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Wer beim Chiemsee Summer »frei« pieselt, erhält Musikverbot

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Sperrmüll, darunter auch viele Zelte, blieb im vergangenen Jahr auf den Wiesen des Festivalgeländes liegen. (Foto: Artes)

Übersee – Ein offenes Ohr für die Beschwerden von Bürgern und Anliegern über die Probleme des letztjährigen Chiemsee-Summer-Festivals (wir berichteten) zeigten die Veranstalter jetzt in einer nahezu vierstündigen Informationsveranstaltung. Vor mehr als 130 Zuhörern stellte das Veranstalterteam in der Überseer Schulaula ein verbessertes Konzept vor.


»Zu viel Verkehr, Lärm, Müll, Chaos und zu wenig Parkplätze, Toiletten und Rücksichtnahme auf die Einheimischen«, so lautete seinerzeit die Kritik. Die Veranstalter räumten Fehler ein. Die Hauptursachen für die in der 20-jährigen Festivalgeschichte »erstmals verkorksten Begleitumstände« sahen sie aber in einem Zusammentreffen vieler unglücklicher Fakten, wie dem massiven Fahrzeugansturm durch den Wegfall des integrierten Tickets, das extrem schlechte Wetter und damit ein großes Zusammentreffen mit »normalen« Urlaubern aus dem Achental.

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»Inzwischen haben wir sehr viel Zeit in die Überarbeitung des Veranstaltungskonzepts gesteckt«, sagte der Geschäftsführer der CRP-Konzertagentur, Martin Altmann. Als Basis aller Verbesserungen wertete er die Wiedereinführung des Kombitickets für die Bahnanreise, das im vergangenen Jahr weggefallen war. »Damit bringen wir etwa 14 000 der 30 000 Besucher vom Auto auf die Schiene und entlasten massiv Verkehr und Parkplätze.«

Abgesehen davon schilderte Daniel Schlatter, zuständig für das Verkehrsmanagement, geplante Verbesserungen durch eine Neuordnung der Parkplätze, eine Vereinfachung der Verkehrsströme, neue Umleitungskonzepte, eine Optimierung der Betriebszeiten, zusätzliche Flächen als Pufferzone, die Absicherung der Privatbereiche zum Festivalgelände und die Berücksichtigung des regionalen Touristenverkehrs und der Anwohner. Auch das 42 500 Quadratmeter große Festgelände rutsche mehr nach Süden und damit auch weiter weg von der Bebauung.

In punkto Sicherheit nannte Schlatter als oberstes Ziel die Grundversorgung der Bürger und einen ordnungsgemäßen Festablauf. So soll beispielsweise die Feldwieser Straße als Rettungsweg ständig offen gehalten werden. In diesem Zusammenhang seien laut Schlatter viele Szenarien, wie Unwetter, Brand, Evakuierung und Unfälle hinsichtlich Absperrungen und Schutzmaßnahmen durchgespielt worden. Auch das Toilettenkonzept sei überarbeitet worden. Neue Standorte der insgesamt 770 mobilen Toiletten sollen einen besseren Zugang – auch für die Reinigungskräfte – sicherstellen. Wer beim »freien« pieseln von den Sicherheitskräften erwischt wird, erhält ein 24-stündiges Musikverbot.

Speziell für die Belange der Überseer wird auf der Internetseite des Festivals ein »Bürgerservice« mit speziellen Informationen eingerichtet. Per neuem »Bürgertelefon« können kurzfristig und direkt auch Beschwerden und Nöte an den Veranstalter gerichtet werden.

»Ein bis ins Einzelne durchdachtes Sicherheitskonzept, das nichts dem Zufall überlässt«, präsentierte der Überseer Feuerwehr-Kommandant Rupert Kink. Besondere Einsatzpläne und Absprachen mit den benachbarten Wehren gewährleisten rund um die Uhr nicht nur die Sicherheit auf dem Festival, sondern auch im Ort. Fünfzig mal dreißig Meter groß ist die Hauptstation des Malteser-Hilfsdienstes auf dem Gelände. Wie Einsatzleiterin Christl Mitterer berichtete, verfüge man über eine große Festival-Erfahrung.

Komplimente verteilte Rainer Wolf, Leiter der Polizeiinspektion Traunstein und auf dem Festival Sicherheitsleiter und Chef von 80 bis 100 Polizeikräften: »Der Chiemsee Summer ist in seiner Größenordnung eines der sichersten Festivals – trotz der angestiegenen Diebstähle und der etwa 200 Rauschgiftdelikte der Eigennutzer.« Mit Sonderplänen und Einsatzmöglichkeiten von Shuttle-Bussen zeigte sich auch Alexander Fuchs vom Katastrophenschutz für alle Fälle gut vorbereitet.

Zwar »beeindruckt von der Professionalität des neuen Konzepts«, aber trotzdem unverstanden fühlten sich etliche Bürger. Vor allem die zugeparkten Zugänge zu ihren Häusern und Feldern, die durchbrochenen Absperrungen, die Fäkalien in Privatgärten und der Sperrmüll – vom Auto bis zu Sofas und Kühlschränken – auf den Wiesen seien unerwähnt geblieben.

»Diese offenen Probleme haben wir gehört und verstanden und uns auch zu einem Umdenken veranlasst«, räumte Schlatter ein. Er sei überzeugt, dass das neue Konzept viele Probleme lösen werde. So werde die überregionale Anreise per Bahn das Sperrmüllaufkommen zwangsläufig minimieren. Für die 18 Kilometer lange Absperrzone sollen mehr Leute zum Kontrollieren und Reparieren der Zäune abgestellt werden. Um die Zufahrten für Anlieger und Bauern zu gewährleisten, erhalten sie spezielle Bänder als Durchfahrterlaubnis.

Dankbar nahm der Veranstalter die Anregungen für mehr Radl-Stellplätze und eine Erhöhung des Müllpfands von fünf auf zehn Euro auf. Die Frage einer möglichen Reduzierung der Festivalbesucher von 30 000 auf wieder 25 000 beantwortete Altmann mit der notwendigen Wirtschaftlichkeit im harten Festival-Konkurrenzkampf.

Zweifel äußerten etliche Bürger an der vom Veranstalter oft zitierten, überregionalen Wertschöpfung durch den Chiemsee Summer. Das will der Veranstalter nun mit einem entsprechenden Gutachten untersuchen lassen.

Zu einem versöhnlichen Miteinander rief Bürgermeister Nitschke am Ende auf: »Ohne Beeinträchtigungen wird es auch in Zukunft beim besten Willen nicht gehen.« Als kleine Entschädigung dafür versprach Altmann allen Überseer Bürgern ein kostenloses Tagesticket und allen Anliegern ein Fünf-Tagesticket. bvd