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Wo Musik auf Architektur traf

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Die Sopranistin Rosemarie Kassis sang, begleitet von Veronika Vaja, Patrick Pföß und Timothy Blagrave, ausdrucksstarke Händel-Arien. (Foto: Mergenthal)

Inzell. »Himmel und Erde berühren sich« – diese Botschaft, die aus der zeitgenössischen Architektur der Christuskirche Inzell spricht, war für die Besucher einer Veranstaltung im Rahmen der Oberbayerischen Kulturtage sicher auf irgendeine Weise spürbar. Obwohl das Thema »Alte Musik versus Architektur der Moderne« durchaus anspruchsvoll klingt, hatte sich in den Rundbänken der Kirche eine stattliche Schar Interessierter versammelt.


Der Abend wurde unter Regie von Annelie Gromoll (Organisation) und Patrick Pföß (künstlerische Leitung) von der Evangelischen Kirchengemeinde und der Cajetan Adlgasser Sing- und Musikschule Inzell gestaltet. Wie Pfarrer Thomas Seitz in seiner theologischen Einführung verriet, war die Architektur der Christuskirche für ihn ein wichtiger Grund, sich für diese Stelle zu bewerben. Er erläuterte, wie hier zwei Grundformen in Dialog treten: zum einen der Kreis als Symbol aus der Natur, der für die Unendlichkeit und das Himmlische steht, zum anderen das Quadrat. Dieses sei von Menschen erdacht und geplant und vertrete das Irdische sowie das rechte Maß.

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Die Altarwand unter der Orgel war für diese Veranstaltung mit Bildern der Bewohner des Chiemgau-Stifts zu den Themen »Kirche – Christus – Ich« geschmückt. Seitz betonte, dass sie sonst ganz weiß ist, geziert nur von einem schlichten Holzkruzifix ohne Corpus: »Diese Kirche macht ernst mit der Bilderlosigkeit.«

Pföß warf die Frage auf, was die dargebotenen sechs Lieder aus den »Neun Deutschen Arien« von Georg Friedrich Händel mit so einem Raum zu tun haben: Einerseits seien dies die religiös-kirchlichen Themen, andererseits die Schlichtheit in Gestaltung und Besetzung. Jede der Sopranarien wird nur von einem Basso-Continuo-Instrument – hier der Orgel, gespielt von Timothy Blagrave – und von einem obligaten Solo-Instrument begleitet. Wechselweise übernahmen diesen Part Veronika Vajda an der Violine und Pföß an der Querflöte.

Zwischen die Wortbeiträge streuten die Musiker die Arien ein, gesungen mit anmutiger Stimme und Leichtigkeit in den Höhen von Rosemarie Kassis. Mit dem jeweiligen Instrument und der Orgel trat die Sopranistin in einen spannenden Dialog. Der Charakter der Arien war ganz unterschiedlich: So lud das Lied »Süße Stille, sanfte Quelle« mit der Flöte zur meditativen Versenkung ein, während die Stimmen von Sängerin und Violine bei »Singe Seele, Gott zum Preise« in freudigem Lobpreis ineinander schwangen.

Die Gedanken der wegen Krankheit verhinderten Reichenhaller Architektin Sandra Hilbig trug Annelie Gromoll vor. Mit der Lage der Christuskirche am Ende einer langen Sichtachse sei eine prägende städtebauliche Situation geschaffen worden. In den Entwurf einer modernen Kirche seien altbewährte Strukturen aufgenommen worden: So sei das Anwesen im Stil der klassischen Pfarranlage geordnet.

Ausschnitte aus der in der Epoche der Renaissance veröffentlichen »Einführung in die Künste der Architektur, Bildhauerei und Malerei« von Giorgio Vasari las die Rosenheimer Architektin Christine Degenhart. Gedanken Degenharts zum freundlichen Empfang dieser Kirche, auch für Menschen mit Handicap, und zum dominierenden indirekten Licht rundeten das dichte Programm ab. vm