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»Zugeben, dass auch der andere mal Fehler macht«

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Heute vor 70 Jahren gaben sie einander das Ja-Wort: Das seltene Jubiläum der Gnadenhochzeit feiern heute Waldemar und Hildegard Niedergesäß. (Foto: Hohler)

Traunstein. Mit dem gemeinsamen Theaterspielen fing alles an – heute feiern Hildegard und Waldemar Niedergesäß Gnadenhochzeit: Vor 70 Jahren gaben sie einander das Ja-Wort. »Da war eine Zuneigung, daraus wurde Liebe, und die hält Gott sei Dank bis heute an«, sagt er. »Ich glaube, er hatte eher ein Auge auf mich als ich auf ihn«, erinnert sie sich. Ihr imponierte er, »er wusste, was er wollte, war fleißig und ehrgeizig. Auf einmal war mir, wie in dem Lied 'Wer hat die Liebe mir ins Herz gesenkt?'« »Du warst einfach mein Typ, da hab ich gewusst, die will ich oder keine«, sagt er.


»Einen Bauern hätte ich nie geheiratet«

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Dabei waren die Zeiten alles andere als einfach. Hildegard Niedergesäß wurde 1920 in Giersdorf in Schlesien geboren, heute in Polen gelegen. Sie war das jüngste von fünf Kindern eines Landwirts und musste schon als Kind mithelfen. »Einen Bauern hätte ich nie geheiratet, ich war lieber in der Natur. Wir sind viel Rad gefahren.« Sie besuchte die katholische Schule, er die evangelische. Denn auch Waldemar Niedergesäß wurde in Giersdorf geboren, ein halbes Jahr vor seiner Frau. So kannten die beiden einander zwar, hatten aber kaum miteinander zu tun.

In Liegnitz erlernte er den Beruf des Elektroinstallateurs. Weil er so gut war, besuchte er anschließend in Mittweida vier Semester lang die Ingenieurschule. »Dann hatte ich die Schnapsidee, mich zum Militär zu melden«, sagt er. »Damals waren wir so verblendet von der Hitlerjugend.« Zum Glück landete er bei der Luftwaffe in einer Sondereinheit, wo er eine Pilotenausbildung erhielt – »wir kamen nicht mehr zum Einsatz«.

Sein jüngerer Bruder, der die elterliche Gärtnerei übernehmen sollte, hatte weniger Glück – er fiel in Stalingrad. Auch zwei von Hildegards drei Brüdern blieben nach dem Krieg vermisst. »Mir ist das zum Glück alles erspart geblieben, ich war nicht beim BDM, weil mein Vater so katholisch war. Der hatte den Ersten Weltkrieg mitgemacht, hielt den Hitler für einen Kriegstreiber.«

Als sich Waldemar und Hildegard Niedergesäß verlobten, war das ein Skandal. »Mein Lehrer war entsetzt. Wie kannst du dir den Niedergesäß nehmen, der ist doch evangelisch«, erinnert sie sich an seine Worte. »Ich war Dorfgespräch. Das war ein regelrechtes Spießrutenlaufen.« Mitten im Krieg, am 10. Juli 1944, heirateten die beiden in Giersdorf. Er hatte dazu Heiratsurlaub erhalten, musste aber dann wieder zu seiner Einheit.

Sohn Volkmar wurde unter schwierigsten Bedingungen geboren, »das war eine Steißgeburt, kein Arzt wollte die Verantwortung übernehmen.« Erst nach dem Anruf des Schwiegervaters schickte der Kreisleiter seinen Wagen mit Chauffeur – es gab damals kaum Benzin – der sie ins Krankenhaus nach Liegnitz brachte. Nach den stundenlangen Wehen zuvor konnte sie es selbst kaum glauben – »die haben mir eine Spritze gegeben und ruck-zuck war das Kind da«.

