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»Wir waren alle gleich arm, da gab es keine Schnösel«

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Klassenfoto anno 2013: So sehen die Abiturienten des Gymnasiums mit Oberrealschule Traunstein (jetzt Chiemgau-Gymnasium) von 1953 heute aus. (Foto: Hohler)

»Bei dem Wetter waren wir im Schwimmbad und nicht beim Thusbaß, weil da hat's ein paar schöne Dirndln gegeben«, erinnert sich Willi Preinfalk an seine Schulzeit in Traunstein. Der Inzeller Heimatpfleger, pensionierte jahrzehntelange Kurdirektor und langjährige Gemeinderat, war es auch, der jetzt das Klassentreffen 60 Jahre nach dem Abitur am damaligen Gymnasium mit Oberrealschule in Traunstein organisierte. Wie schon damals als Klassensprecher ist ihm bis heute das Prädikat des Machers geblieben, getreu dem Motto: »Der Willi macht das schon.«


Und tatsächlich kamen im Brauereiausschank Schnitzlbaumer noch 17 der ehemals 24 Abiturienten zusammen – immerhin sind sie mittlerweile um die 80 Jahre alt und kamen zum Teil von weit her angereist.

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Kampf um den Regenwald im Kongo

Die weiteste Anreise dürfte der gebürtige Pettinger Josef Aicher gehabt haben: Er lebt heute als Missionar im Kongo und setzt sich dort bereits seit 40 Jahren für die Rettung des Regenwaldes in der Diözese Bokungu-Ikela ein. Zunächst mit Erfolg: »21 000 Quadratkilometer waren schon verkauft an einen großen Tabakhändler. Er hatte zwei Konzessionen. Er hätte 25 Jahre lang jeweils 25 000 Kubikmeter Holz einschlagen dürfen, da bleibt nimmer viel übrig. Das stand schon Spitz auf Knopf, die schweren Maschinen waren schon auf halbem Weg zu uns, als wir das Schlimmste in letzter Sekunde verhindern konnten«, berichtet er.

»Wir kämpfen aber bis heute um eine schriftliche Vereinbarung mit der Regierung.« Bei diesem Kampf könnte er dringend die Unterstützung der deutschen Regierung brauchen: »Ich hoffe sehr, dass ich Frau Merkel dafür gewinnen kann, sich für unsere Sache einzusetzen.«

Nicht ganz so weit war die Anreise für Henning Axt aus Wiesbaden, der in Frankfurt in der Finanzbranche arbeitete, zunächst als Wirtschaftsprüfer, dann im Kreditfach Ausfuhrkredite, unter anderem zuständig für die Strukturpolitik des Bundes. Der pensionierte Biologie-Lehrer Thomas Hartstang (»ich hab 35 Mal Abitur gemacht«) reiste aus dem pfälzischen Annweiler an, Professor Dr. Dr. Hans-Jürgen Klink aus Aachen. Drei Ehemalige sind bereits verstorben, die anderen konnten aus familiären Gründen nicht kommen.

Dass so Viele zum Klassentreffen kamen, ist lebendiger Beweis dafür, dass manche Freundschaften tatsächlich ein Leben lang halten können. »Josef Wimmer aus Weildorf hat 20 Jahre nach dem Abitur angefangen, diese Klassentreffen zu organisieren«, erklärt Preinfalk dazu. Ende der 70-er Jahre hat er die Organisation an Preinfalk übergeben. »Früher haben wir uns alle fünf Jahre getroffen, heute treffen wir uns alle drei Jahre.«

Selbstverständlich gehört dazu eine Messe, gehalten von einem aus den eigenen Reihen – immerhin wurden fünf Mitschüler Pfarrer, darunter einer evangelischer Pfarrer. Diesmal war es Helmut Kopp, der jahrelang Stadtpfarrer in Trostberg war.

»Wir waren übrigens die erste Klasse, die neun Jahre auf dem Gymnasium war«, sagt Preinfalk mit Blick auf die Debatte ums G 8. Manches an der Schulzeit war damals anders als heute, manches wird sich wohl nie ändern: »Was mir nicht eingefallen ist, ist ihm gewiss eingefallen«, erinnert sich Preinfalk an die gemeinsame Zeit mit dem früheren Banknachbarn Thomas Hartstang, der aus Siegsdorf stammte.

Vom rollenden Schulbus daheim abgesprungen

Ebenfalls aus der Heutau kam Otto Schwab, heute Professor Doktor. »Ich wohnte damals in der Heutau. Zur Schule kamen wir mit den Postautos, das waren rote Mercedes-Busse, aber die waren immer viel zu klein. Am Anfang mussten immer ein paar auf dem Dach mitfahren«, erinnert er sich. »Und weil der den Berg zur Hachau nie mehr raufgekommen wäre, wenn er angehalten hätte, hat er oft nur abgebremst und ich musste vom fahrenden Bus abspringen.« Unterm Strich bleibt aber eine schöne Erinnerung an diese Zeit. »Es war eine sehr schöne Zeit, sehr abenteuerlich.«

Unvergessen sind auch bis heute die Ski-Wochen auf der schuleigenen Dr.-Willi-Beeker-Hütte. Da gab es Holz-Kommandos, die das Brennholz für den Winter machten, und Hüttenwarte. »Das glaubt dir heute kein Mensch, dass wir uns damals immer drum gerissen haben, wer die Blechkübel vom Abort zur Nachbaralm rübertragen und ausleeren durfte«, sagt Thomas Hartstang. »Der Lehrer Dr. Karl Voit hatte nämlich irgendwie Beziehungen nach Amerika. Und für den Abort-Dienst gab es immer einen Cadbury-Schoko-Riegel, 50 Gramm.«

Mit Schoko-Riegeln waren die Schüler damals nicht verwöhnt. Das können sich heutige Jugendliche sicher ebenso wenig vorstellen wie ein Leben ohne Handy: »Wir waren damals froh, wenn der übernächste Nachbar ein Telefon hatte«, erinnert sich Preinfalk. Ein Privileg der Fahrschüler war es damals schon, in der Schule ein Studierzimmer zu haben, in dem man am Samstag bis abends Hausaufgaben machen und lernen konnte. »Daheim wohnte die fünfköpfige Familie ja sehr beengt, da war das super, nicht mit dem überfüllten Halb-zwei-Bus zu fahren, sondern erst um sechs, wenn die Aufgaben erledigt waren.«

Den guten Zusammenhalt bis heute erklärt Preinfalk so: »Ich glaube, die Grundlage unserer Freundschaft ist, dass wir alle gleich arm waren. Da gab's noch keine Schnösel. Vielleicht hat mal der eine mehr Wurst auf dem Brot gehabt als die anderen, aber das war's dann auch schon. Das hat uns irgendwie zusammengeschweißt.« Und Hartstang ergänzt: »Und wir sehen uns nicht so oft, das macht auch was aus.« coho