Patientenverlegung steht bevor: Kleebatt-Flüge ab Freitag

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Eine Pflegekraft geht auf einer Intensivstation über den Flur. Foto: Fabian Strauch/dpa/Symbolbild Foto: dpa

Die Kliniken in Bayern warnen vor eine nie dagewesenen Notlage. Nun sollen Patienten in andere Bundesländer im Norden und Westen Deutschlands verlegt werden. Zunächst geht es um 30 Erkrankte aus dem Freistaat.


München (dpa/lby) - Die Verlegung von Corona-Patienten aus überlasteten bayerischen Krankenhäusern steht kurz bevor. Aus Bayern sowie Thüringen und Sachsen sollen insgesamt 54 Covid-19-Patienten von Intensivstationen in aktuell weniger stark betroffene Gebiete im Norden und Westen Deutschlands gebracht werden.

Die Bundeswehr bereitete einen Start von Luftwaffenflügen zur Verlegung von Intensivpatienten von Freitag an vor. Auf dem Tisch liegen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur Planungen, die einen Lufttransport vom bayrischen Flughafen Memmingen nach Nordrhein-Westfalen vorsehen. Geplant ist eine Landung auf dem Flughafen Münster-Osnabrück. Über die Details des Einsatzes der Luftwaffe soll erst am Freitag endgültig entschieden werden.

Wie der zuständige Arbeitskreis der Innenministerkonferenz am Donnerstag mitteilte, erklärten sich Krankenhäuser in Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland bereit, die Patienten aufzunehmen. Die 54 Patienten waren den Angaben zufolge am Mittwoch ausgewählt worden. 30 von ihnen kommen aus Bayern, 10 aus Thüringen und 14 aus Sachsen.

Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten in Bayerns Krankenhäusern stieg am Donnerstag nach Daten des bundesweiten Intensivregisters weiter auf 1018 (Stand: 13:10 Uhr/Mittwoch: 1006). Davon werden derzeit 542 invasiv beatmet.

Die Luftwaffe hält in Köln zwei Flugzeuge für einen Hilfseinsatz zur Verlegung von Intensivpatienten in der Corona-Pandemie bereit. Dazu gehört der Airbus A310 MedEvac, eine »fliegende Intensivstation« mit sechs dieser Behandlungsplätze, sowie eine umgerüstete Spezialmaschine, das Überwachungsflugzeug A319OH (»offener Himmel«). In dieses seien am Vortag zwei Plätze zur Intensivbehandlung eingebaut worden, sagte ein Luftwaffen-Sprecher am Donnerstag. In Wunstorf (Niedersachsen) ist zudem ein A400M MedEvac stationiert.

Angesichts der schnell steigenden Zahl von Corona-Patienten fürchten Bayerns Kliniken zum Jahresende eine bislang nicht dagewesene Notlage in der Versorgung. Die Verlegung von Patienten in andere Bundesländer werde nur kurzfristig Abhilfe schaffen, warnte Roland Engehausen, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft.

»Alle Prognosen gehen in die Richtung, dass die Zahl der Patienten weiter steigen wird und wir in Bayern keine ausreichenden Intensivkapazitäten haben«, sagte Engehausen der Deutschen Presse-Agentur. »Die momentan noch vorhandenen Intensivkapazitäten im Norden werden uns nur einige Wochen helfen können, weil auch dort die Belegung steigt.«

»Die vierte Infektionswelle der Corona-Pandemie stellt die Krankenhäuser in Bayern vor bislang nicht gekannte Herausforderungen«, hieß es auch im Gesundheitsministerium. Die durchschnittliche Gesamtauslastung der Intensivkapazitäten in Bayern betrage rund 90 Prozent. »Damit stehen durchschnittlich gerade einmal noch 1,5 freie Intensivbetten pro Standort zur Verfügung«, erklärte ein Sprecher.

Die normale Belegung einer Intensivstation liege bei etwa 80 Prozent, sagte Engehausen dazu. »Über neunzig Prozent Auslastung sind dauerhaft nicht zu bewältigen, auch weil das Personal überlastet ist.«

In einzelnen Regionen Bayerns, insbesondere in Oberbayern, Niederbayern und Schwaben, ist laut Ministerium eine »flächendeckende Überlastung« eingetreten, auch in den übrigen Regierungsbezirken seien die Kapazitäten am Limit.

Am Dienstag war das bundesweite »Kleeblatt-Konzept« zur strategischen Verlegung von Intensivpatienten in weniger belastete Bundesländer für den Freistaat und für den Osten Deutschlands aktiviert worden. Das Konzept soll verhindern, dass dringend behandlungsbedürftige Patienten wegen Überlastung der Intensivmedizin in einem Bundesland nur noch unzureichend oder gar nicht mehr versorgt werden können.

Allein aus München sollen voraussichtlich zehn Menschen verlegt werden - zunächst ausschließlich Covid-19-Patienten. Wer verlegt werden könne, werde nach einem intensivmedizinischen Katalog entschieden, hieß es. Schwerkranke, die in Bauchlage beatmet würden, seien nicht transportfähig.

In etlichen Kommunen in Bayern musste am Donnerstag das öffentliche Leben zu einem großen Teil heruntergefahren werden, weil die Sieben-Tage-Inzidenz über der 1000er Marke liegt: Restaurants, Hotels, Sport- und Kulturstätten müssen unter anderem schließen. Die höchsten Zahlen im Freistaat meldete am Donnerstag der Landkreis Freyung-Grafenau mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 1486,8.

Insgesamt lagen laut Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag zehn Landkreise im Süden und Osten Bayerns sowie die Stadt Rosenheim über dem Grenzwert. Die sogenannten regionalen Lockdowns waren allerdings noch nicht gleich in allen Kreisen gültig, weil die Maßnahmen immer erst von den Kreisverwaltungen angeordnet werden müssen und dann am Folgetag in Kraft treten.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Bayern ging den zweiten Tage in Folge leicht zurück. Die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche lag nach Angaben des RKI am Donnerstag bei 641,1 - am Vortag waren es 644,3 gewesen. Vor einer Woche hatte der Wert bei 609,5 gelegen. Die bayerischen Gesundheitsämter meldeten dem RKI innerhalb eines Tages 17.871 Neuinfektion und 88 Todesfälle.

Die Hospitalisierungsinzidenz erreichte nach Auskunft des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) am Donnerstag einen Wert von 9,6. Sie gibt an, wie viele Corona-Patienten pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche ins Krankenhaus kamen. Für Ungeimpfte lag der Wert bei 17,6, unter Geimpften bei 2,8.

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