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»Wir leben noch auf einer Insel der Glückseligkeit«

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Forstoberrat Wolfgang Madl hat Borkenkäfer sammeln lassen, um bildlich zeigen zu können, wie rasend schnell sich der Schädling vermehrt. Ein einziges Borkenkäferpaar hat in der ersten Generation 60 Nachkommen, in der zweiten 1800 und in der dritten bereits 54 000 – und das nur in der direkten Linie. (Foto: Schwaiger-Pöllner)

»Es ist schon fast verdächtig ruhig«, sagt Wolfgang Madl, Abteilungsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein über die Borkenkäfersaison. Wer das im Internet veröffentlichte Borkenkäfer-Monitoring der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft studiert, der weiß, was der Forstoberrat meint: In weiten Teilen Bayerns herrscht die Gefahrenstufe rot, in fast ganz Niederbayern sowie in Teilen Oberbayerns, der Oberpfalz, Mittel- und Unterfrankens droht akuter Befall. Und bei uns? Das Berchtesgadener Land und der südliche Chiemgau sind die einzigen »grünen Flecken« in Bayern, also Gebiete ohne Gefahrenstufe. Und im nördlichen Landkreis Traunstein ist nur Gefahrenstufe gelb, also die niedrigste Warnstufe, aktiviert.


»Wir leben noch auf einer Insel der Glückseligkeit«, sagt Madl. Warum das so ist, dafür sieht er vor allem zwei Gründe. Zum einen hat es im Berchtesgadener Land und im Chiemgau heuer im Bayernvergleich noch am meisten geregnet, die Fichten sind also nicht so sehr von der Trockenheit »gestresst« wie in anderen Regionen und damit widerstandsfähiger. »Doch das Klima alleine ist es nicht«, ist der Forstoberrat überzeugt – und hat ein Lob für die rund 15 000 heimischen Waldbesitzer parat. »Sie wissen inzwischen, wie sie mit dem Borkenkäfer umgehen müssen.« Der überschaubare Befall sei damit auch Folge einer »sauberen Waldwirtschaft«.

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Ein Waldbauer kann nicht verhindern, dass der Borkenkäfer seine Fichten befällt. Aber er kann die Ausbreitung des Schädlings eindämmen, indem er befallene Bäume so schnell wie möglich fällt und aus dem Wald hinausbringt. Das einzige wirksame Instrument, um befallene Fichten schnellstmöglich zu entdecken, ist die sogenannte Bohrmehlsuche. Wenn sich die Borkenkäfer in die Rinde einer Fichte bohren, dann hinterlassen sie dabei Spuren: Braunes Bohrmehl rieselt auf den Fuß des Stammes. Die Waldbauern müssen darum Stamm für Stamm begutachten. »Das ist eine Fleißaufgabe«, weiß Madl, »aber die können wir den Waldbesitzern nicht ersparen.« Andernfalls droht Ärger mit dem Amt. Wer befallene Fichten auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht fällt, dem schickt die Behörde einen Fälltrupp in den Wald – und hinterher die Rechnung plus einer Bearbeitungsgebühr.

Was die Bohrmehlsuche betrifft, sind die Waldbesitzer gerade jetzt wieder gefordert, denn die zweite Borkenkäfergeneration schwärmt gerade aus. »Jetzt müssen die Waldbauern raus in den Wald«, betont der Forstoberrat mit Nachdruck. Und angesichts der großen Hitze reiche es auch nicht mehr aus, nur die Waldränder abzusuchen. »Die Borkenkäfergeneration, die jetzt am Start ist, sucht die kühleren Lagen im Inneren des Waldes.«

Wirtschaftlichen Schaden begrenzen

Auch wenn es jetzt wichtig ist, den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, sieht Wolfgang Madl für die langfristige Zukunft der Fichte in unseren Gefilden schwarz. »Die Fichte wird bei uns auf Dauer verschwinden«, glaubt der Experte. Prognosen gingen von einem Temperaturanstieg von zwei Grad in den nächsten 100 Jahren aus. »Dann herrscht bei uns ein Klima, das mit dem in Italien oder Griechenland vergleichbar ist.« Für die auf Kälte spezialisierte Fichte, die bei uns vor allem so weit verbreitet ist, weil sie so schnell wächst, sei das zu warm und zu trocken.

Um das wirtschaftliche Risiko zu minimieren, müssten die Waldbauern auf andere Baumarten setzen, versuchen, weg von der Monokultur hin zu einem Mischbestand zu kommen. »Eiche und Tanne sind sehr wärmerobust, und auch Ahorn und Douglasie«, zählt Madl auf. Auch die ursprünglich in Italien beheimatete Esskastanie rücke mehr und mehr ins Blickfeld der heimischen Waldexperten.

»300 000 Käfer in der dritten Generation«

Die Bekämpfung des Borkenkäfers ist damit zu einem gewissen Grad auch eine Sisyphusarbeit, zumal sich der Schädling rasend schnell vermehrt. Ein einziges Borkenkäferpaar hat in der ersten Generation 60 Nachkommen, in der zweiten 1800 und in der dritten bereits 54 000 – und das nur in der direkten Linie. »Wenn man die Geschwisterbruten mitrechnet, dann sind es in der dritten Generation 300 000 Käfer«, erklärt Madl. Und in einem heißen Jahr wie heuer müsse man auch durchaus noch damit rechnen, dass die dritte Generation ausschwärme. Der Forstoberrat rechnet weiter vor: »Auf einer Fichte haben ungefähr 1800 Käfer Platz – und die Hälfte reicht schon, um den Baum zum Absterben zu bringen.«

Die Waldbesitzervereinigungen im Dienstbereich des Amts für Ernährung und Landwirtschaft in Traunstein werden auch heuer wieder Kurse anbieten, in denen sie die Bohrmehlsuche erklären. Weitere Informationen dazu gibt es bei der Waldbesitzervereinigung Traunstein unter Telefon 0861/20 99 738. san