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»Wir sollten stolz auf unsere Sprache sein«

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Siegi Götze setzt sich seit vielen Jahrzehnten für den Erhalt der bairischen Sprache ein.

Er ist ein Kenner und Verfechter der Mundart – und er kämpft für das Überleben jedes einzelnen Wortes.


In der Serie »Boarisch gredt« waren es  genau  157 Begriffe,  die Siegi Götze vorgestellt und damit vor dem Vergessen bewahrt hat. Eins ist gewiss: Auch wenn unsere Serie jetzt nach drei Jahren endet, der Marquartsteiner wird sich weiterhin für den Erhalt der bairischen Sprache einsetzen.

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Mit dem Wort »wax«, dem alten bairischen Begriff für »spitz«, hat alles angefangen vor drei Jahren. Kurz zuvor war in der Redaktion des Traunsteiner Tagblatts die Idee für eine Mundart-Serie geboren worden. Gleich war auch der Gedanke da, Siegi Götze mit ins Boot zu holen – und der war sofort begeistert, schließlich ist ihm die Mundart von Kindesbeinen an ein Anliegen.

»Mein Großvater hat mich auf diese Mundart-Reise geschickt«, erinnert sich der 70-Jährige. »Er war meine Leitfigur.« Der Oberschweizer aus Raiten hatte »keinen aufgeblähten, aber einen gesunden Stolz auf den Dialekt«, erinnert sich Siegi Götze an seinen Großvater Ludwig Schlagbauer. Viele sahen das damals aber anders: »Wer Bairisch spricht, ist dumm«, war eine gängige Sicht. »Red' doch g'scheid Deutsch«, habe es dann geheißen. Das habe die Menschen dazu gebracht, sich mit ihrem Dialekt zu verstecken.

Sprache als wichtigstes Kulturgut überhaupt

Siegi Götze erzählt von einem negativen »Schlüsselerlebnis«, das er als Schulbub hatte: »Ich hatte schon als Kind Kontakt zu Feriengästen. Mir ist aufgefallen, dass die Erwachsenen sich sprachlich verleugnet haben, wenn sie mit den Urlaubern gesprochen haben«, erinnert er sich. Dieses Verhalten hat ihn tief geprägt – und wohl eine andere Sicht in ihm reifen lassen.

»Sprache ist das wichtigste Kulturgut überhaupt«, sagt Siegi Götze und bringt dazu ein Zitat aus einer Trachtenchronik: »Wer seine Mundart aufgibt, der gibt sein Stimmrecht unter den Völkern auf und macht sich zu einem stummen Darsteller auf der Weltbühne.« Im Museum, sagt Götze, könne man Münzen und Pfeilspitzen bewundern. »Aber wie man zu den jeweiligen Zeiten, aus denen die Dinge stammen, gesprochen hat, das weiß man fast nicht mehr.«

Er selbst hat es sich darum auf die Fahne geschrieben, für den Fortbestand der Mundart zu kämpfen. Denn er ist tief davon überzeugt: »Es stimmt nicht, was man uns eingeredet hat.« – »Wieso sollte einer, der Bairisch spricht, dümmer sein als einer, der Französisch spricht?«, fragt Götze zu Recht und fügt hinzu: »Wir sollten stolz auf unsere Sprache sein.«

Er selbst ist das seit jeher. Das kurze und knappe Leitmotiv, das ihn antreibt, ist von Professor Josef Hofmiller: »Altbairisch ist fein.« Und das beinhaltet für Siegi Götze auch, dass die Vorstellung, dass der bairische Dialekt vorwiegend von Schimpfwörtern und Flüchen geprägt sei, falsch ist. »Das Bairische ist nie krachert und gschert«, sagt der Experte.

Sein Einsatz für die Mundart ist alles andere als unentdeckt geblieben: Sie hat ihm unter anderem die Bezirksmedaille für Kultur- und Heimatpflege und einen Platz in der Wörterbuchkommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften eingebracht.

