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»Wir hatten heuer eine Bombensaison«

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Mit seinen 27 Jahren ist Michael Heubl der jüngste Kapitän der Chiemsee-Schifffahrt. (Fotos: Schwaiger-Pöllner)
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Der Raddampfer »Ludwig Feßler« ist nicht nur das älteste, sondern auch das größte Schiff der Flotte.
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Ein fast leeres Schiff? Das hatte in dieser Saison Seltenheitswert. Fast immer spielte das Wetter mit.

Ein Kapitän der Chiemsee-Schifffahrt braucht starke Nerven. Von mechanischen Herausforderungen bis zu kollabierenden Fahrgästen, von Seglern, die einem den Weg versperren, bis zu Nebel, der einem die Sicht bis auf wenige Meter einschränkt – »es kann wirklich jeden Tag was sein«, sagt Michael Heubl. Mit seinen 27 Jahren ist der Rimstinger nicht nur der jüngste Chiemsee-Kapitän, er ist auch Stammkapitän auf dem Flaggschiff, dem Raddampfer »Ludwig Feßler«. Aus der Ruhe bringt ihn nur noch wenig.


Das ist freilich nicht von Anfang an so gewesen. Als er mit 17 Jahren, gleich nach seiner Ausbildung zum Maler und Lackierer, zur Chiemsee-Schifffahrt wechselte und als Matrose anfing, habe ihm schon starker Wellengang zugesetzt. »Da bin ich dann am Abend im Bett gelegen und es hat weitergeschaukelt«, erinnert er sich schmunzelnd. Inzwischen merkt er das Geschaukel gar nicht mehr. Was auch gut ist, denn: »Wir fahren bei jedem Wetter raus.« Also auch bei Gewitter oder eben bei Nebel. Passiert ist bisher nie etwas.

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Doch schlechtem Wetter sahen sich die Chiemsee-Kapitäne heuer nur selten ausgesetzt. »Seit Anfang April ist es fast immer schön gewesen«, sagt Michael Heubl. »Wir hatten heuer eine Bombensaison.« Gerade in den Sommermonaten muss der Kapitän darauf achten, dass nicht zu viele Leute aufs Schiff drängen. Wenn die Menschenschlange richtig lang ist, dann steht er mit der Zähluhr auf der Brücke. Doch er gibt zu, dass der »Ludwig« gar nicht so leicht zu überladen sei. Wenn 675 Menschen an Bord seien, dann stünden sowieso schon alle dicht an dicht.

Der Raddampfer ist das größte und älteste Schiff der Chiemsee-Flotte. 1926 ist es in Dienst gestellt worden, bis 1973 lief es mit Dampf, seither fährt es mit Diesel-Hydraulik-Antrieb. »Das Schiff hält noch 100 Jahre«, ist sich Michael Heubl sicher. Er selbst und seine Besatzungskollegen tun zumindest einiges dafür. »Wir schmieren zum Beispiel jeden Tag das Schaufelrad des Dampfers.« Alle fünf Jahre überprüft der TÜV die Boote der Chiemsee-Schifffahrt.

Um Reparaturen und die Instandhaltung kümmert sich die Besatzung in Eigenregie. Da kommt es schon mal vor, dass der Kapitän über Bord geht, wie Michael Heubl lachend erzählt. Erst vorige Woche habe einer seiner Kollegen in den Chiemsee springen müssen. Die »Seekuh« des Wasserwirtschaftsamts Traunstein hatte Unterwasserpflanzen gemäht. Der Seefilter des Schiffs saugte daraufhin so viele Pflanzen an, dass er verstopfte und in der Folge der Motor heiß lief. Die Fahrgäste durften auf dem See in ein anderes Schiff umsteigen – der Kapitän musste ins Wasser. »Er reinigte den Filter – und dann ging es auch wieder weiter.«

Vom Blaumann in die Uniform

Ein Kapitän auf einem Chiemsee-Schiff darf ohnehin nicht zimperlich sein. In den Sommermonaten beginnt der zehn- bis zwölfstündige Arbeitstag der Besatzung in der Regel eineinhalb Stunden vor der ersten Fahrt mit Putzen. Obwohl es auch zusätzlich eine Putzfrau gibt, müssen Kapitän, Kassier und Matrose auch Fenster und Freideck putzen, die Trinkwassertanks auffüllen, Mülleimer und Bordtoilette leeren. Meist zieht der Kapitän erst kurz vor dem Ablegen des Schiffs seinen Blaumann aus und die Uniform an.

