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Wie lange spielte der Fahrdienstleiter mit dem Handy?

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Traunstein – Bei der juristischen Aufarbeitung des schrecklichen Zugunglücks vom Faschingsdienstag, 9. Februar, in Bad Aibling, bei dem zwölf Menschen starben und 89 zum Teil schwer verletzt wurden, lautet eine Kernfrage: Wie lange genau spielte der 40-jährige Fahrdienstleiter im Stellwerk Bad Aibling das Online-Computerspiel »Dungeon Hunter 5« auf seinem Smartphone?


Dazu hört die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein in dem am 10. November beginnenden, siebentägigen Prozess auch einen Zeugen aus dem Ausland an. Denn der Server, über den das Spiel läuft, steht in Rumänien. Laut Anklage soll der Bahnmitarbeiter von etwa nach 5.10 Uhr bis 6.45 Uhr im Netz gewesen sein. Die beiden Personenzüge kollidierten auf der eingleisigen Strecke um 6.47 Uhr. Die Hauptverhandlung wird am 14., 21. und 28. November sowie am 1., 2. und 5. Dezember, jeweils um 9 Uhr, fortgesetzt.

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Am Faschingsdienstag war der Meridian 79506 der Bayerischen Oberlandbahn von Rosenheim nach Holzkirchen unterwegs. In der Gegenrichtung fuhr der Meridian 79505. Die beiden mit etwa 150 Menschen besetzten Züge sollten sich nach Fahrplan im Bahnhof Kolbermoor kreuzen. Der Fahrdienstleiter soll aber, abgelenkt durch das per Dienstanweisung verbotene Nutzen seines privaten Handys, im Fahrplan um eine Zeile verrutscht sein und den Bahnhof Bad Aibling als Kreuzungspunkt angenommen haben.

Mehrere Fehlentscheidungen führten zur Katastrophe

Danach soll er mehrere Fehlentscheidungen getroffen haben. Nachdem er den Fehler erkannt hatte, soll er nach Überzeugung der Anklagebehörde durch Sondersignale die Gleise freigegeben haben – ohne sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich frei waren. Technische Schutzvorrichtungen soll er dadurch außer Funktion gesetzt haben. In Folge dessen fuhren die Züge auf der eingleisigen Strecke aufeinander zu.

Als der Mann das bemerkte, soll er noch versucht haben, die Katastrophe zu verhindern. Den ersten dringlichsten Notruf mit der Bitte an die Zugführer, sofort anzuhalten, konnten diese aber nicht hören – weil der Fahrdienstleiter die falsche Taste gedrückt hatte. Beim zweiten Notruf waren die Züge schon mit Tempo 78 beziehungsweise 51 Stundenkilometern in einer Kurve ineinander gekracht. Erst im letzten Moment hatten die zwei Zugführer einander im Blickfeld. Trotz Schnellbremsungen konnten sie nichts mehr retten. Die Züge prallten frontal zusammen und entgleisten zum Teil.

Die Bergungsarbeiten gestalteten sich aufgrund der Geländeverhältnisse sehr schwierig. Über 600 Helfer aus der Region und aus Österreich waren im Einsatz, um Tote zu bergen und die Verletzten zu versorgen. Da die Unglücksstelle schwer erreichbar war, wurden die Menschen teilweise mit Seilwinden aus der Luft geborgen.

Einige der Opfer erlagen später in Kliniken ihren Verletzungen. Unter den zwölf Toten im Alter von 24 bis 59 Jahren waren die beiden Lokführer und die zwei Zugbegleiter. Es hätte leicht sehr viel mehr Opfer geben können. Doch die Schüler, die normalerweise diese morgendlichen Bahnverbindungen stark nutzen, hatten am Faschingsdienstag schulfrei.

Die Staatsanwaltschaft und die Kripo Rosenheim starteten umfangreiche Ermittlungen, in die auch die Bundespolizei und Bahnsachverständige eingebunden waren. Die Überprüfung der bahntechnischen Anlagen an der Unfallstrecke und im Stellwerk einschließlich der Funktechnik durch mehrere technische Sachverständige ergab keine Anhaltspunkte für technische Mängel als Unfallursache.

Höchststrafe fünf Jahre unabhängig von der Opferzahl

Mitte Juli erhob die Staatsanwaltschaft, Zweigstelle Rosenheim, gegen den Fahrdienstleiter Anklage zum Landgericht Traunstein und ging dabei von »menschlichem Versagen« als Unglücksursache aus. Der Vorwurf lautete: Fahrlässige Tötung in zwölf Fällen und fahrlässige Körperverletzung in 89 Fällen. Die Höchststrafe für fahrlässige Tötung beträgt unabhängig von der Zahl der Fälle fünf Jahre Freiheitsstrafe. Noch während der Ermittlungen wurde der 40-Jährige vorläufig festgenommen. Er sitzt seit 12. April in Untersuchungshaft.

Die Zweite Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs hat sieben Verhandlungstage anberaumt. Zum Auftakt am 10. November um 9   Uhr soll der Angeklagte – dem als Verteidiger Ulrike Thole und Thilo Pfordte, beide aus München, zur Seite stehen – zu seiner Lebensgeschichte und zu den Vorwürfen der durch Oberstaatsanwalt Jürgen Branz vertretenen Anklage angehört werden. Die ersten Zeugen sollen am gleichen Tag zu Wort kommen.

25 Nebenkläger mit acht Opferanwälten werden an der aufwändigen Verhandlung teilnehmen. Voraussichtlich wird aber kaum einer der 89 Verletzten in den Zeugenstand treten müssen. Die Verletzungen können wahrscheinlich überwiegend mit ärztlichen Attesten belegt werden. Vier Gutachter – Fachleute der Bahn, ein Rechtsmediziner und ein IT-Sachverständiger, der über das Handyspiel »Dungeon Hunter 5« informiert – werden von den Ergebnissen ihrer Untersuchungen berichten. kd