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»Wie lange müssen wir noch warten?«

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Die Flüchtlinge aus Eritrea, die in Teisendorf wohnen, sind frustriert, weil nichts vorangeht. Unser Foto zeigt sie (vorne von links) zusammen mit Regina Perschl, die sich zusammen mit vielen anderen intensiv um sie kümmert: Weldemareim, Bereket, Filimon, Nikedimus und Bereket, hinten von links Michael und Mulugeta. (Foto: H. Eder)

Teisendorf – »Die Leute hier sind sehr nett und hilfsbereit«, sagt Weldemareim aus Eritrea. »Wir haben keine Probleme und sind zufrieden.« Wenn da nur nicht die Ungewissheit wäre: »Wir sind wieder eingesperrt in einem Land«, stellt er fest, genau der Grund, aus dem er und seine Kollegen, die seit Mai 2014 in einem Haus am Rande von Teisendorf wohnen, aus ihrem Heimatland Eritrea geflüchtet sind. Hier gehen sie zwar in die Schule, sprechen teilweise schon recht gut Deutsch, einige haben auch schon Jobs und Ausbildungsplätze – aber was sie immer öfter mutlos werden lässt, das ist das ewige Warten.


Es gibt keinen endgültigen Bescheid

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Es geht einfach nichts voran. Seit eineinhalb Jahren sind sie hier, die Aufenthaltsgenehmigung wird von Halbjahr zu Halbjahr verlängert, aber es gibt keinen endgültigen Bescheid. Dabei dürfen sie sich durchaus in Deutschland frei bewegen. Der eine oder andere hat schon Bekannte, Freunde oder auch Familienmitglieder in Wuppertal, Kassel oder Frankfurt besucht, und einer hat auch schon eine eigene Wohnung. Aber was sie wirklich wollen würden, das wäre eine Weiterreise nach Holland oder Skandinavien, wo es angeblich schon nach wenigen Monaten eine Aufenthaltsgenehmigung, beispielsweise für drei Jahre, gebe.

Vor ein paar Wochen bekamen jetzt die meisten von ihnen Unterlagen für ein »Beschleunigtes Verfahren« vom BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – wieder eine ungewisse Wartezeit.

Den Teisendorfer Flüchtlingen zufolge ist Eritrea »ein Land wie ein Gefängnis«. Männer und Frauen sind zum Militärdienst verpflichtet. Und wie lange dieser dauert, das liegt in der Hand der Regierung. Sie entscheidet darüber, wie lange die Bürger Militärdienst oder Zwangsarbeit leisten müssen – statt der vorgeschriebenen 18 Monate können das auch zehn Jahre oder mehr sein. Außerdem hat der Staat vor rund 15 Jahren alle Universitäten geschlossen, weil er gut ausgebildete, kritische Bürger fürchtete.

Einer nach dem anderen schildert seine eigenen Erfahrungen, die sie, teilweise erst 17 Jahre alt, in die Flucht trieb. Nikedimus war sechs Monate im Gefängnis, weil er nicht in den Militärdienst wollte, ein anderer hat sich zwei Jahre lang versteckt, ehe ihm die Flucht gelang. Angehörige wurden eine Zeit lang ins Gefängnis gesteckt, weil der Sohn nicht zum Militärdienst erschien oder flüchten wollte. Denn eine offizielle Möglichkeit, aus dem Land auszureisen, gibt es nicht. Und so entschlossen sich letztlich alle dazu, ihr Land heimlich zu verlassen: »bei Nacht«, wie sie erzählen, zu Fuß über die Grenze, und dann mit Hilfe von Schleusern. Das notwendige Geld kam von Familie und Freunden und war oft genug mühsam zusammengespart.

Die Perspektivlosigkeit im Lande, die vor ihnen liegenden, ungewiss vielen Jahre in der Armee bei jämmerlicher Bezahlung, das hat die jungen Leute, die hier unter anderem in Teisendorf leben, aus ihrem Land vertrieben. Und von daher wünschen sie sich nichts mehr als eine Perspektive, eine Arbeit, von der sie leben können. Denn die Rückkehr in die Heimat können sie sich derzeit nicht vorstellen, so gern sie das unter anderen Umständen sicher wollen würden – denn ein Ende der Gewaltherrschaft ist nicht in Sicht. Und sie müssen mit der Sehnsucht nach Eltern und Geschwistern wohl noch lange leben. Telefonisch halten sie Kontakt nach Hause, und immerhin wissen sie, dass die Verwandtschaft durch ihre Flucht keine zu gravierenden Folgen zu tragen hatte. Trotzdem appelliert einer der Eritreer an eine Unterstützung auch durch die deutsche Politik, »damit sich in Eritrea etwas ändert«.

»Richtige Tiefs« und »gedrückte Stimmung«

Die Flüchtlinge sprechen von »richtigen Tiefs«, von »gedrückter Stimmung«, in der sie sich häufig befänden, weil sie, die es mit viel Mühen und unter großen Gefahren nach Europa geschafft haben, nun doch wieder quasi eingesperrt seien. Bei Flüchtlingen aus Syrien sei die Sache klar, die dürften wohl großteils in Deutschland bleiben, weil zu Hause Bürgerkrieg tobt. In Eritrea hingegen gebe es keinen Krieg. Doch für die jungen Leute ist die Diktatur in ihrer Heimat Grund genug, in Länder zu flüchten, wo Menschenrechte geachtet werden.

In Teisendorf sehr gut aufgenommen

Immer wieder betonen die Teisendorfer Flüchtlinge, dass sie hier wirklich gut aufgenommen worden sind, dass sich viele um sie kümmern, dass sie regelmäßig Besuch bekommen. Es gibt sportliche Aktivitäten, Sprachkurse sind von Anfang an organisiert worden und auch der Besuch der Berufsschule in Freilassing wurde zügig geregelt.

Doch eine Frage, die sie alle umtreibt, ist: »Wie lange müssen wir noch warten? Bis wir total verzweifelt sind?« Und wenn sie Tag für Tag Nachrichten hören, dass so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, dass hier gar kein Platz mehr für sie sei, fragen sie sich, warum man sie nicht vor einem halben Jahr gleich nach Skandinavien hat weiterreisen lassen. Sie wollten ja überhaupt nicht hier in Bayern beziehungsweise Deutschland bleiben, seien aber von der Polizei festgehalten und gezwungen worden, hier zu bleiben. Das verstehen sie nicht, und das enttäuscht sie: Einerseits schafften es die Behörden nicht, ihre Asylanträge zu bearbeiten, andererseits aber lasse man sie nicht dorthin, wo sie eigentlich hin wollten. Und hier würden sie nicht wirklich integriert, sondern eher isoliert. he