Dreimal wurde sie in den folgenden Monaten vertrieben das erste Mal, als das Baby wenige Wochen alt war. Noch heute schießen ihr die Tränen in die Augen, wenn sie an diese schwere Zeit zurückdenkt, voll Hunger, Not und Krankheit. Manche Kinder verhungerten, andere erfroren. Und sie selbst wusste oft nicht, wie sie ihr Kind ernähren sollte. »Er war so abgemagert, manchmal hat er nur noch gewimmert. Das kann man sich heute alles gar nicht mehr vorstellen.«

»Der schönste Augenblick in meinem Leben«

Über das Rote Kreuz fanden sich die Eheleute schließlich wieder. Waldemar Niedergesäß war in Freilassing entlassen worden. Die letzten Wochen als Soldat hatte er dort in einer Konstruktionswerkstatt einer Flugzeugfirma gearbeitet. »Fast jede Woche hab ich ihr eine Karte geschrieben. Als ich die zwei dann abgeholt habe, das war der schönste Augenblick in meinem Leben.«

Von da an ging es aufwärts. Mit der Hilfe von Freunden bauten sie ein Holzhaus, in das auch seine Eltern mit einzogen. Er schloss in München sein Studium ab, wohnte unter der Woche in einem kleinen Zimmer und fuhr am Wochenende mit den Lastwagen der Großmarkthalle nach Hause. Sie arbeitete zwei Jahre als Näherin in einer Fabrik – »man musste ja selbst sehen, wo man blieb«.

»Seit 1953 sind wir in Traunstein«

Nach der Meisterprüfung erhielt er eine Anstellung an der Berufsschule in Traunstein. »Seit 1953 sind wir in Traunstein«, sagt er. Das Haus konnten sie verkaufen, mit dem Erlös das Darlehen für die Existenzgründung zurückzahlen und sich Möbel kaufen. Er war schließlich Fachbetreuer der Elektroabteilung. Mit 56 Jahren legte er die Prüfung zum höheren Lehramt in Physik ab. Seine berufliche Laufbahn beendete er als Studiendirektor.

Auch Sohn Volkmar ging seinen Weg. »Es ist für mich immer noch ein Wunder, dass er lebt. Heute ist er ein gestandenes Mannsbild und selbst schon im Ruhestand.« Er lernte Rundfunkmechaniker, wurde Diplom-Ingenieur und studierte in München, ehe er in Freilassing an der Berufsschule unterrichtete. Später wechselte er an die FOS in Traunstein, wo er Mathematik und Physik lehrte. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und sechs Enkel. »Bei Familienfeiern sind wir 13 Leute«, freut sich Waldemar Niedergesäß. »Beide Töchter haben Sozialpädagogik studiert, und beide haben Diplom-Informatiker geheiratet. Und alle leben in Traunstein.« Und seine Frau pflichtet ihm bei: »Ich bin so froh, dass beide solide, nette Männer geheiratet haben.«

»Wir sind hier sehr gut untergebracht«

1993 übergaben sie das Haus an ihren Sohn und zogen in eine Eigentumswohnung, ehe sie im April 2012 ins Seniorenheim Wartberghöhe zogen. »Wir sind hier sehr gut untergebracht und haben sehr nette Pfleger«, sagt er.

Befragt nach einem Rezept, wie man es schafft, 70 Jahre lang alle Höhen und Tiefen des Lebens miteinander zu meistern, rät sie jungen Frauen: »Toleranz und Nachsicht, man darf auch nichts zu sehr hochspielen, das renkt sich schon alles wieder ein. Es kommt ja nie was Besseres nach.« Und er ergänzt: »Man braucht Gottvertrauen. Und man muss auch mal zugeben, dass auch der andere mal Fehler macht«, sagt er augenzwinkernd – und beide müssen herzhaft lachen.

Außerdem rät er, sich nie im Zorn zu trennen und sich immer wieder an die schönen Momente zu erinnern, etwa an die Reisen, die sie bis vor wenigen Jahren noch unternommen haben. Im Übrigen zitiert er einen Spruch vom Grab des Opernsängers Leo Slezak: »Vom ersten Kuss bis zum Tod sich nur von Liebe sagen«. coho