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»Wenn so etwas passiert, vergisst man alles andere«

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Hier an der Traun am Empfinger Hohlweg hat Jörg Kraller den damals vier Jahre alten Buben aus der Traun gerettet. (Foto: Artes)

Bergen – Den 14. Oktober 2013 wird Jörg Kraller aus der Gemeinde Bergen sein Leben lang nicht vergessen. An diesem Tag hat der heute 58-Jährige einem damals vierjährigen Buben, der beim Spielen in die Traun gefallen war, das Leben gerettet. Heute wird er dafür von Ministerpräsident Horst Seehofer mit der Christophorus-Medaille ausgezeichnet.


»Mir geht's nicht um die Auszeichnung, sondern darum, dass der Bub gesund ist und ich meinen Teil dazu beitragen konnte«, erzählt der 58-Jährige im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Noch gut erinnert sich der zweifache Familienvater an den kalten Oktobertag. Mit seiner Frau war er damals beim Radfahren an der Traun. Auf Höhe des Viadukts hörten sie, wie immer wieder jemand »Julian, Julian« schrie. Eine Frau kam zu Jörg Kraller und seiner Ehefrau und sagte in gebrochenem Deutsch: »Kind in Wasser gefallen. Weiß nicht wo.«

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Bub trieb leblos im neun Grad kalten Wasser

Sofort war dem 58-Jährigen klar, dass er helfen muss. Während seine Ehefrau mit einem Passanten den Uferbereich am Viadukt absuchte, fuhr er mit seinem Rad entlang der Traun weiter. »Ich habe die Strömung gesehen und wusste, die letzte Möglichkeit den Buben zu sehen, ist am Empfinger Hohlweg.«

Auf Höhe der Mündung des Mühlbachs in die Traun sah er den leblosen Kinderkörper im Wasser. »Ein kleines Kind im Wasser treiben zu sehen, ist das Schlimmste, das es gibt«, erzählt Jörg Kraller sichtlich mitgenommen. Eigentlich wollte er gleich dort ins Wasser, doch er hätte eine rund drei Meter hohe Böschung hinunter springen müssen. Also fuhr er noch ein Stück weiter bis zur Brücke am Empfinger Hohlweg. Dort stieg er in die neun Grad kalte Traun und fing den Buben ab.

Zu diesem Zeitpunkt trafen auch schon Ersthelfer vom Roten Kreuz und der Feuerwehr in Empfing ein. Sie halfen Jörg Kraller den Buben aus dem Wasser zu ziehen, der es alleine gar nicht geschafft hätte, das Kind zu retten. »Wegen der Strömung konnte ich den leblosen, nassen Körper nur schwer festhalten.« Der Bub, der keinen Puls mehr hatte und dessen Körpertemperatur nur noch 27 Grad betrug, wurde sofort reanimiert, Jörg Kraller mit einer Unterkühlung ins Krankenhaus gebracht. Alles sei damals sehr schnell gegangen, so der Lebensretter.

Schreckliche Ungewissheit, ob der Vierjährige überlebt

Erst im Nachhinein wurde dem 58-Jährigen bewusst, was eigentlich passiert war. »Es ist alles automatisch gegangen. Wenn so etwas passiert, vergisst man alles andere.« Für Jörg Kraller waren besonders die Tage nach der Lebensrettung schrecklich, erzählt er. Vor allem die Ungewissheit, ob der Bub überleben würde. Viele Gedanken gingen ihm damals durch den Kopf: »Man weiß nicht, ob man vielleicht Schicksal gespielt hat«, das Kind vielleicht Folgeschäden haben würde. Doch am Ende wendete sich alles zum Guten: Nach zwei Wochen konnte der Vierjährige das Krankenhaus ohne bleibende Schäden verlassen. Kurz darauf hat die Oma des Buben Kontakt zu Jörg Kraller aufgenommen. Dieser Kontakt ist bis heute erhalten.

Für den 58-Jährigen war der 14. Oktober 2013 ein einschneidendes Erlebnis, an diesen Tag wird er auch heute noch oft erinnert, vor allem wenn er mit seinem Rad unterwegs ist. Wenn er an Flüssen vorbeifährt, muss er sich oft zusammennehmen, dass er nicht ständig ins Wasser schaut »ob man vielleicht was sieht«.

Heute wird Jörg Kraller in München von Ministerpräsident Horst Seehofer mit der Christophorus-Medaille geehrt. Diese Auszeichnung erhalten Personen, die unter besonders schwierigen Umständen jemanden aus Lebensgefahr retten, eine Auszeichnung, die der 58-Jährige wahrlich verdient. jar