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Illegales Autorennen? Reue im Prozess um tödlichen Unfall

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Eine Statue der Justitia
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Die Statue der Justitia steht mit einer Waage und einem Schwert in der Hand. Foto: Arne Dedert/dpa/Symbolbild Foto: dpa

Das Auto als Waffe: Immer wieder kommt es zu Unfällen wegen Rasern. In Selb wird ein unbeteiligter Schüler totgefahren. Der Fahrer muss sich nun wegen Mordes vor Gericht verantworten. War es ein illegales Autorennen?


Hof (dpa) - Starke Motoren, Geschwindigkeitsrausch und Imponiergehabe: Mit bis zu 90 Kilometern pro Stunde soll ein damals 20-jähriger Mann im Februar dieses Jahres durch das Zentrum der bayerischen Stadt Selb gerast sein. Er erfasste dabei einen 19-jährigen Berufsschüler, für den jede Hilfe zu spät kam. Nun muss sich der Fahrer vor dem Landgericht Hof verantworten. Der Vorwurf: Mord.

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Beim Prozessauftakt am Dienstag zeigte sich der inzwischen 21 Jahre alte Deutsche reuig. Mit gesengtem Kopf starrte er auf den Tisch, wischte sich mit einem Taschentuch Tränen von den Augen, als der Staatsanwalt die Anklage verlas. »Ich bedauere unendlich, dass dieser Unfall passiert ist«, sagte er und bat die Familie um Verzeihung. Vier Angehörige des Opfers saßen als Nebenkläger im Gerichtssaal, alle in schwarz gekleidet.

Durch den Zusammenstoß wurde der 19-Jährige etwa vier Meter hoch und 30 Meter weit in die Luft geschleudert, bis er auf das Metallschild einer Firma stürzte. Einsatzkräfte versuchten, ihn zu reanimieren - vergeblich. Etwa zwei Dutzend Menschen, darunter Ersthelfer und Zeugen, mussten nach dem Unfall psychologisch betreut werden.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Fahrer vor, durch sein Rasen den Tod des Schülers billigend in Kauf genommen zu haben. Ermittlungen ergaben zudem Hinweise auf ein illegales Autorennen. Das Rennen war laut Anklage vorbei, als sich der Mann erneut entschloss, an einer Gruppe Berufsschüler vorbeizurasen. Vermutlich wollte er mit seiner riskanten Fahrweise den jungen Leuten imponieren, hieß es in der Anklageschrift.

Der Angeklagte bestreitet ein Autorennen. Er sei wohl zu schnell gefahren, wollte ausweichen, habe es aber nicht geschafft. »Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ein Auto zu steuern«, sagte er. Kommt es zu einer Verurteilung wegen Mordes nach Jugendstrafrecht, droht ihm eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren, nach Erwachsenenstrafrecht lebenslange Haft. Der Prozess soll noch bis Mitte Oktober andauern.

Immer wieder kommt es auf Deutschlands Straßen zu verbotenen Autorennen. Zwar gibt es keine bundesweite Statistik, aber im August hatte eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) unter den Bundesländern ergeben: Die Zahl der Raser steigt.

In Dresden wurde vor drei Wochen ein sechsjähriger Junge gegen eine Bushaltestelle geschleudert, nachdem ein 31 Jahre alter Autofahrer ihn bei einem vermutlichen Rennen mit seinem Wagen erfasste. Der Junge starb im Krankenhaus.

Nur einen Tag zuvor wurde ein roter Ferrari in drei Teile gerissen, als der Sportwagen in Niedersachsen an einem Baum zerschellte. Der 38-jährige Fahrer soll sich nach ersten Erkenntnissen mit einem Kontrahenten ein Rennen geliefert haben und starb bei dem Unfall.

Für viel Aufsehen sorgte ein Fall aus dem Jahr 2016 in Berlin. Dort kam ein unbeteiligter 69-Jähriger ums Leben, nachdem Autos mit 170 Kilometer pro Stunde über den Kurfürstendamm rasten. Laut Polizei ein Hotspot für Raser, an der beliebten Meile gibt es viele Zuschauer. Der Fall ging durch mehrere Instanzen, bis der Bundesgerichtshof dieses Jahr bestätigte: Es war Mord.

Während illegale Autorennen vor drei Jahren noch als Ordnungswidrigkeit bestraft wurden, wenn es zu keinem Unfall kam, wurden sie nach dem tödlichen Unfall in Berlin als Straftaten hochgestuft. Der Bundestag hatte im Oktober 2017 ein Gesetz zur Ahndung illegaler Straßenrennen verabschiedet und einen neuen Straftatbestand geschaffen (Paragraf 315d im Strafgesetzbuch). Demnach droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren, wenn ein Mensch ums Leben kommt. 

Durch schärfere Kontrollen erhoffen sich Behörden, dass sich die Zahl der Raser vermindert. Die Polizei in NRW habe laut Innenministerium zum Beispiel gute Erfahrungen gemacht, wenn Fahrzeuge sichergestellt oder beschlagnahmt werden. 

An diesem Freitag will sich der Bundesrat nach wochenlangem Gezerre erneut um schärfere Sanktionen für Raser bemühen. Mit einer Änderung der Straßenverkehrsordnung soll ein Führerscheinentzug drohen, wenn man innerorts 21 km/h oder außerorts 26 km/h zu schnell fährt.

Pressemitteilung Staatsanwaltschaft


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