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Zwei Deutsche und drei Wellen in Pandschir

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Die drei Wellenreiter Afridun Amu (rechts), Benjamin Di-Qual (links) und Jacob Kelly im Pandschir-Fluss in Nordafghanistan. Die Hobbysurfer waren nach Afghanistan gereist, um zu schauen, ob es genügend sichere Orte und gute Flusswellen gibt, um den Sport in Afghanistan zu etablieren.

Die allererste afghanische Welle, die einen Surfer sieht, bricht sich im engen Pandschir-Tal nördlich von Kabul unter einer Brücke. »Wir hatten sie schon aus 300 Metern Entfernung entdeckt«, sagt Afridun Amu. »Das Wasser schoss über eine Schräge hinunter. Es war keine perfekte Welle, und die Strömung war gefährlich, aber wir wollten’s endlich ausprobieren.«


Sofort kamen die Zuschauer. Am Ende wechselten sich 50 Afghanen mit dem Sicherheitsseil ab. Es herrscht Krieg im Land, die Taliban sind auf dem Vormarsch und einer der Abenteurer hat Dauerdurchfall – aber nach drei Jahren Vorbereitung haben zwei Deutsche und ein Kanadier das Wellenreiten nach Afghanistan gebracht.

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Eine gute Woche lang waren die Hobbysurfer Benjamin Di-Qual (34) aus Fridolfing, der Berliner Afridun Amu (30) und der kanadische Flusswellenexperte Jacob Kelly (34) gerade im Pandschir-Tal unterwegs, denn Surfen oder Wellenreiten, das geht nicht nur auf dem Meer. Fünf Flussbretter, die kürzer und stärker sind als Meeresbretter, hatten sie dabei auf einem Lastwagen, außerdem zwei Männer mit Waffen. Erst seit wenigen Tagen sind sie wieder in Deutschland. Vorher wollten sie die Reise geheimhalten.

Es ging dabei um mehr als Sport und Abenteuer. Amu, dessen Eltern 1992 vor einem anderen afghanischen Krieg nach Deutschland geflohen waren, hat als Jurist für die Max-Planck-Stiftung für Frieden und Rechtsstaatlichkeit an Afghanistan-Projekten gearbeitet und kennt das Land. »Ich will, was da abgeht, nicht schönreden«, sagt er. »Aber für mich ist Afghanistan mehr als der Krieg. Da gibt es einzigartige Landschaften, jahrhundertelang gelebte Gastfreundschaft für Reisende und Suchende, und das möchte ich erleben und erlebbar machen.«

Im vergangenen Jahr war Amu als erster Surfer für Afghanistan überhaupt bei der WM in Biarritz angetreten. Damals hatte er der Deutschen Presse-Agentur gesagt, dass er mit seinem Verein, der »Wave Riders Association of Afghanistan«, im Land irgendwann mal ein Jugendteam aufbauen wolle. Diesmal sagt er: »2020 wird Surfen zum ersten Mal olympisch und es wäre stark, wenn wir es hinbekommen, Surfer aus Afghanistan für 2024 zu trainieren.« Klar, Afghanistan habe andere Sorgen. Trotzdem. Es habe was damit zu tun, Perspektiven anzubieten: »Sport bedeutet den Afghanen sehr viel. Sport gibt Freude und Kraft – und das brauchen die Menschen auch.«

Der Pandschir-Trip war Teil der Idee vom Surf-Camp Afghanistan. Sie sollte erweisen, ob es genug sichere Orte und gute Wellen gibt, um weiterzumachen mit dem Plan. Es ging besser als erwartet – mit Hilfe von Ganzkörper-Neopren (bloß keine Haut zeigen im konservativen Land) und Fingerspitzengefühl. Vom Haus eines befreundeten Würdenträgers auf 2500 Metern Höhe aus fuhren die Surfer tagsüber über Dreckpisten den Fluss hinauf und haben Wellen ausgekundschaftet. Pandschir, das ethnisch homogen und durch enge Pässe abgeschottet ist, gilt als einigermaßen sicher. »Und die meisten Reaktionen waren toll. Aber da waren auch einige Menschen sehr misstrauisch«, sagt Benjamin Di-Qual an einem Abend über eine wacklige Verbindung aus dem Tal.

Für ihn war die Reise eine »zweifache Offenbarung«. Zum einen waren da die Wellen. Di-Qual ist als Hobby an der Entwicklung von künstlichen Flusswellen beteiligt, wie sie es zum Beispiel schon in München am Eisbach gibt. Er überlegt jetzt, wie man für die Jugend im Fluss eine sichere kleine Welle zum Üben einrichten könnte. »Da ist unglaubliches Potenzial«, sagt er. »Das Pandschir-Tal ist sehr lang und hat ein starkes Gefälle. Da sind während der Eisschmelze viele Weißwasserwalzen, Stufen, Wellen. Tolle Wildwassergegebenheiten! Sportlich total interessant.«

Gleichzeitig habe die Reise sein Bild von Afghanistan verändert. »In Deutschland ist so oft die Rede vom sicheren Herkunftsland und dass man Flüchtlinge dahin zurückschicken kann, aber jede Unterhaltung hat mir gezeigt: Das Gefühl von Sicherheit hat kein Mensch hier. Manche haben sich geschämt, Waffen tragen zu müssen. Das ist mir sehr nahe gegangen«, sagt Di-Qual.

Letztlich sind die Surfer drei afghanische Wellen geritten. »Da wäre noch mehr gegangen, aber die Zeit hatten wir nicht mehr«, sagt Amu. Immerhin: Die ersten Schritte, um den Sport zu etablieren, seien getan. Afghanische Surfer bei Olympia 2024 – »ganz so verrückt klingt die Idee jetzt nicht mehr«. dpa