Barmer: Seelische Probleme bei der Jugend nehmen zu

Depressionen bei Schülern
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Ein Junge kauert sich auf seinem Bett zusammen. Foto: Nicolas Armer/dpa/Illustration Foto: dpa

Immer häufiger ist Mobbing der Grund, warum Kinder und Jugendliche eine Psychotherapie benötigen. Auch Trennung, Vernachlässigung oder Flucht nennen die Experten oft als Ursache. Die Zahl der Betroffenen hat deutlich zugenommen - und Corona verstärkt die Entwicklung.


München (dpa/lby) - Ängste, Depressionen, ADHS: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Bayern, die unter seelischen Problemen leiden und eine Psychotherapie machen, nimmt beständig zu. Innerhalb von elf Jahren sei die Zahl der jungen Patientinnen und Patienten im Freistaat um knapp 90 Prozent gestiegen, erläuterte die Landesgeschäftsführerin der Krankenkasse Barmer, Claudia Wöhler, am Mittwoch in München. »Etwa jedes zehnte Kind bekam zwischen 2009 und 2019 mindestens eine Therapie.« Und in der Corona-Krise steige der Bedarf weiter.

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Nach den jüngsten Daten aus dem Jahr 2019 benötigten rund 123 800 bayerische Kinder und Jugendliche bis 24 Jahre psychotherapeutische Hilfe. »Sozialer Stress und wachsende Leistungsanforderungen können Gründe sein, weshalb sich junge Menschen häufiger unter Druck gesetzt fühlen, was ihnen buchstäblich auf die Seele schlägt«, sagte Wöhler.

Der Nachwuchs litt dabei vorrangig unter Anpassungsstörungen als Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis wie Mobbing, Trauerfall, Trennung oder Flucht (23 Prozent). Auch Depressionen (18 Prozent), Angststörungen (14 Prozent), emotionale Störungen des Kindesalters etwa durch Liebesentzug, Entbehrung oder Isolation (14 Prozent) und die »Zappelphilipp-Krankheit« ADHS (7 Prozent) sind häufig. Die Probleme begleiten die Betroffenen meist über Jahre. »Aus kranken Kindern werden nicht selten kranke Erwachsene«, betonte Wöhler.

Die Corona-Pandemie dürfte die Zahl der jungen Patientinnen und Patienten verschärfen. Allein im ersten Halbjahr 2020 stieg der Kasse zufolge die Zahl der bayerischen Heranwachsenden unter 25 Jahren, die psychotherapeutisch behandelt wurden, gegenüber dem Vorjahr um 6,5 Prozent auf fast 50 000 an. Im Vergleichszeitraum der ersten Halbjahre 2018 und 2019 betrug der Anstieg nur 1,5 Prozent.

»Es gibt Kinder und Jugendliche, die mit diesen Belastungen nicht gut zurechtkommen«, erläuterte der Vizepräsident der Bayerischen Psychotherapeutenkammer, Peter Lehndorfer. Besonders betroffen seien Kinder aus sozial benachteiligten Familien, mit psychisch oder chronisch kranken Eltern, mit eigenen psychischen Vorerkrankungen, einer Behinderung oder einem Migrationshintergrund.

Lehndorfer betonte: »Wenn die Familien funktionieren, tragen sie die Kinder durch die Krise.« Entsprechend müssten Präventionsangebote ausgebaut werden. Aus seiner Sicht sei es auch wichtig, den Fokus beim Impfen zusätzlich auf den Nachwuchs und seine Eltern zu legen.

Die Barmer, eine der größten Krankenkassen in Deutschland, hat für ihren Arztreport die Daten ihrer Versicherten (rund neun Prozent der bayerischen Bevölkerung) auf die Gesamtzahl der Menschen im Freistaat hochgerechnet.

© dpa-infocom, dpa:210505-99-471301/3

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