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Zwei große Prozesse zu Jahresbeginn am Landgericht

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Einsatzkräfte der Feuerwehr kämpften am 23. Mai 2015 in Schneizlreuth gegen die Flammen in einem alten Bauernhaus, das als Gästeunterkunft diente. Für sieben Männer aus Niederbayern kam jede Hilfe zu spät, sie verloren bei dem Brand ihr Leben.

Traunstein – Mit aufwändigen Prozessen starten zwei große Kammern am Landgericht Traunstein ins neue Jahr. Die Zweite Strafkammer muss ab Montag, 11. Januar, an sieben Verhandlungstagen die strafrechtliche Verantwortung eines 47-jährigen Traunsteiners für die Brandkatastrophe am 23. Mai 2015 in Schneizlreuth mit sechs Todesopfern und 20 teils schwer Verletzten juristisch aufarbeiten. Um eine international agierende Bande, die Juweliere heimsuchte, dreht sich ein fünftägiger Prozess der Jugendkammer gegen zwei Litauer, 33 und 21 Jahre alt, ab Dienstag, 12. Januar.


Rund 40 Zeugen und mehrere Sachverständige wird die Zweite Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs anhören, um den Brand in dem denkmalgeschützten »Pfarrerbauernhof« mit seinen schrecklichen Folgen aufzuklären. Verhandelt wird am 11., 14., 19., 22. und 26. Januar sowie am 2. und 5. Februar, jeweils um 9 Uhr. Eine Eventagentur mit dem 47-jährigen Angeklagten als Geschäftsführer hatte das historische Anwesen ab 1994 als Firmensitz und später auch als Gästeunterkunft genutzt.

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In der Brandnacht befanden sich 54 Menschen in dem Gebäude, darunter 47 Mitarbeiter eines Unternehmens aus Arnstorf (Landkreis Rottal-Inn), die das 50-jährige Geschäftsjubiläum feierten. Sie nächtigten im Mittel- und Dachgeschoß. Der Brand brach nach Expertenmeinung im Bereich eines Holzschranks mit Bettwäsche im Mittelgeschoß unterhalb der Treppe zum Dachgeschoß aus, in dem 24 Personen auf einem Matratzenlager die Nacht verbringen wollten. Als die Treppe, die in den zweiten Stock führte, in Flammen geriet, war ihnen der einzige Fluchtweg abgeschnitten.

Das von starker Rauchentwicklung begleitete Feuer verbreitete sich rasant. Einige der Eingeschlossenen konnten sich durch einen Sprung aus dem Fenster retten, andere über von Helfern angelegte Leitern absteigen. Sechs Männer im Alter von 30 bis 40 Jahren kamen in den Flammen und den giftigen Gasen um. 20 der Geretteten erlitten zum Teil schwerste Verbrennungen, Knochenbrüche, Prellungen, Schürfwunden und vor allem häufig Rauchgasintoxikationen durch Kohlenmonoxid und Cyanid.

Anklage wegen sechsfacher fahrlässiger Tötung

Dem 47-jährigen Geschäftsführer mit Strafverteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim und dem auf Verwaltungsrecht spezialisierten Rechtsanwalt Frank Starke aus Bad Reichenhall zur Seite wirft die Staatsanwaltschaft Traunstein sechsfache fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung in 20 Fällen vor. Der Angeklagte soll gegen Brandschutzvorschriften und gegen Baurechtsvorschriften verstoßen haben. Laut Anklage hätte zum Beispiel zumindest im Dachgeschoß niemand übernachten dürfen.

Zwei Verteidiger aus Regensburg, Johannes Büttner und Iris Nickl, vertreten die beiden mutmaßlichen Räuber aus Litauen vor der Jugendkammer mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann. Nach Prozessauftakt am 12. Januar wird die Hauptverhandlung am 13., 19., 20. und 26. Januar fortgesetzt. Der Bande sollen neben dem 33- und dem 21-Jährigen noch drei namentlich bekannte und weitere noch nicht identifizierte Mitglieder angehören. Ihr Wirkungskreis umfasste neben der Bundesrepublik Finnland und Dänemark.

Bei den Juwelieren hatten es die Täter vor allem auf teure Uhren abgesehen. Mit Hilfe lokal kundiger »Residenten«, wie es in der Anklage heißt, wurden Tatorte und Fluchtwege ausgespäht. Danach klauten die Räuber ein Fluchtfahrzeug, dazu andere Kennzeichen. Den eigentlichen Raubüberfall auf die Juweliergeschäfte führten in der Regel drei Täter durch. Weitere Mittäter sicherten die Flucht. Der gestohlene Wagen wurde in einiger Entfernung zurückgelassen, die Beute von wieder anderen Leuten nach Osteuropa geschafft. Letztlich landeten die Edeluhren vermutlich in Russland. Jeder der Bande soll aus den Erlösen seinen Anteil erhalten haben.

Bande suchte auch Juwelier in Mühldorf heim

Ein Tatkomplex der Anklageschrift bezieht sich auf einen Fall in Mühldorf. Mit einem gestohlenen Audi A 4 sollen die zwei Angeklagten mit einem weiteren Litauer am 5. März 2015 zu einem zuvor ausgekundschafteten Juwelier in Mühldorf gefahren sein. Gegen 15.45 Uhr betraten zwei der Männer den Laden, der dritte blieb sichernd draußen vor der Tür. Mit einer Schreckschusswaffe hielt das Räuberduo die Verkäufer im Geschäft in Schach. Einer der Männer zerschlug die Vitrinen mit einem Beil und packte Uhren im Gesamtwert von fast 340 000 Euro in seine Tasche. Das Trio ergriff die Flucht. Der draußen wartende, dritte Täter sprühte dabei Reizgas in Richtung eines Verfolgers. Auf einen anderen Zeugen schossen die Räuber zweimal, ehe sich dieser in einen Innenhof retten konnte. Mit dem Audi A 4 entkamen die Täter über das Freibad in Mühldorf und über Töging nach Altötting. Dort ließ die Bande den gestohlenen Wagen zurück und verschwand.

Mit einer Polizeikontrolle am 10. Juni 2015 endeten die Raubzüge. Seither sitzen der 33- und der 21-Jährige in Untersuchungshaft. Die gesamten Ermittlungen führte die Staatsanwaltschaft Traunstein. Nachdem der 21-Jährige bei den Taten teils noch Heranwachsender war, fiel der Prozess gegen beide Angeklagte in die Zuständigkeit der Jugendkammer. kd