weather-image

Zivilcourage von der Kanzel

3.5
3.5

Teisendorf – Klare Position bezog Kaplan Korbinian Wirzberger jüngst beim Gottesdienst in Teisendorf. Statt in seiner Predigt über die Ehejubilare oder den Jahrtag der Musikkapelle zu sprechen, redete der Kaplan Klartext über die politische Lage in der Türkei und rief auf zum Boykott.


Man hätte schöne Worte zum Jahrtag der Musikkapelle und zu den Ehejubilaren finden können. Er habe auch zu beiden Themen Predigten begonnen, jedoch verworfen, weil ihm sein Gewissen geboten habe, ein anderes Thema anzusprechen: »Man kann kein Christ sein, ohne auch politisch zu sein.« Wirzberger zog Parallelen zwischen dem Erstarken der NSDAP und Hitler vor 80 Jahren und dem zunehmend diktatorischen Regime des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan heute. Damals wie heute seien die »Diktatoren« durch den wirtschaftlichen Aufschwung und Großbauprojekte, den gemeinsamen Willen, ein großes Land zu werden und dem gemeinsamen Gefühl, von den anderen benachteiligt zu sein, erstarkt. Wie im Nazi-Regime werde in der Türkei heute mit Feindbildern gearbeitet und es gebe Massenverhaftungen unter dem Vorwand der Sicherheit sowie eine »Gleichschaltung«, etwa der Presse. Die Welt schreibe damals wie heute Protestnoten – lasse den »Diktator« jedoch gewähren.

Anzeige

»Wie viel sind wir hier bereit, dafür zu opfern?«, fragte er in den Raum. »Die Menschenrechte, unser Gewissen...?« Die Flüchtlingsproblematik jedenfalls löse Erdogan nicht, er fördere sie. »Dann fliehen noch weit mehr, und zwar vor ihm«, so der Kaplan weiter. Er machte seinen Zuhörern klar, dass »wir als Christen dieser Entwicklung nicht machtlos ausgeliefert sind«, sondern in der Verantwortung stünden, unsere Möglichkeiten auszuschöpfen – etwa durch einen Boykott türkischer Produkte und von Reisen in die Türkei, durch das Unterstützen von Online-Petitionen gegen einen EU-Beitritt der Türkei oder durch kritische Briefe an die Wahlkreis-Bundestagsabgeordneten. vm

Italian Trulli