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»Wir werden nicht vergessen, was Deutschland für uns getan hat«

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Grassau – Aufrüttelnde Fotos, erschreckende Videos und dazwischen Kunstwerke, so präsentiert sich die Ausstellung »Blickwinkel Zuflucht«, die im Tourismusgebäude montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 16.30 Uhr zu sehen ist.


Geschundene Menschen in langen Schlangen, ängstliche Kinderaugen, Väter, die ihre Kinder tragen, Mütter zerren ihren Nachwuchs hinter sich her, Barrieren verhindern das Weiterkommen, Aleppo als schöne Stadt und nun zerstört – die großformatigen Fotos machten viele Besucher sehr ergriffen.

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Dennoch ist die lange Flucht der Asylbewerber schwer nachzuvollziehen, welche Hürden sie nehmen mussten und wie sie oft das eigene und das Leben ihrer Liebsten riskieren mussten. Über ihre Flucht berichten Betroffene in kurzen Filmen. Zusammengestellt wurde die Ausstellung von Barbara Rennen, Stefan Kunz und dem syrischen Flüchtling Noumann Tayara, alle aus Pittenhart. Uta Grabmüller, Vorsitzende des Vereins »Integer« holte die Ausstellung nach Grassau.

Im Frühjahr 2016 wurde das Projekt mit Neubürgern aus dem Asylbewerberheim Pittenhart begonnen, erzählte Stefan Kunz bei der Eröffnung. Gezeigt wurde die Ausstellung bereits im Obinger Rathaus mit sehr großer Resonanz. Die Ausstellung solle Besucher anregen, den Blickwinkel zu ändern.

Erste Flüchtlingswelle schon vor 70 Jahren

Vor 70 Jahren gab es eine solche Flüchtlingswelle schon einmal. Auch damals standen viele vor zerstörten Häusern. Alles kam zum Erliegen, Lebensmittel werden knapp. In den Flüchtlingslagern starben Kinder an verseuchtem Wasser, viele flüchteten vor dem Brudermord.

Die nächste Ausstellung, so Kunz, könnte »Blickwinkel Zukunft« lauten und sich mit dem Thema »was erwartet Flüchtlinge hier« lauten. Für alles würden Papiere benötigt. Zum Glück gebe es Helferkreise. Die Flüchtlinge träumten vor allem von Sicherheit. »Asyl ist ein Menschenrecht und die Gesellschaft sollte sich hierzu verpflichtet fühlen«. Zur Abschiebung von Afghanen sagte er: »Da werden Kinder aus dem Unterricht und Kranke aus dem Krankenhaus geholt«. Er verwies auf die Petition im Internet.

Eindrucksvoll schilderte Noumann Tayara seine Flucht. Ausdrücklich dankte er der deutschen Regierung. Es sei beschämend, dass die reichen Golfstaaten keine Flüchtlinge aufnehmen. Einzige Hoffnung bleibe Europa, wo das Menschenrecht geachtet werde. Bis 2011 war Syrien ein stabiles Land mit hohem Bildungsniveau und viel Kultur. Nun seien 6,5 Millionen Syrer auf der Flucht. Viele riskierten ihr Leben bei der Überfahrt übers Mittelmeer.

»Glaubt ihr, dass wir froh sind, Familien, Freunde, Kultur verlassen zu müssen?«, fragte er. Der Bürgerkrieg habe alles zerstört. Zur Flucht bewege nicht das Geld, sondern die Hoffnung auf ein friedliches Leben. Er appellierte an alle: »Helft Krieg und Mord zu beenden und stoppt den Verkauf von Kriegswaffen. Wir werden nie vergessen, was Deutschland für uns getan hat! Und bitte habt keine Vorurteile«, schloss Noumann Tayara.

Grassauer Unterkunft gibt es seit über 30 Jahren

Über die Situation in Grassau informierte Uta Grabmüller. Die Gemeinschaftsunterkunft besteht seit über 30 Jahren. Unter den 145 Bewohnern haben 50 eine Bleibeperspektive. 94 Männer, 15 Frauen, 17 Mädchen und 19 Buben sind dort untergebracht. Sie stammen aus mindestens zehn Herkunftsländern, die meisten aus Nigeria (55), gefolgt von Afghanistan (21), Syrien (15) und dem Senegal (12). Es gebe kaum Integration.

Das Angebot von Hausverwaltung und Asylsozialberatung in Teilzeit werde von einem Helferkreis ergänzt. Auf 15 Asylbewerber komme aber nur ein Helfer. In anderen Unterkünften sei dieses Verhältnis bedeutend besser. Zudem seien sehr viele Familien mit kleinen Kindern da, die noch mehr auf Hilfe angewiesen sind.

Kleine Schritte zur Integration unternimmt der Verein »Integer«. Mittlerweile hat sich das Deutschlotsen-Projekt etabliert, wobei die einfache Verständigung im Alltag trainiert wird. Auch eine Selbsthilfe-Radgarage wurde eingerichtet und ein Gitarrenspielkreis für Flüchtlingskinder initiiert. Dies sei aber nur ein Anfang. Viele Fragen blieben offen. Grabmüller hofft, dass die Ausstellung zum Nachdenken anregt, den Blickwinkel öffnet und vielleicht zur Mithilfe anregt. tb