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»Wer Beruhigungsmittel nimmt, neigt zu Kleptomanie«

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Traunstein. Fast fünf Jahre lang hat eine 28-Jährige aus Trostberg von einer Ärztin erhebliche Mengen verschreibungspflichtiger Beruhigungsmittel erhalten. Als die Medizinerin selbst Ärger mit der Justiz bekam und von heute auf Morgen keine Rezepte mehr herausrückte, schrieb die Frau die Rezepte selbst – auf einem angeblich von ihrem Ex-Freund geklauten Rezeptblock. Wegen dieser und weiterer Vorwürfe in sechs Anklageschriften verurteilte das Schöffengericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott die geständige Frau gestern zu 18 Monaten Freiheitsstrafe.


Illegaler Drogenbesitz und Körperverletzung

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Die ersten Anklagen galten neun im Jahr 2012 gefälschten Rezepten. Zunächst hatte sie zwei Blankorezepte mit den gewünschten Substanzen ausgefüllt. Eine Apotheke in Trostberg löste eine der vorgeblichen ärztlichen Anweisungen ein, die zweite eine Woche später nicht. Die Frau suchte die nächste Apotheke in der Stadt auf. Die war aber schon von der ersten gewarnt worden. Deshalb verweigerten die Angestellten die Herausgabe der Medikamente. Bei der zweiten Anklage standen sechs Urkundenfälschungen durch in Traunsteiner Apotheken präsentierte Rezepte zu Buche. Vier Verstößen gegen Weisungen der Führungsaufsicht war der dritte Anklagekomplex gewidmet. Der Hintergrund: Die zwölffach vorbestrafte 28-Jährige hatte sich nach Verbüßen einer Haftstrafe mit Unterbringung in einer Entzugsanstalt im Frühjahr und Sommer 2012 jeweils nicht bei ihrem Bewährungshelfer in Traunstein gemeldet. Der Zeuge schilderte gestern, er kenne die Angeklagte seit zehn Jahren. Sie habe mit Drogen »in allen möglichen Richtungen« zu tun gehabt. Aus seiner Sicht brauche die Frau eine umfangreiche Psychotherapie und einen vollständigen Entzug. Die Angeklagte habe es im Leben nicht leicht gehabt. Aber es sei schwer, ihr zu helfen – »solange sie in dem Strudel drin ist und nicht auf den Konsum verzichtet«. Um illegalen Drogenbesitz ging es bei den Anklagen Nummer vier und fünf. Einmal war die Frau 2012 in Trostberg mit einer Kleinmenge Marihuana erwischt worden. Außerdem wurde im September 2012 Marihuana in ihrer Wohnung gefunden.

Der Inhalt der Anklage Nummer sechs wegen Diebstählen und Körperverletzung im Sommer 2013 war der 28-Jährigen nach ihren Worten »echt peinlich«. »Wenn man Beruhigungsmittel nimmt, neigt man zu Kleptomanie. Dies steht sogar im Beipackzettel«, erklärte die Trostbergerin. In einem Schuhladen in Traunreut, in einem Modegeschäft in Traunstein und in zwei SB-Märkten in Traunreut ließ die Frau Sportschuhe, Bekleidung und Modeschmuck im Gesamtwert von rund 450 Euro mitgehen.

Verfolgungsjagd nach Diebstahl

Bei dem letzten Diebeszug am 28. August 2013 in einem Geschäft am Traunring in Traunreut wurde es turbulent. Als die Angeklagte im nächsten Laden war, rief eine der Verkäuferinnen aus dem vorherigen Markt Passanten um Hilfe: »Haltet sie auf, haltet sie auf!« Ein Ehepaar konnte die Frau bei der filmreifen Verfolgungsjagd kurz festhalten. Die um sich schlagende 28-Jährige riss der Zeugin ein Büschel Haare aus und trat deren Mann in den Unterleib. Ein 14 Jahre altes Mädchen, das mit Schwester und Mutter unterwegs war, bekam einen Tritt in den Rücken ab. In einer im ersten Geschäft entwendeten Jacke fand sich Schmuck aus dem zweiten Laden. Sechs Stunden später, nach einem Zwischenfall in einem Einkaufszentrum in Traunstein, wurde die 28-Jährige festgenommen. Sie trug noch immer Teile der gestohlenen Kleidung. Gestern entschuldigte sich die Angeklagte bei den Zeugen: »Ich war damals durch den Wind.«

Mit Cannabis, Heroin und Kokain ab dem 15. Lebensjahr fing die Drogenkarriere der Angeklagten an, gefolgt von vielen Medikamenten. Mehrmaliger Entzug, Rückfälle und Straftaten wechselten sich ab, wie der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, berichtete. Aufgrund einer schweren Mischintoxikation, gepaart mit Persönlichkeitsauffälligkeiten, sei erheblich verminderte Schuldfähigkeit bei einigen Taten nicht auszuschließen. Angesichts ihrer schweren Sucht sei die Wiederholungsgefahr für ähnliche Straftaten groß. Wegen fehlender Therapiebereitschaft und mangelnder Erfolgsaussicht seien die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einer Entzugsanstalt nicht erfüllt, so der Gutachter. Die 28-Jährige meinte, sie wolle »ein normales Leben ohne Drogen« führen, heiraten, Kinder haben.

Staatsanwalt Markus Andrä forderte gestern eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und schloss: »Ich glaube es Ihnen nicht, dass Sie jetzt therapiebereit sind, dass Sie es schaffen, von den Drogen wegzukommen.« Verteidigerin Inge Bazelt aus Altötting plädierte »ein letztes Mal« auf eine Strafe von zwei Jahren mit Bewährung – mit einer Therapie als Bewährungsauflage.

Richter Wolfgang Ott sagte: »Sie haben unter zweifacher offener Bewährung eine Serie von knapp 20 Straftaten hingelegt. Das geht zu weit.« Das Gericht sei ebenfalls der Auffassung, dass eine Therapie notwendig ist und relativ bald auch möglich – nach Rechtskraft des Urteils unter Anrechnung der Untersuchungshaft und bei Zusage des Kostenträgers für einen Therapieplatz. Der Staatsanwalt kündigte an, eine Berufung zu prüfen. kd