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Zehn Jahre Chiemgauer Regionalwährung

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Auf dem Traunsteiner Stadtplatz wurde Werbung für den Chiemgauer gemacht: mit verschiedenen Künstlern, so wie hier mit einem Stelzengeher, mit einem Infostand und anderen publikumswirksamen Aktionen. (Foto: H. Eder)

Traunstein. Der Chiemgauer ist zehn Jahre alt. Dieser »Kindergeburtstag«, wie Moderator Bernhard Zimmer witzelte, stand im Vordergrund der Veranstaltung im Rathaus, mit der gleichzeitig der Regiogeld-Kongress eröffnet wurde. Der Chor Giovedi vocale gratulierte musikalisch mit dem eigens gedichteten Lied »Wir stehen auf regional«. »Herr Chiemgauer« Richard Leitner präsentierte die Umlaufzahlen der Regionalwährung, Gründer Christian Gelleri erinnerte an die Anfänge und bei einer Podiumsdiskussion berichteten Nutzer und Firmen über ihre Erfahrungen. Ziel zum 20. Geburtstag sei es, dass alle Geschäfte des täglichen Bedarfs in der Region den Chiemgauer nehmen, hieß es.


Dickes Lob vom früheren Bundespräsidenten Köhler

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Von der »Freude des Einzelnen, regionale Wirtschaftskreisläufe zu fördern und kreativ zu gestalten« im ersten Satz der Präambel zur Vereinssatzung hätten sich offensichtlich viele anstecken lassen, meinte Gelleri und erzählte von der Freude, die ihm eine Rede von Ex-Bundespräsident Horst Köhler bereitet hat. Köhler hatte beim Jahresempfang der regionalen Wirtschaft in Bad Adelholzen den Chiemgauer in höchsten Tönen gelobt: »Regionale Währungen sollen ja gerade dazu beitragen, dass man ein wenig stolz darauf sein kann, welchen Zwecken das eigene Geld zugute kommt«, hatte Köhler gesagt und die regionale Wirtschaft, den Erhalt regionaler Spezialitäten, die Vermeidung unnötiger Transportkosten, gemeinwohlorientierte Projekte, gemeinsames Bewusstsein für regionale Wirtschaftskreisläufe und nicht zuletzt das heimatliche »Wir-Gefühl« aufgezählt.

Der »Herr Chiemgauer« stimmte in das allgemeine Lob mit ein. Der Chiemgauer sei das erfolgreichste deutsche Regiogeld und habe bei 600 beteiligten Unternehmen »den Riesenumsatz von 6,5 Millionen Euro hingelegt«. Dafür gab’s kräftigen Beifall. Ein weiteres Wesensmerkmal sei sein schnelles Zirkulieren, »zwei bis drei Mal so schnell wie der Euro.«

Gibt es den Chiemgauer weitere zehn Jahre lang?

Christian Gelleri berichtete von seiner Motivation und den Anfängen als Schulprojekt an der Waldorfschule in Prien, wo er Wirtschaftslehrer war. Bei all den Erfolgen sei es aber nicht selbstverständlich, dass der Chiemgauer auch in zehn Jahren noch existieren werde. Es müsse die kritische Masse erhalten bleiben, um die Wirtschaftlichkeit zu wahren. Ein Problem sei es, den Chiemgauer in die Gemeindeverwaltungen hineinzubringen. Zudem müsse man sehen, dass viele Chiemgauer-Mitarbeiter, die zum Großteil ehrenamtlich tätig sind, an ihre persönlichen Grenzen stoßen.

An die Nutzer appellierte Gelleri, die Regionalwährung immer wieder ins Gespräch zu bringen und konsequent zu verwenden. »Ein Umsatz von 20 Millionen wäre gar nicht so schwer zu erreichen«, meinte er, »wenn alle Mitglieder den Chiemgauer auch wirklich nutzen würden.« Und vielleicht erfahre der Chiemgauer auch einmal politische Unterstützung.

Ein Stück mehr Dreistigkeit im positiven Sinn forderte Bernhard Zimmer, der Moderator der Podiumsdiskussion. Die Chiemgauer-Nutzer sollten immer wieder in Geschäften nachfragen, ob sie nicht doch auch Chiemgauer annehmen wollten.

Trinkgeld für Handwerker in Chiemgauern auszahlen

Martina Christoph aus Inzell etwa zahlt Handwerkern ihr Trinkgeld in Chiemgauern aus. Stefan Magg, Geschäftsführer von Biofair, handelt, wo möglich, mit seinen Lieferanten gewisse Quoten aus, also welchen Prozentanteil der Rechnungen er in Chiemgauern bezahlen darf. Karin Wiedemann vom Haushaltsgeschäft in Waging berichtete ebenfalls, dass manche Geschäfte durch ständiges Nachfragen sich endlich doch dazu durchgerungen hätten, auch Chiemgauer zu akzeptieren.

Jürgen Wernhöner vom Sozialwerk Stephanskirchen berichtete, diese Einrichtung profitiere von dem Drei-Prozent-Anteil am gesamten ChiemgauerUmsatz, der an Vereine und soziale Organisationen gespendet werde. Wo er die Wahl hat, kauft er nur dort ein, wo man mit Chiemgauern zahlen kann. Ähnlich sieht man es an der Waldorfschule in Prien: Über 20 000 Euro hat sie in zehn Jahren erhalten. Zudem sei der Chiemgauer, wie Geschäftsführerin Susanne Zeisig berichtete, ein »gemeinschaftsbildender Faktor« an der Schule.

Einer der großen Chiemgauer-Förderer ist die St.-Leonhards-Quelle: Diese Firma erhält viel mehr Chiemgauer, als sie ausgeben kann; das heißt, es müssen Chiemgauer rückgetauscht werden bei einer Gebühr von fünf Prozent. Trotzdem ist es der Firma, wie Dominik Sennes sagte, den Einsatz wert, »weil es Sinn macht und um ein Bewusstsein für das Geldwesen zu schaffen.«

Aus dem Publikum kam die Frage: »Warum nur sind die Unternehmer in der Region so zögerlich?« Sennes sagte, er wünsche sich, dass in zehn Jahren alle Geschäfte des täglichen Bedarfs den Chiemgauer annehmen. Das wäre, wenn man nur ordentlich Werbung dafür machte, durchaus machbar, meinte er.

Gelleri äußerte sich zum Abschluss »gerührt und erstaunt« über die Gespräche am Podium und richtete großen Dank an die vielen, die mitgearbeitet hatten, vor allem für die »Wahnsinnsarbeit« des Teams Elke Mathe und Christophe Levannier. he