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Zahl der »Menschen in Not« steigt

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Traunstein – Die Zahl der Menschen in Not steigt auch im Landkreis Traunstein. 2017 stand die seit 1990 bestehende »Bürgerhilfsstelle« 191 Menschen mit akuten Geldsorgen schnell, diskret und unbürokratisch bei. Die Vergleichszahl für heuer hat sich bis dato bereits auf 252 »Zahlfälle« erhöht. Das berichtete Florian Seestaller am Donnerstag im Ausschuss für Gesundheits- und Flüchtlingsfragen sowie Soziales unter Vorsitz von Landrat Siegfried Walch. Seestallers Arbeit erfuhr vom Ausschuss hohe Anerkennung. Das Gremium nahm den Report ohne Gegenstimme zur Kenntnis.


Hilfe zu 100 Prozent aus Spenden

Landrat Siegfried Walch stellte klar heraus, die Bürgerhilfsstelle stehe Betroffenen nur bei, wenn es keine gesetzlichen Möglichkeiten gebe oder deren Leistungen nicht ausreichend sind. Jegliche Hilfe werde »zu 100 Prozent« aus Spenden, sei es von privater Seite, von Stiftungen oder anderen Organisationen, finanziert. Seit 1990 seien insgesamt rund 600 000 Euro an Spenden und Zuwendungen eingegangen und an Bedürftige weitergeleitet worden. Unterstützung sei zum Beispiel möglich, wenn der Lebensunterhalt nicht gesichert ist, beim Erhalt oder Bezug einer Wohnung, bei Versorgung mit notwendigen Arznei- und Hilfsmitteln, bei der Energieversorgung und der Mobilität. Hinzu kämen persönliche Extremsituationen wie Unglücks- oder Todesfälle und schwere Krankheiten oder Behinderungen.

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Im vergangenen Jahr 52 Personen beraten

Unter das Motto »Helfen vor Ort – für Menschen in Not« stellte Florian Seestaller seine Ausführungen. Wie die »Zahlfälle« zeigten, steige die Anzahl der Menschen im Landkreis, die finanzielle Unterstützung benötigen. 2017 habe die Bürgerhilfsstelle zusätzlich 52 Personen beraten und sie an für ihre Anliegen zuständige Stellen weitergeleitet. Die Hilfesuchenden stammten aus allen Städten und Gemeinden im Landkreis. Der Referent begründete: »Sie sind in Not und schämen sich, zu ihrer eigenen Gemeinde zu gehen.«

Grundsätzlich werde jedes Mal geprüft, ob es staatliche Leistungen gebe beziehungsweise ob sie ausgeschöpft sind. Seestaller nannte Beispiele, in denen die Bürgerhilfsstelle tätig wurde. Bei einer Seniorin war in der Wohnung die Wasserleitung eingefroren, der Holzofen alt. Die Bürgerhilfsstelle besorgte einen Installateur und kaufte einen neuen Ofen. Bei einer Stromsperre, insbesondere wenn Kinder im Haushalt leben, könne geholfen werden – »aber nur einmal«.

Bei einer 90-jährigen Frau sei ebenfalls der Ofen defekt geworden. Auch in diesem Fall habe man schnell reagiert. Oft gehe es nur um »kleine Hilfen«, etwa zehn Euro für eine Medikamentenzuzahlung, ein bisschen Geld für einen Ausflug oder einen Konzertbesuch. Der Leiter der Hilfsstelle hob heraus: »Man braucht etwas zu Essen, ein Dach über dem Kopf, und es muss warm sein – aber immer unter der Prämisse, dass keine staatlichen Leistungen gezahlt werden.«

Winterschuhe oder Zeitung für Alleinstehende

Es kämen Menschen, die nur ein paar Schuhe für den Winter haben. Zurückgezogen lebende Alleinstehende hätten oft keine sozialen Kontakte. Abhilfe bringen könnten ein Fernseher oder eine Tageszeitung. Ein anderes Beispiel sei: »Es gibt Menschen, die erhalten keine Grundsicherung, weil sie ein paar Euro zu viel Rente haben. Wir unterstützen sie in bestimmten Bereichen, mal beim Strom, mal bei Medikamenten. Bei alleinstehenden Elternteilen mit Kindern steuern wir etwas bei zum Schulbedarf oder für Vereinsbeiträge.«

Ohne Netzwerkarbeit sei dies alles nicht möglich, konstatierte Florian Seestaller. Jede Organisation habe eigene Aufgaben und Ziele. Stiftungen wie zum Beispiel »Vergissmeinnicht Chiemgau« seien unentbehrlich. Der frühere Behindertensportler Martin Braxenthaler aus Traunstein habe im Fall eines behinderten Mannes, der ein spezielles Fahrzeug brauchte, mit Rat und Tat geholfen.

Den jährlichen Finanzbedarf der Bürgerhilfsstelle bezifferte Seestaller mit 60 000 Euro: »Jeder kann jederzeit spenden – beispielsweise für einen bestimmten Zweck oder auch pauschal.« Der Landrat ergänzte: »Wir haben viele Spender größerer Beträge. Aber auch jede kleine Spende ist willkommen.«

Es geht um Hilfe und Hilfe zur Selbsthilfe

Marianne Penn, Bündnis 90/Die Grünen, meinte: »Je niederschwelliger und unbürokratischer Hilfe ist, desto besser ist sie. Es geht um Hilfe, aber genauso um Hilfe zur Selbsthilfe.« Sie regte das Vernetzen der Bürgerhilfsstelle mit lokalen Einrichtungen an. Als »harte Nuss für manche Menschen« bezeichnete Dr. Thomas Graf, ÖDP, die Zuzahlungen für Arzneimittel. Das sei Sache der Krankenkassen, nicht des Landkreises, merkten der Landrat wie sein Stellvertreter Sepp Konhäuser, SPD, an.

Wenn die Rente ein bisschen über dem Mindestsatz liege, fallen Menschen aus allen Hilfen heraus, trug SPD-Kreisrätin Waltraud Wiesholler-Niederlöhner in der Diskussion bei. Hier gelte es zu helfen. Alfons Baumgartner, Bayernpartei, schnitt geplante Alten- und Pflegeheime in Übersee und Grabenstätt an und fragte, ob das bedarfsgerecht sei. Landrat Siegfried Walch entgegnete: »Der Landkreis mischt sich nicht ein. Das sind Entscheidungen der Gemeinden.« kd