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Wie Mia, Bacira und Kenn fliegen und retten lernen

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Damit sich die Bergwachthunde an den tosenden Lärm gewöhnen, konfrontiert man sie schon ganz jung mit dem »Stressfaktor Hubschrauber«. (Foto: Leitner)

Im Leben von Mia, Bacira und Kenn ist es das erste große, spannende Winter-Abenteuer am Berg: Die erst neun Monate alte Australian-Shepherd-Hündin und die beiden einjährigen Schäferhunde sind die Frischlinge beim einwöchigen Winterkurs der Bergwacht-Lawinen- und Suchhundestaffel Chiemgau gewesen, die traditionell auf dem Hochplateau der Reiter Alpe ungestört und abgeschottet von der Außenwelt die Suche nach verschütteten Wintersportlern trainiert hat.


Ihre Herrchen, die Bergwachtmänner Thomas Küblbeck aus Marktschellenberg, Achim Tegethoff aus Marquartstein und Hannes Jahrstorfer aus Bad Reichenhall, sind seit Jahrzehnten dabei und erfahrene, alte Hasen, doch die Junghunde stehen ganz am Anfang und gehören Schritt für Schritt auf ihren zukünftigen Job vorbereitet. Dass es dabei um Leben und Tod geht und jede Minute zählt, ahnen die Vierbeiner nicht, denn für sie ist die Suche nur ein triebgesteuertes Spiel. Erst nach rund drei Jahren, vielen Geduldsproben und Hunderten Übungsstunden sind sie umfassend einsetzbar.

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Die vierjährige Chica hat das alles hinter sich. Der Marktschellenberger Bereitschaftsleiter und Hundeführer Martin Wagner gibt nur Handzeichen und die voll ausgebildete C-Hündin folgt wie an einer unsichtbaren Leine geführt und steuert schnurstracks auf ein Schneeloch zu. Sie schnüffelt und fängt an zu graben. »Gut gemacht, Chica!«

Schneearmer Winter täuscht Sicherheit vor

Im gesamten Alpenraum sterben jährlich rund 120 Menschen nach Lawinenverschüttung. Die Tendenz ist aufgrund immer größerer Risikobereitschaft steigend; der aktuell schneearme Winter tut sein Übriges und gaukelt vielen Wintersportlern eine vermeintlich komplette Gefahrenfreiheit vor. »Die Leute trauen sich mehr, was aber ein tödlicher Trugschluss sein kann, da die Lawinengefahr nicht nur von der Schneemenge, sondern vor allem auch von Gelände, Wind und Temperatur abhängt«, weiß Hundeausbilder Helmut Lutz. Bei den Bergwachtkursen auf der Reiter Alpe sind von Beginn an immer auch die Alpinhunde der Bayerischen Polizei mit dabei, die dort ihren Lawinenlehrgang absolvieren. »Wir Bergwacht-Hundeführer profitieren von den Erfahrungen der Alpinbeamten«, lobt Hundeführer Hannes Jahrstorfer. Auf der Reiter Alpe ist heute Flugtag. Der Polizeihubschrauber »Edelweiß 7« ist mit einer 50-Meter-Rettungswinde ausgestattet, die bis zu 230 Kilo in einem Aufzug meistern kann – in der Praxis sind das ein Retter mit Ausrüstung, ein Patient und bei Lawineneinsätzen auch ein Hund im Fluggeschirr.

Bei einem Alarm im Ernstfall passiert alles innerhalb weniger Minuten: Melden über Funk bei der Leitstelle, komplette Schutz- und Sicherheitsausrüstung anziehen und einpacken und geeigneten Landeplatz suchen. Der erste Hubschrauber holt das Suchhundeteam auf dem Anflug zum Lawinenkegel zu Hause, unterwegs oder am Arbeitsplatz ab; der Hund, die sperrigen Skier und Gepäck müssen in die Maschine, wobei das Ein- und Aussteigen gerade bei Windeneinsätzen nicht unproblematisch ist. Die Hunde tragen in der Maschine deshalb alle einen Maulkorb – für den Fall, dass sie Panik bekommen.

