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Zwischen Notfall und Männergrippe

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»Hier ist der Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst«, meldet sich Disponent Martin Haiker, wenn an seinem Arbeitsplatz in der Integrierten Leitstelle Traunstein das Telefon klingelt. (Foto: Wannisch)

Traunstein – Im Durchschnitt alle zwei Minuten geht in der Integrierten Leitstelle Traunstein, die für die Landkreise Traunstein, Berchtesgadener Land, Altötting und Mühldorf zuständig ist, ein Notruf ein. 365 Tage, 24 Stunden pro Tag stehen die 34 Mitarbeiter zur Verfügung, um Menschen in Not zu helfen. Heute ist Tag des Notrufs. Wir haben vorab Disponent Martin Haiker während einer Schicht begleitet.


Ein rotes 112-Notruf-Symbol leuchtet auf dem Touch-Screen-Bildschirm in der Integrierten Leitstelle (ILS) Traunstein auf, das Telefon klingelt. Es ist 21.35 Uhr. »Hier ist der Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst«, meldet sich ein Disponent. »Hallo, ist dort der Notruf? Es brennt, bitte kommen Sie schnell!« Nun zählt jede Sekunde. Schnell gibt der Disponent das Stichwort Brand Wohnhaus in das Einsatzgrundformular ein. Anschließend klopft er die »W-Fragen« ab: Wer ist betroffen, was genau sieht der Anrufer, und vor allem, kann er sagen, wo es brennt?

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In wenigen Sekunden ist das Formular mit allen relevanten Informationen ausgefüllt. Der Disponent weiß nun, in Lengmoos brennt der Dachstuhl eines Einfamilienhauses. Unklar ist, ob sich noch Bewohner in dem brennenden Gebäude aufhalten. Nun werden die Feuerwehren in Lengmoos, Mühldorf, Gars, Attel, Haag, Ramsau sowie der Kreisbrandinspektor und der Rettungsdienst alarmiert. Es ist 21.35 Uhr und 41 Sekunden.

Koordination von Feuerwehr und Rettungsdienst

Insgesamt 248 284 Mal wurde 2016 im Zuständigkeitsbereich der ILS Traunstein der »Notruf 112« gewählt. Zuständig ist die ILS für einen Bereich mit der Gesamtfläche von rund 3750 Quadratkilometer und gut 493 000 Einwohnern in den vier bereits genannten Landkreisen. Die ILS ist in den Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Traunstein integriert.

»Nicht immer sind es Brände oder Verkehrsunfälle, die der ILS über die '112' gemeldet werden«, ergänzt Disponent Martin Haiker. Neben der Alarmierung von Rettungsdienst und Feuerwehr koordinieren die Disponenten der ILS auch Krankentransporte. Ein Blick in die Zahlen zeigt die Gewichtung. »Das Hauptgeschäft sind Krankentransporte, die im vergangenen Jahr 42 170 Mal durchgeführt wurden«, so Haiker. Im Vergleich dazu mussten die Feuerwehren in den vier Landkreisen nur zu 1214 Brandalarmierungen ausrücken.

Wer bei der ILS als Disponent arbeitet, muss zwei Grundvoraussetzungen erfüllen: aktives und erfahrenes Mitglied bei der Feuerwehr sein sowie eine Ausbildung im Rettungsdienst haben. Martin Haiker ist gelernter Rettungsassistent und Gruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr Piding. Zusätzlich hat er sich zum Hauptbrandmeister weitergebildet. Seit 2012 arbeitet er hauptamtlich bei der ILS als Disponent.

In den Notrufen werden die Mitarbeiter oft mit den denkbar schlimmsten Situationen konfrontiert. Eine Frau, deren Mann bewusstlos mit Herz-Kreislauf-Versagen zusammengebrochen ist, eine Mutter, deren Kind nicht mehr atmet, – wer die 112 wählt, hat in der Regel ein ernsthaftes Problem. »In solchen Situationen muss man ruhig, sachlich und ergebnisorientiert handeln – das ist schon eine große Herausforderung«, sagt der Pidinger. Ein dickes Fell und das »richtige Bauchgefühl« legt man sich im Lauf der Jahre zu. Die Einsatzerfahrung und die daraus gewonnene Routine als aktiver Feuerwehrmann und Rettungsassistent helfen da. Denn innerhalb weniger Sekunden muss Haiker bei einem echten Notruf entscheiden, »wie ich möglichst schnell die beste Hilfe rausschicken kann«.

Haiker und seine Kollegen müssen leider immer wieder erleben, dass die 112 aus den falschen Motiven gewählt wird. Anrufer wollen oft zur Polizei und wählen statt dem Polizei-Notruf 110 die Notrufnummer 112, Ärzte wollen nur einen Krankentransport organisieren. »Viele unterscheiden auch nicht zwischen einem wirklichen medizinischen Notfall und einem zur 'gefährlichen Männergrippe' mutierten Schnupfen«, sagt Haiker mit einem Augenzwinkern.

Kinder wählen Notruf 112 aus Spaß

Es komme immer wieder vor, dass Kinder aus Spaß die Notrufnummer wählen. Für Haiker ist der Grund des Anrufs nicht ersichtlich. Er kann auf seinem Bildschirm unterscheiden, ob der Anruf über die 112 oder die für Krankentransporte zur Verfügung gestellte Nummer hereinkommt.

Angst, in einer Warteschleife zu hängen, müsse aber kein Anrufer haben, so Haiker. Insgesamt stehen der ILS Traunstein unter der 112 aus dem Fest- und Mobilnetz 70 Notrufleitungen zur Verfügung – selbstverständlich kostenfrei für den Anrufer. Aber spätestens nach dem zweiten Klingeln meldet sich eine freundliche Stimme: »Hier ist der Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst.« vew