Michael Heubl hat vor zehn Jahren als Matrose begonnen, das Schiff an- und abgehängt und die Fahrkarten kontrolliert. Später war er Kassier. Vor drei Jahren machte er seinen Binnensee-Schifffahrtsschein und ist seither Kapitän. Zuvor hatte sich der Rimstinger, dessen Vater ebenfalls Chiemsee-Kapitän ist, ein Jahr lang auf die Prüfung vorbereitet – und das war auch gut so, denn: »Es dauert ungefähr ein Jahr, bis man sich nichts mehr dabei denkt, so ein großes Schiff wie den 'Ludwig' zu fahren.« Über das Steuern eines Raddampfers sagt er: »Den fährt man eigentlich wie einen Bagger.«

Am schwierigsten sei das Navigieren bei Nebel. Wenn Michael Heubl den Steg nicht mehr sehen kann, dann muss er das Schiff mit Hilfe von Radar und Seekarte steuern. »Da gibt es schon Momente, in denen du mit zittrigen Knien heroben stehst«, gesteht er. Darum sei es auch unerlässlich, sich auf die Kollegen verlassen zu können. »Ohne die unten bin ich heroben der Depp«, gibt Michael Heubl unumwunden zu. Wenn zum Beispiel der Wind das Schiff vom Steg wegdrücke. »Dann ist es wichtig, dass der Matrose das Seil gut wirft.«

Höchste Konzentration ist aber gerade auch in den Sommermonaten gefragt, wenn sich zahlreiche Wassersportler auf dem Chiemsee tummeln. »Die Segler und Stand-Up-Paddler werden immer mehr und immer rücksichtsloser«, findet Michael Heubl. »Und heuer war es auch extrem mit Schwimmern.« Gerade zwischen Frauen- und Krautinsel werde es regelmäßig eng.

Erst vorletzten Sonntag sei er deswegen in eine gefährliche Situation geraten. »Da fuhr ein Stand-up-Paddler voll in meine Richtung«, erinnert sich der Chiemsee-Kapitän. Er habe erst einmal gehupt, dann ein zweites Mal. Da der Mann auf Kurs blieb, habe er mit dem »Ludwig« eine Vollbremsung machen müssen. »Der Mann hatte sogar noch einen kleinen Buben auf dem Brett«, schüttelt der 27-Jährige den Kopf.

Erste Hilfe für Fahrgäste

Michael Heubl muss aber nicht nur auf die Menschen im Wasser achtgeben, sondern er trägt auch Verantwortung für die Fahrgäste, die während der Fahrt gesundheitliche Hilfe brauchen. »Gestern erst hatte auf der 'Irmingard' eine Frau einen Schlaganfall, und vor drei Wochen ist ein Mann auf dem Dampfersteg auf der Herreninsel an einem Herzinfarkt gestorben«, erzählt der Chiemsee-Kapitän. Um in solchen Fällen adäquat helfen und richtige Entscheidungen treffen zu können, müssen er und seine Kollegen jedes Jahr einen großen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren.

Bei dem vielen Trubel in den vergangenen Monaten freut sich Michael Heubl schon wieder auf die ruhigeren Wintermonate, wenn er und seine Kollegen den Chiemsee-Schiffen in der großen Bootshalle in Prien-Stock zum Beispiel einen neuen Anstrich verleihen oder neue Böden verlegen. Die Chiemsee-Flotte besteht aus 13 Schiffen, die Ludwig Feßler KG beschäftigt rund 70 Leute.

»Und im Frühjahr, da ist es dann wieder schön, rauszukommen aus der Werkstatt«, sagt Michael Heubl. Die große Rundfahrt, die hinüber nach Chieming und Seebruck führe, das sei seine Lieblingstour. Der Wind lässt die Wellen am Westufer manchmal auf einen Meter anwachsen; da kann es vorkommen, dass die Schiffe das ein oder andere Mal nicht anlegen können. Aber Michael Heubl bringt das schon lange nicht mehr aus der Ruhe. san