Damit sich die Vierbeiner an das tosende Ungetüm gewöhnen und bei Einsätzen nicht zappeln, flüchten oder gar wild herumspringen, konfrontiert man schon Junghunde wie Mia, Bacira und Kenn bei Gewöhnungsflügen mit dem »Stressfaktor Hubschrauber«: Ein- und Aussteigen bei laufendem Rotor und Absetzen mit der Rettungswinde im Gelände stehen auf dem Programm. »Entgegen aller Erwartungen sind viele Hunde ganz brav, lassen sich in die Maschine heben oder springen sogar selbst hinein. Irgendwann weiß der Hund dann, dass wenn der Hubschrauber kommt, gleich sein Suchspiel losgeht und er gefordert wird; das liebt er«, berichtet Staffelleiter Stefan Strecker.

Ein Hund ersetzt 20 Mann

Ein Lawinenhund ersetzt bei der Suche nach Verschütteten und Vermissten 20 Bergwachtleute und sein Geruchsvermögen ist rund 50 Mal besser wie das des Menschen: Nach wie vor ist der Einsatz von Hunden die effektivste Methode, um Lawinenopfer schnell und effektiv aufzuspüren. Auf der Lawine verweist der Hund durch Scharren im Schnee, bei der Flächensuche im Sommer zeigt er dem Hundeführer an, dass er etwas gewittert hat, indem er zurückkommt und sein Bringsel, das er immer um den Hals trägt, ins Maul nimmt.

Die Ausbildung der Hunde ist nicht nur zeitintensiv, sie ist auch nicht immer von Erfolg gekrönt; nicht jedes Tier ist geeignet und frühestens nach drei Jahren sind Hund und Herrchen fit genug für echte Einsätze – fünf Jahre später fallen die ersten Tiere bereits alters- und gesundheitsbedingt wieder aus. Viel Arbeit und Aufwand für eine kurze Zeit, in der der Vierbeiner nur mit viel Glück einen Verschütteten oder Vermissten lebend findet.

»Sommer wie Winter müssen wir oft riesige Gebiete absuchen, wenn am Berg jemand vermisst wird und haben meist keine genaueren Angaben, um das infrage kommende Gebiet genauer einzugrenzen. Dabei vergehen für verletzte und unterkühlte Patienten wertvolle Stunden«, berichtet Strecker. Seit einigen Jahren werden deshalb bei Bedarf von den Hunden auch GPS-Empfänger getragen, die die zurückgelegte Wegstrecke permanent aufzeichnen. Strecker: »Kreuzen sich die Linien am Bildschirm, läuft der Hund also mehrmals über dieselbe Stelle, hat er mit großer Wahrscheinlichkeit die Witterung des Vermissten aufgenommen – den entsprechenden Teilabschnitt suchen wir dann nochmals genauer ab.« Auf der Lawine trägt der Hund in Geschirrtaschen ein auf Suchen eingestelltes LVS-Gerät bei sich.

Aktuell gehören elf Suchhunde-Teams mit sieben voll ausgebildeten C-Hunden, zwei A-Hunden und zwei Junghunden zur Staffel, die rund um die Uhr einsatzbereit ist. »Immer wieder rufen Hundebesitzer bei uns im Büro an, die mit ihrem Vierbeiner etwas Sinnvolles machen wollen. Das ist gut gemeint, aber nicht so einfach«, weiß Regionalgeschäftsführer Ludwig Lang. Denn Lawinenhundeführer kann nur werden, wer die komplette, anspruchsvolle Bergwacht-Grundausbildung durchlaufen hat. Nicht ohne Grund, denn ein Lawineneinsatz ist – bedingt durch Gelände, Zeitdruck und mögliche Nachlawinen – mitunter das Schwierigste und Gefährlichste, was der Bergwachtdienst zu bieten hat. ml