war ein Schritt in die falsche Richtung, dieses Jahr steuern wir wieder auf dem richtigen Kurs. Die Veränderungen, die wir 2011 und Anfang 2012 vorgenommen haben, die Gruppe der Ingenieure zu verstärken, zahlen sich jetzt aus. So etwas braucht immer Zeit. Schon jetzt sehen wir auch wirklich ermutigende Ergebnisse für unser Auto für 2014. Das Team nimmt Fahrt auf, arbeitet immer besser.»

Rechnen Sie denn noch mit einer Titelchance in der laufenden Saison?

Brawn:«Das wird ziemlich hart in diesem Jahr. Aber wir hatten jetzt zwei sehr gute Rennen und sind in einer viel besseren Situation als davor. Wenn wir diesen Lauf fortsetzen, dann werden wir sehen. Wir werden sicher nicht weniger Gas geben.»

Wie beurteilen Sie die bisherigen Auftritte Ihres neuen Fahrerduos mit Hamilton und Monaco-Sieger Nico Rosberg?

Brawn:«Wir sind sehr zufrieden. Sie treiben einander enorm an. Mir ist es wirklich egal, wer von beiden gewinnt, so lange einer vorn ist und das nicht zu sehr auf Kosten des anderen passiert. Jeder will den anderen schlagen, und das mit dem richtigen Geist. Das soll so bleiben. Ich wäre enttäuscht, wenn es nicht so wäre. Wir haben eines der besten, wenn nicht das beste Fahrerduo in der Formel 1.»

War Hamilton überrascht, wie viel Druck Rosberg auf ihn auf der Strecke ausübt?

Brawn:«Das glaube ich nicht. Sie sind schon Kart gegeneinander gefahren. Lewis hat sicher keine leichte Zeit mit Nico erwartet. Er weiß das zu schätzen. Es hilft jedem Fahrer, wenn er eine starke Referenzgröße im Team hat.»

Ihr neuer Technik-Verantwortlicher Paddy Lowe ist in Silverstone zum ersten Mal an der Strecke dabei. Er wird auch als Ihr möglicher Nachfolger gehandelt. Wie sind denn Ihre Pläne?

Brawn:«Die Zukunft liegt weitgehend in meinen Händen. Ich freue mich sehr auf das nächste Jahr. Das ist ein sehr interessantes Projekt und wir sind in einer guten Position. Ich mache so lange weiter, wie ich noch motiviert bin und das Team es noch will. Es gibt keinen festen Zeitplan. Ich muss einsehen, dass ich im Herbst meiner Karriere bin. Motorsport ist ziemlich anstrengend, das habe ich in den vergangenen Wochen wieder erfahren. Es verlangt sehr viel Zeit. Ich will es nur machen, so lange ich bereit bin, diese Verpflichtung einzugehen. Im Moment ist das so. Aber die Zeit wird kommen. Und ich werde wissen, wenn es so weit ist. Erst dann beschäftigen wir uns damit.»

In Motorsport-Direktor Toto Wolff und Team-Aufsichtsratschef Niki Lauda gibt es seit dieser Saison zwei weitere Entscheider bei Mercedes. Wie sehr kommen Sie sich dabei ins Gehege?

Brawn:«Die Rollen sind von ihrer Natur her ziemlich gut voneinander getrennt, das funktioniert prima. Toto und Niki sagen mir schon ihre Meinung zu den Rennen und der Arbeit der Ingenieure. Aber das ist letztlich mein Verantwortungsbereich, und das hat sich nicht geändert. Toto und Niki sind dafür zuständig, dass auch der Rest des Geschäfts läuft.»

Ist damit jetzt also die Zeit der vielen Veränderungen vorbei?

Brawn:«Ja, ich kann mir keine Zutaten vorstellen, die wir dem Team noch hinzufügen könnten.»