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»Wir wollten ihn nicht töten«

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Mit Fäusten und Füßen haben die vier Männer auf den Bad Feilnbacher im Juli 2015 eingeschlagen.

Traunstein – Wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung an einem inzwischen 40-jährigen Einheimischen in Bad Feilnbach müssen sich seit gestern vier Männer im Alter von 21 bis 37 Jahren vor der Jugendkammer am Landgericht Traunstein verantworten.


Die Täter, alle Mitarbeiter einer Abrissfirma aus dem Osten Deutschlands, räumten die Vorwürfe von Staatsanwalt Dominik Rami gestern lediglich in minimalen Teilen ein. Alle beteuerten, sie hätten den Mann »nicht töten wollen«. Der 40-Jährige erlitt bei den Schlägen und Tritten in der Nacht auf den 12. Juli 2015 schwere Verletzungen.

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Opfer ist bis heute traumatisiert

Der Nebenkläger, dem Opferanwältin Manuela Denneborg aus Rosenheim zur Seite steht, ist bis heute traumatisiert und in psychologischer Behandlung. Er wird am kommenden Dienstag als Zeuge berichten, woran er sich aufgrund seiner Verletzungen überhaupt noch erinnern kann. Sieben Tage lang musste der Geschädigte damals stationär im Krankenhaus bleiben.

Ärzte hatten eine multiple Nasenbeinfraktur, eine Rissquetschwunde an einer Augenbraue, zahlreiche Blutergüsse im Kopfbereich, eine Verstauchung der Halswirbelsäule, eine Rippenprellung sowie mehrere Hautabschürfungen an Rücken und Armen festgestellt. Als einer der Täter den 40-Jährigen gestern um Verzeihung bat, nahm dieser die Entschuldigung nicht an: »Das kann ich derzeit leider nicht.« Für ihn sei die Tat »unentschuldbar«, sagte er an anderer Stelle.

Die Angeklagten gingen damals nach der Arbeit am Abend in eine Pizzeria und dann in ein Lokal an der Kufsteiner Straße. Angeblich wegen unterschiedlicher Meinungen hinsichtlich Fußballclubs soll es dort zwischen 2 und 4.30 Uhr zu einem Streit mit dem späteren Opfer und einem Schlag in dessen Gesicht gekommen sein. Der Wirt verwies die vier Männer aus der Gaststätte. Einer soll in Richtung des späteren Opfers gesagt haben: »Du kannst Dich glücklich schätzen, noch ein paar Minuten zu leben. Denn Du wirst Deines Lebens nicht mehr froh.«

Draußen warteten die Angeklagten zunächst. Als der 40-Jährige nicht erschien, machten sie sich auf den Weg in ihr Quartier. Gegen 4.45 Uhr entdeckten sie ihn in Begleitung einer Frau auf der Straße. Die Männer rannten auf die beiden zu, »um ihm eine Abreibung zu verpassen«, wie es in der Anklage heißt. Der darin geschilderte Tatablauf mit Schlägen und wuchtigen Tritten mit beschuhten Füßen, auch ins Gesicht des am Boden liegende Opfers, basiert auch auf den ersten Angaben der Täter vor Polizei und Ermittlungsrichter.

Diese früheren Aussagen schränkten die Angeklagten gestern erheblich ein – hinsichtlich des eigenen Handelns, aber auch der Tatbeiträge der anderen Männer. Einer hatte zum Beispiel zeitnah erklärt: »Geschlagen haben alle. Von uns allen bekam der Mann auch Tritte. Er lag am Boden. Er hat noch gelebt – ich hab ihn angefasst.« Davon wollte der 25-Jährige gestern nichts mehr wissen. Vorsitzender Richter Dr. Klaus Weidmann resignierte nach vielen ausweichenden Antworten aller Angeklagten: »Ich frag’ nichts mehr. Das ist mir zu dumm.«

Seine Begleiterin schrie um Hilfe

Die Begleiterin des 40-Jährigen schrie damals um Hilfe und wollte die Polizei anrufen. Das versuchte einer der Täter zu verhindern, indem er gegen die Zeugin vorging und ihr das Handy gewaltsam abnahm. Die anderen drei sollen den Bad Feilnbacher währenddessen weiter malträtiert haben. Als sich die Polizei gegen 4.55 Uhr mit Sirene und Blaulicht näherte, ergriff das Quartett die Flucht. Alle Tatverdächtigen wanderten binnen kurzer Zeit in Untersuchungshaft.

Am gestrigen Nachmittag hörte die Jugendkammer – sie ist zuständig, weil einer der Angeklagten zur Tatzeit noch »Heranwachsender« war – sechs Polizeizeugen an. Der Prozess wird kommenden Dienstag fortgesetzt. kd