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Zusammenstehen in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist

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Erläuterte die Pläne der Regierung von Oberbayern mit der künftigen Gemeinschaftsunterkunft in Traunstein für Asylbewerber: Regierungspräsident Christoph Hillenbrand.

Traunstein – »Die Welt ist aus den Fugen und da müssen wir zusammenstehen.« So begründete Regierungspräsident Christoph Hillenbrand die Pläne zur Schaffung einer zentralen Unterkunft für über 160 Bewohner. Die Regierung von Oberbayern, das Landratsamt und die Stadt Traunstein luden gemeinsam in den Großen Saal des Traunsteiner Rathauses ein.


Vor Beginn war den Verantwortlichen eine leichte Unruhe anzumerken – erinnerte sich doch so mancher noch an die Informationsveranstaltung, die vor rund eineinhalb Jahren im Zusammenhang der geplanten Unterkunft in Geißing stattfand. Kochten seinerzeit bei einer Reihe von Teilnehmern die Emotionen hoch, so erwies sich die Sorge diesmal als unbegründet. Die rund 70 Teilnehmer – neben einer Reihe von Stadträten auch viele ehrenamtlich in der Asylarbeit Tätige sowie einige direkt betroffene Nachbarn – informierten sich in sachlicher Atmosphäre über die Maßnahme in dem alten Telekomgebäude an der Seuffertstraße.

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Offene und frühzeitige Information angestrebt

Oberbürgermeister Christian Kegel machte deutlich, dass man so schnell wie möglich offen darlegen wolle, wie die Maßnahme konkret geworden sei. Man wolle jeglicher Gerüchteküche von Anfang an entgegentreten, auch wenn die Stadt Traunstein rechtlich nicht Vertragspartner sei. »Traunstein ist sich seiner Verantwortung bewusst, es ist unsere Pflicht, Asylsuchende aufzunehmen und menschenwürdig unterzubringen.« In der Stadt Traunstein seien bisher bis zu 33 Personen in dezentralen Unterkünften untergebracht. Dazu kommen noch etwa zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Trotz des Engagements im Traunsteiner Netz, im Netzwerk Asyl, in Teilen der Bevölkerung und in Stadtrat und -verwaltung sei »weiter ein großes Engagement von vielen Seiten nötig« so das Stadtoberhaupt.

Regierungspräsident Christoph Hillenbrand betonte das Interesse der staatlichen Stellen, die betroffene Bevölkerung möglichst frühzeitig zu informieren. Derzeit würden in München rund 150 Asylsuchende pro Tag ankommen, was einem deutlichen Rückgang zu den ersten beiden Monaten in diesem Jahr entspreche, als neben vielen Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien auch viele Menschen aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen seien. Er erwarte aber ein »vehementes Frühjahr, Sommer- und Herbstgeschehen« mit deutlich anziehenden Zahlen Asylsuchender.

Im Landkreis bestehen drei von der Regierung von Oberbayern direkt betriebene Gemeinschaftsunterkünfte mit rund 100 Bewohnern in Engelsberg, 141 in Grassau und 51 in Inzell. Im Landkreis lebten aktuell 771 Asylsuchende; zum Jahresende erwarte man in etwa eine Verdoppelung. Für die Stadt Traunstein hatte er ein kräftiges Lob übrig: »Danke für die hervorragende Zusammenarbeit.« Die Gespräche im Vorfeld seien in »lauterer und klarer Atmosphäre« gelaufen. Dies sei in anderen Fällen nicht immer so.

Wohnmöglichkeit für bis zu 163 Personen

Die landkreiseigene Wohnungsbaugesellschaft hat die zwei Gebäude an der Seuffertstraße im Februar erworben. Am 25. Februar wurde mit der Regierung von Oberbayern ein Mietvertrag über eine Laufzeit von 10 Jahren mit zwei Optionen mit jeweils zwei Jahren zusätzlicher Laufzeit abgeschlossen. Für die bis zu 163 Bewohner, die voraussichtlich im September diesen Jahres in das noch zu sanierende und umzubauende Objekt einziehen können, sollen ein Verwaltungsleiter, ein Mitarbeiter und ein Hausmeister zur Verfügung stehen. Zur Sozialbetreuung wollte der Regierungspräsident noch keine klaren Aussagen machen. Dass die Herausforderung nur gemeinschaftlich zu bewältigen sei, machte er zum Schluss deutlich: »Die Zukunft gut zu gestalten ist eine Aufgabe von uns allen.«

16 Gemeinden haben keine Asylbewerber aufgenommen

Stellvertretender Landrat Josef Konhäuser sagte, dass es im Landkreis Einrichtungen gebe, bei denen die soziale Betreuung und der Einsatz ehrenamtlicher Helfer »hervorragend laufe«, wie er am Beispiel der Gemeinschaftsunterkunft in Grassau ausführte. Kritik schwang durch, als er darauf hinwies, dass 16 Gemeinden im Landkreis keine Asylbewerber aufgenommen haben. »Wir wollen auf Landkreisebene vernünftig verteilen.«

In der rund 45-minütigen Diskussion meldeten sich Anwohner wie interessierte Helfer gleichermaßen zu Wort. Heinz Müller betonte, er habe grundsätzlich nichts gegen die Einrichtung, aber »was tun die in der Freizeit?« Regierungspräsident Christoph Hillenbrand versuchte die Ängste zu nehmen: Die Asylbewerber könnten bereits nach drei Monaten eine Beschäftigung aufnehmen, junge Menschen würden in die Schule gehen. »Das sind nicht die Mechmets, die kleinkrimminell herumtauchen.«

Auf die Frage nach den finanziellen Möglichkeiten, die Asylbewerber durch staatliche Unterstützungen erhalten würden, sagte er, dass ein Ehepaar mit zwei Kindern beispielsweise rund 1000 Euro pro Monat erhalte.

Horst Trüdinger, in der kirchlichen Arbeit tätig, erinnerte an die kontrovers-hitzige Diskussion beim Informationsabend in Heilig Kreuz im Juli 2013. Man müsse die Asylbewerber in die Gesellschaft einbinden. Auch die Vereine seien hier gefordert. »Je mehr wir uns um die Asylbewerber kümmern, umso kleiner sind die Probleme in der Gesellschaft.

Stadtrat Ernst Haider erkundigte sich nach dem Personalschlüssel für die in Aussicht gestellte Sozialarbeit, die der Regierungspräsident mit 1 zu 150 angab, nicht ohne hinzuzufügen: »Hier könnte man mehr leisten.«

Toleranz und Geduld sind erforderlich

Barbara Kaulfuß, die sich von Seiten der Stadt um die Asylbewerber kümmert, zeichnete ein sehr differenziertes Bild aus der Praxis: Das Miteinander-Klarkommen sei nicht einfach. Verschiedene Religionen und Kulturen würden aufeinandertreffen, Toleranz, Geduld und das Gespräch, wenn einmal etwas schief gehe, seien wichtig.

Oberbürgermeister Christian Kegel machte abschließend deutlich, dass in Traunstein ein breites Netz versuche, die Menschen aufzufangen. Er wolle nicht in Schwärmerei verfallen, aber es funktioniere großartig, wie er am Beispiel des Begegnungstreffs »Café International« ausführte. Man versuche mit einem einfachen Konzept zu helfen: »Professionell aber auch mit Herz.« awi