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»Wenn sie da sind, dann helfen wir auch«

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»Wäre die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern, dann wäre nur ein einziger Deutscher dabei.« Mit diesem Vergleich leitete Landrat Hermann Steinmaßl das jüngste »Maria Ecker Gespräch« mit Bürgermeistern und Geistlichen beider Konfessionen ein, das ausschließlich dem Thema Asylbewerber gewidmet war.


Steinmaßl wollte mit seinem Eingangsstatement deutlich machen, dass Deutschland etwa ein Prozent der Weltbevölkerung stelle, gleichzeitig aber weltweit als Zufluchtsort für Menschen gelte, die in ihren Heimatländern an Leib und Leben bedroht sind. Das bekommen auch die Menschen im Chiemgau immer mehr zu spüren, seit der Zustrom von Asylbewerbern nach Deutschland und Europa stark gestiegen ist.

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Für Steinmaßl ist klar: »Die Begegnung mit Menschen aus einem fremden Kulturkreis erzeugt zunächst Unsicherheit, ja sogar Angst. Trotzdem müssen wir uns darauf einstellen, dass im Lauf des nächsten Jahres noch einmal so viele Asylbewerber kommen werden, wie jetzt schon da sind.« An die Teilnehmer des Gesprächs appellierte er, das Bestmögliche zu unternehmen, um diese Menschen am Leben in der jeweiligen Stadt oder Gemeinde teilhaben zu lassen.

»Zurzeit wohnen 302 Asylbewerber im Landkreis Traunstein«, erläuterte Rudi Mühlbauer, im Landratsamt verantwortlich für das Sachgebiet Soziales und Senioren. Bis Ende Dezember müssten voraussichtlich weitere 80 Personen aufgenommen und untergebracht werden. Bereits jetzt sei so gut wie sicher, dass die Zahl der Asylbewerber im Landkreis bis Ende nächsten Jahres auf 700 bis 800 Menschen steigen werde.

Gesetzliche Pflicht

Der zuständige Abteilungsleiter im Landratsamt, Florian Amann, schilderte die Hintergründe der für alle Beteiligten äußerst schwierigen Situation: »Die langjährigen und bewährten Gemeinschaftsunterkünfte in Engelsberg und Grassau sind voll. Das Landratsamt ist deshalb gesetzlich verpflichtet, eine ausreichende Zahl dezentraler Unterkünfte zu finden. Dabei haben wir die Vorgabe, vier Prozent der nach Oberbayern zugewiesenen Asylbewerber aufzunehmen. Im Übrigen haben wir auf die Gesamtentwicklung keinerlei Einfluss – auch nicht auf den Zeitpunkt der Ankunft dieser Menschen bei uns im Landkreis. Aber wir haben dafür zu sorgen, dass sie ein Dach über dem Kopf haben.«

Einen besonders kritischen Blickwinkel auf die Ursachen des Asylbewerber-Zustroms öffnete der Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner: »Viele werden mit dem Bus zu uns reingeschleust und an der Autobahn einfach ausgeladen. Das Erschütterndste sind Kinder, die aus den entferntesten Ländern mutterseelenallein zu uns einreisen. Wir müssen ein Instrumentarium finden, um den Schleuserbanden das Handwerk zu legen, gleichzeitig aber den Menschen, die schon mal hier sind, zu helfen.«

Fridolfings Bürgermeister Johann Schild pflichtete dem bei: »Aufgabe der großen Politik muss es sein, auf eine Änderung der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern hinzuwirken.« Gleichwohl habe der Fridolfinger Gemeinderat im Einvernehmen mit den örtlichen Organisationen den Beschluss gefasst, Asylbewerber aufzunehmen und auf Wohnungssuche zu gehen.

Erfreuliche Entwicklungen

Noch nicht in allen Kommunen des Landkreises Traunstein wohnen Asylbewerber. Dort jedoch, wo es der Fall ist, konnten die Bürgermeister und Geistlichen über bemerkenswerte Entwicklungen berichten. So gebe es in der einheimischen Bevölkerung bei Weitem nicht nur Vorbehalte und Ablehnung. Vielmehr finden sich überall Bürger, die sich aktiv darum bemühen, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Kirchanschörings Bürgermeister Hans-Jörg Birner: »Wir haben eine Wohnung im alten Pfarrhaus zur Verfügung gestellt. Unsere Gemeinde hat ein gutes Netzwerk. Das ist sehr wichtig, denn Integration ist eine langwierige und schwierige Aufgabe. Inzwischen sind die jungen Burschen aber schon Mitglied im Fußballverein.« Sein Engelsberger Kollege Martin Lackner berichtete: »Unser Heim gibt es schon seit dem Vietnamkrieg. Die Betreuung klappt sehr gut, weil sich viele unserer Bürger ehrenamtlich einsetzen. Umgekehrt bringen sich Asylbewerber aktiv ins Gemeindeleben ein.«

Ähnliche Erfahrungen schilderten die Gemeindeoberhäupter aus anderen Kommunen. In Schnaitsee hat sich demnach sehr schnell ein Helferkreis aufgebaut, in Traunstein kümmern sich der »Runde Soziale Tisch« sowie die kirchliche Initiative »Café International« um die Integration, und Grassaus Stellvertretender Bürgermeister Josef Grießenböck überraschte mit der Aussage, dass der örtliche Standesbeamte immer mehr zu tun habe, weil manche Asylbewerber nun auch heiraten würden.

Bei dieser insgesamt positiven Entwicklung blieben die besonderen Herausforderungen jedoch nicht unter dem Teppich. So wünschen sich die Bürgermeister auch professionelle Unterstützung bei den Eingliederungsbemühungen. Besonderen Wert legen sie auf den Sprachunterricht. »Aber auch die Fragen, die aus der Bevölkerung kommen, müssen wir sehr ernst nehmen«, mahnte Bergens Bürgermeister Bernd Gietl, für dessen Gemeinde die Unterbringung von Asylbewerbern vor kurzem sehr überraschend gekommen war und deshalb für Irritationen gesorgt hatte. Robert Münderlein vom Diakonischen Werk Traunstein sicherte zu, dass eine passende Stelle zur Asylbewerber-Sozialberatung geschaffen werde. Dennoch bleibe ehrenamtliche Unterstützung ein unverzichtbarer Bestandteil der Integration. Franz Burghartswieser vom Caritaszentrum Traunstein unterstrich ebenfalls die gesamtgesellschaftliche Verantwortung: »Asylbewerber sind in erster Linie Menschen, um die wir uns gemeinsam kümmern müssen.«

Positive Signale nach München

»Es breitet sich inzwischen eine zunehmend konstruktive Grundstimmung aus«, fasste Landrat Hermann Steinmaßl das Ergebnis des Nachmittags zusammen. Er fügte hinzu: »Wir brauchen keine große Euphorie, aber die Einstellung: Wenn sie da sind, dann helfen wir auch. Und das ist wichtig.« Dieses positive Signal aus dem Landkreis Traunstein will Steinmaßl auch der Staatsregierung in München schriftlich mitteilen.

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