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»Wenn etwas Altes aufhört, kann etwas Neues beginnen«

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Im Gasthof Kampenwand sind seit einem Jahr 33 Asylbewerber untergebracht. Um sie kümmert sich das Wirtsehepaar Martina Piller und Josef Beck. (Foto: Artes)

Schleching – Noch immer steht nicht fest, wie es in Schleching weitergehen soll, nachdem sich der Helferkreis für Asylbewerber aufgelöst hat (wir berichteten). Laut Bürgermeister Josef Loferer sei man aber bereits dabei, »intensiv nach einer Lösung zu suchen«.


Die ehrenamtlichen Helfer sahen keinen Sinn mehr darin, ihre Arbeit fortzusetzen, weil sie ihre selbst gesteckten Ziele nicht erreicht hatten. Auch mit dem Landratsamt und der Diakonie habe die Zusammenarbeit nicht funktioniert, so die Vorsitzende des Helferkreises, Anika Hempel, in einem Erklärungsschreiben.

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»Wir sind froh, dass sich der Helferkreis aufgelöst hat«

Ein zerrüttetes Verhältnis gab es aber seit längerer Zeit auch zum Wirtsehepaar, Martina Piller und Josef Beck vom Gasthof Kampenwand. Die beiden leiden besonders unter der Situation. »Wir sind froh, dass sich der Helferkreis aufgelöst hat«, erzählte Martina Piller im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Jetzt sei ein Neuanfang möglich. »Wenn etwas Altes aufhört, kann etwas Neues beginnen.«

Schon von Anfang an habe es Probleme gegeben, die sich im Lauf der Zeit immer weiter hochgeschaukelt haben, so Piller. Sie wehrt sich massiv gegen die Vorwürfe, die Asylbewerber nicht anständig zu versorgen. Jeden Tag werde frisch gekocht. Außerdem habe sie sich zum Kochen extra landestypische Gewürze angeschafft. »Wenn das Essen mal nicht schmeckt, dann muss es nicht unbedingt schlecht sein – sie kennen es nur einfach nicht«, erklärte die Wirtin. »Wem es nicht schmeckt, für den sind immer Brot und Marmelade im Haus.«

Martina Piller ist nach eigenen Angaben 24 Stunden am Tag für die Flüchtlinge da, versorgt sie mit Essen, wäscht ihnen sogar an drei Tagen in der Woche die Wäsche. Erst letztens habe zudem einer der Flüchtlinge Fieber gehabt, sie sei die ganze Nacht am Bett gesessen und habe kühle Wadenwickel gemacht, erzählte Martina Piller. Mit einem anderen Flüchtling sei sie ins Krankenhaus gefahren, weil er sich den Arm gebrochen hatte. Viele Asylbewerber würden sie inzwischen »Mama Martina« nennen. Es ärgere sie daher extrem, dass sie vom Helferkreis ständig vorgeworfen bekommt, sie habe keinen persönlichen Kontakt zu den jungen Männern. »Das ist nicht so. Wir bekommen alles mit, was im Haus passiert.«

Auch Wirt Josef Beck ist verärgert. Er räumte ein, den Satz »die benehmen sich wie die Schweine«, mit dem ihn Anika Hempel zitiert, gesagt zu haben. Aber dafür hatte er auch guten Grund: »Im Speisesaal war der reinste Saustall«, erzählte Beck. Viel Essen lag auf dem Boden. Am ersten Tag habe er es noch liegen gelassen und gehofft, die Flüchtlinge würden es selbst wegräumen. Aber am zweiten Tag wurde nichts gemacht und auch am dritten Tag nicht, und so sei er schließlich lauter geworden und habe die Asylbewerber geschimpft. »Ich bin nicht ihre Putzfrau«, so Beck. »Die Flüchtlinge fordern Respekt, dann sollen sie aber auch mit uns respektvoll umgehen.«

Doch nicht nur das Wirtsehepaar kritisiert der Helferkreis. Auch die Asylsozialberaterin der Diakonie »erfülle ihre Kooperationszusagen gegenüber dem Helferkreis nicht«, schreibt Hempel in ihrer Stellungnahme. Laut Klaus Rieder, Pressesprecher der Diakonie in Traunstein, seien die Diakonie-Mitarbeiter sehr froh, »wenn sich solche Initiativen ergeben«. Bei so vielen Flüchtlingen im Landkreis gebe es immer das Problem, dass »alle beteiligten Behörden überfordert« sind. Ein Berater der Diakonie ist laut Rieder für bis zu 400 Asylbewerber gleichzeitig zuständig. Die Beraterin ist einmal pro Woche für zwei Stunden in Schleching, um die Asylbewerber zu beraten und Fragen zu beantworten. »Da sind viele Dinge zu erledigen«, so Rieder.

»Ich bin überrascht, dass es so schnell gegangen ist«, sagte Bürgermeister Josef Loferer, der inzwischen nach Lösungen sucht. Er habe von Problemen gewusst und dann am vergangenen Samstag das Schreiben bekommen, dass der Helferkreis sich auflöst. Loferer will jetzt noch einmal mit den verschiedenen Seiten reden. »Sie sollen wissen, dass gegenseitiges Verständnis da ist«, so Loferer, der an eine Lösung glaubt. »Die Hoffnung stirbt zuletzt.«

Seit Montag schon kein Deutschunterricht mehr

Wie es genau mit dem Helferkreis nun weitergeht, wird sich erst zeigen. Erste Auswirkungen hatte die Auflösung jedenfalls bereits auf die 33 Asylbewerber: Seit Montag findet kein Deutschunterricht mehr statt, die jungen Männer verbringen die meiste Zeit auf ihren Zimmern. Positiv in die Zukunft blicken wollen jetzt aber Martina Piller und Josef Beck. Sie hoffen, dass sich bald ein neuer Helferkreis bildet und im Gasthof Kampenwand wieder Ruhe einkehrt. jar