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Willy Brandt im Spiegel der Karikatur

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Eine Ausstellung mit Karikaturen über Willy Brandt wird am heutigen Freitag im Kulturzentrum eröffnet. Als Regierender Bürgermeister von Berlin und SPD-Kanzlerkandidat wurde er am 10. August 1965 auf dem Stadtplatz in Traunstein tätlich angegriffen.

Traunstein. Im Kulturzentrum am Stadtpark wird am heutigen Freitag um 19 Uhr eine Ausstellung mit Karikaturen über den früheren Bundeskanzler Willy Brandt eröffnet (siehe auch Seite 21). Dabei berichtet Brandts langjähriger Büroleiter Klaus Henning Rosen über das Leben des Friedensnobelpreisträgers. Musikalisch begleitet wird der Abend von den »Chiemsee-Dixies«.


Die Ausstellung ist ab Montag bis 10. Mai von Montag bis Donnerstag täglich von 9 bis 16.30 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Sie ist eine liebevolle Erinnerung an einen der bedeutendsten Sozialdemokraten in der 150-jährigen Geschichte der SPD. Organisiert haben sie der SPD-Ortsverein Traunstein und Bundestagsabgeordnete Bärbel Kofler.

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Brandt selbst hatte sicher nicht die besten Erinnerungen an Traunstein. Grund ist ein Vorfall, der mehr als 47 Jahre zurückliegt. Bei einer Wahlkampfveranstaltung wollte ihm ein Besucher an den Kragen und konnte erst im letzten Moment von zwei Kriminalbeamten zurückgehalten werden. Es war der 10. August 1965. Eine große Menschenmenge wollte auf dem Stadtplatz die Wahlkampfrede des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten hören. SPD-Landrat Sepp Kiene hatte den aus Wolfratshausen kommenden Regierenden Bürgermeister von Berlin an der Landkreisgrenze empfangen.

Unsere Zeitung berichtete am Tag darauf auf Seite 1: »Kaum hatte Brandt die Rednerbühne betreten – die Begrüßung war eben vorbei, darunter die des Oberbürgermeisters Steger an den Berliner Kollegen – und zu sprechen begonnen, da stürzte sich bei den Worten Brandts 'Berlin grüßt Traunstein, der schwerkranke Kaufmann Willi Manderle, der gebürtiger Berliner sein soll, wie wild auf den Redner und versuchte ihn am Halse zu packen. Unter lauten Protestschreien der entsetzten Versammlung – es waren schätzungsweise 2000 Menschen am Stadtplatz versammelt – wurde der Angreifer sofort von der Umgebung Brandts gepackt und der Polizei übergeben, die ihn vorübergehend in Haft nahm.«

Die Heimatzeitung kommentierte im gleichen Bericht: »Die Bürgerschaft Traunsteins – gleich welchen politischen Lagers – muß den Zwischenfall nur außerordentlich bedauern. Solche Dinge entsprechen keinesfalls dem Stil der in Traunstein und im Chiemgau üblichen Wahlkampfmethoden.«

Wenn heute die Ausstellung im Kulturzentrum eröffnet wird, werden nicht mehr viele unter den Gästen sein, die den Vorfall erlebt haben. Einer von ihnen ist Altoberbürgermeister Fritz Stahl. Er war damals ein junger Mann, der wenige Wochen zuvor der SPD beigetreten war. Stahl wurde später der Nachfolger des Nachfolgers des seinerzeitigen Traunsteiner Oberbürgermeisters Wilhelm Steger. In einem Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt berichtete er dieser Tage, er erinnere sich noch gut an das Getümmel auf der Bühne und den Angriff auf Brandt. -K.O.-