Die Serie »Boarisch gredt« im Traunsteiner Tagblatt war ihm eine Herzensangelegenheit. »Ich wollte, dass die Menschen miteinander über die Begriffe reden, ob im Freundeskreis, bei der Arbeit oder im Wirtshaus.« Oft habe er auch erleben können, dass die Leute anfingen, urplötzlich in ihrem Wortschatz zu kramen. »Was hat die Oma da gleich immer wieder gesagt...?«, hätten sie sich gefragt. Und genau das habe er auch im Sinn gehabt: Dass die Großeltern wieder von früher zu erzählen – und damit auch die Wörter ihrer Kindheit wieder lebendig werden lassen.

Darüber hinaus war es Siegi Götze auch wichtig aufzuzeigen, wo die Wörter herkommen und wo sie heute noch gebräuchlich sind. »Wer das weiß, der entwickelt auch Wertschätzung. Und wenn mir die Worte wichtig sind, dann kämpfe ich darum«, ist er überzeugt.

Oft seien in den vergangenen drei Jahren Menschen auf ihn zugekommen und hätten ihn gefragt, ob er dieses oder jenes Wort kenne. »Oft musste ich Nein sagen«, erinnert sich der Mundartkenner. Oft seien es aber Begriffe gewesen, die lokal begrenzt oder berufsspezifisch gebraucht worden seien. Er selbst richtet sich nach den Standardwerken für die bairische Sprache, allen voran Johann Andreas Schmellers »Bayerischem Wörterbuch«.

Freundschaft mit über 90-jähriger Traunsteinerin

»Ich habe mir die Wörterbücher noch nie so intensiv angeschaut wie in dieser Zeit«, erzählt Siegi Götze. »Mir hat das tierisch Spaß gemacht.« Und es hat ihm auch eine Freundschaft mit einer über 90-jährigen Traunsteinerin eingebracht. »Frau Laub hat mich immer mal wieder angerufen und mir den ein oder anderen Ausdruck nahegebracht«, erzählt er. Das habe auch seinen Wortschaft bereichert.

Siegi Götzes Einsatz für die Mundart wird auch nach dem Ende von »Boarisch gredt« weitergehen. Gerade organisiert er die Veranstaltung »Bald hinum – bald herum« mit Mundartdichtern aus Bayern und Salzburg, die am kommenden Freitag um 19 Uhr im Ökonomiegebäude von Schloss Grabenstätt stattfinden wird. Die Mundartreihe hat er zusammen mit Max Faistauer aus St. Martin bei Lofer aus der Taufe gehoben. Diesmal wird Götze auch eigene Texte vorstellen.

Bei »Boarisch gredt« verabschiedet sich Siegi Götze mit »Pfüat di, Pfüat euch, Pfüat enk« (siehe Kasten). Die Zukunft sieht er optimistisch: »Ich glaube nicht, dass das Bairische aussterben wird.«

Drei Jahre lang hat sich Siegi Götze Woche für Woche für die Leser des Traunsteiner Tagblatts an seinen Schreibtisch gesetzt, hat in bairischen Wörterbüchern geblättert und Begriffe herausgesucht, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Er hat nachgeschlagen, wo sie herkommen und geschaut, wo sie heute noch gebräuchlich sind. So waren seine Abhandlungen nie nur trockene Lexikoneinträge, sondern immer ganz nah am Alltag der Menschen – und meist noch gewürzt mit der unverkennbar humorigen Note des Marquartsteiners. Die Arbeit für unser »Boarisch gredt« war oftmals zeitintensiv, aber sie lag Siegi Götze am Herzen.

Die Redaktion will ihm zum Schluss Danke sagen für seinen Einsatz. Siegi Götze ist ein Mensch, für den es das Wort »nein« nicht zu geben scheint. Egal, mit was für Ideen wir an ihn herantreten. Egal, wie viel Arbeit auf ihn zukommt. Er sagt immer »ja«. Mehr noch: Er bringt immer Eigenes mit ein, entwickelte Ideen weiter und macht oft mehr daraus, als ursprünglich geplant. Beim »Boarisch gredt« hatte die Redaktion anfangs nur an eine Serie gedacht, die über ein paar Wochen gehen sollte. Siegi Götze ist es zu verdanken, dass daraus schlussendlich drei Jahre mit 157 Begriffen wurden.

Uns bleibt zum Schluss nur noch eins zu sagen: »Vergelt's Gott, Siegi Götze!« san

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